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Die Welt · 1898-01-28 · 4 (28.1.1898) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
4 (28.1.1898)
Article
Die Judennoth in Rumänien
Date
1898-01-28
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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■WSNRr tivstcn Rechte deS civilisiertcn Menschen: die Bürgcrrechte. So lange man ihnen diese vorenthält, so lange der Sohn eines jüdischen rumänischen Staatsbürgers, dessen Groß- und Urgroßvater schon im Lande geboren wurden, ein Fremdling ist und Fremdling bleibt, selbst als Ofsicier in der Reserve, so lange darf für Europa die Judenfrage nicht vom Tapet verschwinden. Man hat ganz einfach den Berliner Vertrag, der ausdrücklich die Emancipation der rumänischen Juden stipuliert, verletzt, und darum hat Europa ein Recht, in Rumänien dreinzuredcn. Der Zionismus, der in Rumänien über Tausende von Anhängern verfügt, hat nur zu gewinnen, falls cs den rumänischen Juden im Allgemeinen bcsicr geht. Wie das Lumpenproletariat nicht reif ist für die Ideale der internationalen Socialdemokratie. so ist auch der hungrige, elende und verfolgte rumänische Jude gewöhnlich kein klarer und bewusster, also kein guter Zionist! Es gibt nur ein Mittel, den Juden Rumäniens zu helfen. Es ist das alte Mittel, womit Ferdinand Lassalle einst eine so großartige Agitation einleirete, d a s A n s s P r c ch e n dessen, was wahr ist. Der Westen muss trotz aller kleinlichen Rcgicrungskünste Rumäniens die Schmcrzenslaute aus dem Osten hören. Wenn irgendwo im fernen Afrika *eine mehr oder minder schwarze Bevölkerung leidet, wird die öffentliche Meinung Europas in Bewegung gesetzt und am Trafalgar Square findet Meeting auf Meeting statt. In Rumänien leiden 500.000 Juden, und Europa schweigt! In erster Linie schweigen — die Juden. Würde die rumänische Regierung, würde das Rumäncnthum wissen, dass man sich um das Schicksal der verlassenen unglückseligen Stammesgenossen zu interessieren beginnt, man würde niemals im Judenhass und in der Judenverfolgung so weit gegangen sein, wie in der allerjüngsten Zeit, man hätte nie und nimmermehr Plünderung und Todtfchlag so cynisch. so frivol angezcttelt'. Die Rumänen könnten schon aus nationalen Gründen nicht so Vorgehen, wenn man die öffentliche Meinung Europas für das Schicksal der Parias unter den Juden interessiert hätte. Haben sie doch ein lebhaftes Interesse daran, dass die öffentliche Meinung über die Leiden der 2 Millionen Rumänen in Ungarn, über die man sich — mit Recht oder Unrecht — im Königreich so furchtbar aufregt, unterrichtet werde. Sie würden in arge Verlegenheit gerathen, wenn man ihnen einwenden wollte: Was, Ihr beklagt Euch über die ttaurige Lage der Rumänen in Ungarn, und Ihr erlaubt selbst denjenigen Juden, die sich in Eurer Arm e ausgezeichnet haben, die Officicre in der Reserve sind und die Kricgsmedaille wagen, nicht, sich zu versammeln?- Die Zionisten sind in erster Linie berufen, die Juden Europas über die traurige Lage von Hunderttausenden von Stammesgenossen aufzuklären. Denn man muss diesen Elenden schon jetzt helfen, bevor man sie nach Palästina bringt, schon im Interesse des Zionismus selbst, der, wie gesagt, in Rumänien sehr, viele Vertreter zählt. Sic bluten aus zu vielen Wunden, um gute Soldaten des Zionismus zu bleiben, falls man für die Wahrung ihrer primitivsten Menschenrechte nicht mit aller Macht eintritt. Mögen bei diesem Rettungs- und Licbeswcrke die Zionisten an Benjamin Disraeli denken; war doch dieser Staatsmann, welcher zuerst unter allen Juden die Racenfrage vollauf begriff, zugleich derjenige, zu dessen Lieblingsideen die Emancipation der Juden in Rumänien gehörte._ vr. P. weltchrsirik. Eine interessante Dreyfus-Reminiscenz. Das „Prager Tagblatt" erzählt folgende Episode: In gegenwärtiger Zeit, wo die Affairc Dreyfns nicht zum geringen Thcile das Interesse des Publicums, man kann sagen der ganzen gebildeten Welt, in Anspruch nimmt, dürfte es wohl nicht ganz unangcmessen sein, ein historisches, aber heute in Vergessenheit gerathencs Moment aus der Geschichte der Familie Drehfus. welches besonders für uns Oesterreichcr ansprechend ist, der erneuerten Erinnerung zuzuführcn. Es war im Jahre 1799. Der siegreiche Feldherr Oesterreichs, Erzherzog Carl, begann im Zuge gegen Napoleon I. seine Operationen gegen die Schweiz. Das Operationscorps des Erzherzogs kam auf diesem Zuge in die Gegend von Endingcn in der Schweiz, wo auch das Hauptquartier des Erzherzogs aufgeschlagcn wurde. Endingen besaß eine wohlhabende jüdische Bevölkerung, und so kam es, dass das Quartier des siegreichen Erzherzogs in einem der bestgebautcn Häuser EndingenS, in dem Hause des Vorstehers der israelitischen Gemeinde, deS Michael Drehfus, aufgeschlagcn wurde. Michael Drehfus, ein ehrwürdiger Greis von 70 Jahren, hoher gerader Haltung, eine echte Prophetengcstalt, machte als Hausherr dem Erzherzog seine Aufwartung und Huldigung. Ueberrascht durch daS ehrwürdige, interessante und imponierende Aussehen des Huldigenden, fand Erzherzog Carl an der Persönlichkeit des Drehfus besonderes Interesse und dies umsomehr, als Michael Drehfus in ehrfurchtsvoller Weise die Bitte aussprach, es sei in seiner Religion geboten, bei dem Anblicke gekrönter Häupter einen besonderen Segen zu sprechen, und Seine Kaiserliche Hoheit möge ihm gestatten, dieser seiner religiösen Pflicht nachzukommen Lächelnd gestattete Erzherzog Carl das Ansuchen seines Hausherrn, der, seinen Dreispitz aufsetzend, den Segen über das Haupt seines hohen GasteS in hebräischer Sprache sprach. „Wollen Sie mir Ihren Segen in deutscher Sprache erklären", ersuchte der Erzherzog. — „Gelobt seist Du Ewiger, unser Gott, König der Welt, der Du von Deiner Herrlichkeit auch Menschen mitgetheilt hast", antwortete der Greis. Das Interesse des Erzherzog Carl steigerte sich zum höchsten Grade, und in fremder Sprache einen Diener rufend, gab er demselben einen Befehl, worauf der Diener eiligst sich entfernte. Der Erzherzog unterhielt sich hierauf mit Drehfus über verschiedene OrtS-. Rcligions- und andere Verhältnisse, und im Eifer des Gespräches merkte Drehfus nicht, dass ein fremder Mann mit einer Mappe unter dem Arme eingetreten war, hierauf einen Stift zur Hand nahm, und mit scharfem Blick auf Michael Drehfus zu zeichnen begann. Das Gespräch zwischen dem Erzherzog und seinem Quarttergeber zog sich lange fort. Endlich erfasste Unruhe den-Greis, und sich erhebend sprach er: „Kaiserliche Hoheit, es ist heute Freitag, abends 8 Uhr geht der Sabbath an. Geruhen mich gnädigst zu entschuldigen, ich muss mich entfernen." „Sind Sie fertig?" sprach der Erzherzog zum Maler, und zu dem überraschten Drehfus: „Ich lasse Ihr ehrwürdiges Gesicht copiercn, ich will mir Ihr Bild zum Andenken mitnehmen; ich gestatte Ihnen, sich zu entfernen, beten Sie auch für uns." Welche Ueberraschung bot sich Drehfus, als am Sabbath mittags, als gerade Drehfus mit acht Armen der jüdischen Gemeinde bei Tische saß, der Erzherzog mit seinem Adjutanten ins Zimmer trat. „Großrabbi, stellen Sie mir Ihre Familie vor!" sprach nach freundlichem Gruße der Erzherzog. Drehfus stellte seine Frau und seinen Sohn nebst Schwiegertochter vor. „Ich sehe aber noch mehrere Leute an ihrem Tische?" — „Diese sind heimatslose Arme, auf das Mitleid der Mitmenschen angewiesen; ich weiß nicht, esse ich mit ihnen, oder essen sie mit mir. Es heißt in der heiligen Schrift: ,Gott gibt Speise allem Fleisch, denn ewig währet seine Gnade. Ps. 1L6, 25/ Ich bin nur der Vollzieher seiner Anordnung", sagte Drehfus. — „Wo liegt der Grund der Hilflosigkeit dieser Leute", fragte der Erzherzog. — „Sind die Juden nicht alle heimatslos, müssen wir uns nicht alle mit schwerem Golde unseren Aufenthalt erkaufen? Würde man diesen Leuten eine Heimat geben, sie zur nützlichen Beschäftigung veranlassen, so würde man der Menschheit einen nicht genug zu rühmenden Dienst erwiesen haben", erwiderte der Greis. — „Die Insassen des Landes würden sich aber für einen solchen Zuwachs bedanken", bemerkte der Adjutant des Erzherzogs. — „Wenn man Eigennutz, Vorurtheil und Engherzigkeit um Rath fragen würde, könnte nie etwas Gutes zustande kommen.", war die Antwort Drehfus'. — „Solch edle Gesinnung ist achtungswert", bemerkte, ein Notizbuch aus der Tasche ziehend, Erzherzog Carl; sich etwas notierend empfahl er sich mit den leutseligsten Grüßen von seinem Quarliergeber. Die Folgen dieser kurzen Unterredung blieben nicht aus. Kurze Zeit nach dem Friedensschlüsse erschien, in ganz Deutschland giltig, die Verordnung, dass alle vagabundierenden Juden als heimatsberechtigt dahin gewiesen werden sollen, wo sie geboren wurden, oder sich verehelicht hatten. Das Porträt des Drehfus soll sich noch heute mit der vom Erzherzog Carl verfassten Aufschrift: „Michael Drehfus, die Religion in der Person", in der kaiserlichen Bildergalerie in Wien befinden. — Unzweifelhaft ist Michael Drehfus ein Borahne des heute Vielgenannten. F. P. Der Fall Dreyftts. In der „Petite Röpublique“ veröffentlichte Iaures einen Artikel, dessen Uebcrsctzung (nach der „Arbeiter- Zeitung") zum Theil hier Platz finden soll, da der Arttkel einen Beleg für die Nachrichten unseres Pariser Correspondenten liefert. JauröS sagt, dass die letzten Wurzeln des Dreyfus-Scandales zugleich die Wurzeln der Capitalistenherrschaft seien, und fährt dann fort: „Der clericalc Graf de M u n erklärt, ein jüdisches Syndicat fei im Begriffe, die öffentliche Meinung mitzureißen, die Gewissen zu verwirren, Frankreich auszulicfern. Vielleicht! Aber wenn das überhaupt einen Sinn hat, so bedeutet es, dass Leute, die an die Unschuld von Drehfus innerlich nicht glauben, dafür zahlen, dass seine Unschuld proclamiert werde, dass Politiker, Zeitungen, Parteien gekauft wurden, dass sie die Regierung selbst durch Corruption oder Erpressung in der Hand haben. Und das bedeutet wieder, dass heute in der capitalistischcn Gesellschaft 2, das Geld alles vermag, dass es thun kann, was cs will, mit Menschen und Dingen, mit Gewissen, Gerechtigkeit und Vaterland. Damit sprechen die Clericalen der heutigen Gesellschaft das Berdammungsurthcil. . . Aber wenn der clericale de Mun den liberalen Reinach als corrupt verurtheilt, so bleibt er doch sein Bettgcnosse in der Majorität, die das conservative Cabinet Meline stützt. Wie zwei Galeerensträflinge, die an derselben Kette liegen, sich wohl beschimpfen, aber nicht trennen können, so liegen der feudale Christ und der jüdische Capitalist an der Kette derselben Regierung, sie schelten einander, aber sie lassen sich nicht los . . . Auf der anderen Seite, unter den Leuten, die behaupten, dass Drehfus das Opfer eines Verbrechens sei. gibt es neben vielem Gesindel gewiss auch ehrliche Freunde des Rechtes, und vor allen wird, wer ein Mann ist, Zola bewundern. Aber auch ihm muss Eines gesagt werden. Er kann seine That nicht trennen von der Gesellschaft, von dem socialen Milieu, das sie umgibt. Nun, hinter seinem kühnen und edlen Angriff marschiert die ganze verdächtige Bande der jüdischen Schmarotzer, tückisch und gierig erwartend, dass irgend eine persönliche Neinwaschung für sie herausspringe und Gelegenheit zu neuer Missethat gebe. Es scheint ein Widerspruch, aber es ist eine Thatsache: indem Zola einen Theil der Mächte der Unterdrückung niederschlägt, kommt er in Gefahr, einen Theil der Mächte der Ausbeutung zu stärken. Das kann aber nur geschehen, wenn seine That isoliert bleibt, wenn sie nicht ergänzt wird durch die That des revolutionären Proletariats, das allein logisch zu sein vermag und ans Ende gehen kann. An den Socialisten ist es, zu verhindern, dass, wenn der clericale Militarismus die Schlacht verliert, sie nicht vom Capitalismus gewonnen werde. Die Arbeiterschaft kann sehr bald vor der Nothwendigkert stehen, einzugrcifen. Die Clericalen werfen den Ruf in die Straßen: „Tod den Juden!" und vergessen, dass das Volk verstehen könnte: „Tod dem Capital!" Die Mörder der Commune - spielen sich als die Communards der Sa-

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