Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 4 (28.1.1898)
- Article
- Pariser Brief
- Date
- 1898-01-28
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Protest gegen Zola organisiert war, beigewobnt haben, um sich eine Vorstellung von 'der Intensität des antijüdischen Gefühles machen zu können. Ich, der ich in der Versammlung war, habe jetzt erst so manches mit Blut beschriebene Blatt unserer Geschichte verstehen gelernt. Eine ungeheure Menge erfüllte den Saal. Die Mehrzahl der Leute war mir schweren Bleistöcken ausgerüstet. Ohne Unterlass durchschwirrten Schmährufe gegen die Juden die Luft. Und dieser Menge setzte man die Theorien Drum onts auseinander. Man wehrt sich dagegen, dass die Bewegung gegen die Juden religiösen Motiven entspringe. Nur gegen die jüdische Race werde der Kampf geführt. Mit den Gegnern der antisemitischen Einberufer kommt es zu fortwährenden Streitigkeiten. Da ruft einer plötzlich: „Ein Jude ist da!" Augenblicklich wirft sich eine wüthende Menge mit geschwungenen Stöcken, geballten Fäusten und hassverzerrten Gesichtern auf den Unglücklichen. „Hinaus! Tod dem Juden!" so gellt es durch den Raum. Mit Mühe und Nolh kann der Mann der Menge im Saale entrissen und vor die Thüre gebracht werden. Trotz dieser und ähnlicher Scenen gelang es keinem der antisemitischen Redner von der Tribüne herab durch längere Zeit zu den Versammelten zu sprechen. Auf der Tribüne befanden sich der Graf de Mun, Provost de Launay, Jules Guerin und andere. Die Gegenmanifestanten, die im ganzen Saale vertheilt waren, ließen die Redner nicht zu Worte kommen. Als alle, die gekommen waren, uw für Zola zu demonstrieren, sich in der Mitte des Saales vereinigt hatten, waren sie die Herren desselben. Fast eine Stunde lang behaupteten sie ihn unter Hochrufen auf Zola und Pereatrufen auf Rochefort. Auch die Carmagnole wurde gesungen. Die Antisemiten hatten entschieden ein Fiasco erlebt. Eine interessante Thatsache soll hier nicht unerwähnt bleiben. Die handvoll Leute, welche in diesem Saale, wo der Judenhass aus jedem Worte, jeder Geste, ja oft aus dem Gesichte der meisten Versammelten nicht sprach, sondern förmlich schrie, mit soviel Begeisterung und Erfolg gegen die Veranstalter demonstriert haben, waren zumeist jüdische Arbeiter und Studenten. Alle einigte der Kampf gegen den schmachvollen Rechtsbruch, der ihre Nation schänden will. Da standen sie Mann für Mann und Schulter an Schulter für ihr Volk ein, ein einig Volk von Brüdern, trotz ihrer gegnerischen Anschauungen. Ich aber weiß es seit diesem Abend sicher: Wenn die Zeit gekommen sein wird, dass sich das jüdische Volk sammle, da werden viele kommen, die das heute selbst noch nicht ahnen. Zweideutig ist leider die Stellung der französischen Socialisten in dieser Sache. Ich habe schon letzthin des Manifestes, das sie erlassen haben, an dieser Stelle Erwähnung gethan. Bei der Ausdehnung, welche die Sache genommen hat, ist es bereits hoch an der Zeit, dass sie ihre Stellung klar präcisieren. In ihrem „Manifest an das Proletariat", das vor mir liegt, erklären sie, dass sie das Wesentliche der Affaire Dreyfus nicht interessiere, dass sie keinen Grund haben, speciell gegen den Ausfall der einzelnen Richtersprüche sich aufzulebncn. Während also alle Welt an Irregularitäten der gerichtlichen Procedur glaubt, finden die Socialiften keine Ursache, dagegen sich aufzulehnen. Sie sehen eben in der Dreyfusaffaire nur den Auflösungsprocess der capitalistischen Gesellschaft. Für sie Handel: es sich nur um den Kampf von Bourgoisparteien. Auf der einen Seite befinden sich die Clericalen, auf der anderen — doch ich will das Manifest selbst sprechen lassen — „die andere Seite, die jüdischen Capitalisten verspüren, dass es nach all' den Scandalen, welche sie in Misscredit gebracht haben, einer kleinen Rehabilitierung bedarf, damit sie ihren Beureamheil bewahren können. Wenn sie in Bezug auf den einen von ihnen zeigen könnten, dass es sich um einen Justizirrthum und um ein öffentliches Vorurtheil handle, so würden sie in der directen Rehabilitierung des Einzelnen ihrer Classe und in Uebereinstimmung mit ihren Verbündeten, den Opportunisten, darin die directe Rehabilitierung der ganzen judaistischen und panamistischen Gruppe suchen". Dass es sich also um den uralten Kamps gegen die Juden handelt, dass Dreyfus nur wegen seines jüdischen Ursprunges leiden muss, das berührt die Socialiften nicht weiter, die doch sonst das Gewissen der Gesellschaft zu sein behaupten. Für sie kommt bei dieser Sache nur der nahe Sturz der bürgerlichen Gesellschaft in Frage, den sie nun zum so und sovieltenmale erwarten. Weil Dreyfus reich war, so kann nach ihrer Ansicht nur das Classeninteresse die Juden mit ihm verbinden. Was wäre es aber, wenn Dreyfus ein armer Teufel wäre, und dann diese so menschenfreundlich construierte Ansicht der Socialiften unstichhältig schiene? Wir zweifeln nicht, dass sie ihn nichtsdestoweniger auf irgend eine Weise zum Capitaliften gemacht hätten; denn nach ihrer Anschauung — und das ist ja die Versündigung an ihrem eigenen Dogma — deckt sich Jude und Capitalist. Es ist traurig, wenn man sogar den Socialiften, die das doch wissen sollten, erklären muss, dass beiweitem der größere Theil der Juden sogar zu den ärmsten und unglücklichsten Proletariern gehört. Und diese Proletarier sebcn in der Affaire Dreyfus nicht den nahen Sturz der bürgerlichen Ordnung, sondern sie wissen sehr gut, dass das Unrecht gegen Dreyfus auch für sie eine Drohung bedeutet, dass aus dieser Angelegenheit auch ihnen nur allzuleicht Unglück und Verderben erwachsen kann. In der Socialistengrnppe aber nimmt M ' l l e r a n d eine hohe Stellung ein. Er ist jüdischen Ursprunges, wenn nicht selbst der Religion nach Jude. Seine Mutter war eine Jüdin, sein Onkel, der in Paris wohnt, heißt Cahen und ist Juwelier. In seiner Jugend besuchte Millcrand häufig die Synagoge und erregte das Gefallen der Rabbiner, die auf ihn große Hoffnungen setzten. Jbre Erwartung har das Kind auch nicht getäuscht, in gewissem Sinne wenigstens. Heute ist Millerand ein Führer der Socialiften, reich, besitzt einen großen Einstnss und — basst ein wenig, oder vielleicht auch sehr, die Juden. Uebrigcns ist er nicht der Einzige. Der Cbefredacteur des „S o i r", der so heilig gegen die Revision des Proccsses Dreyfus ouftrat, ist ein Jude mit Namen Gaston Pollonais. Für seinen Eifer und dre guten Dienste, die er geleistet hat, erhielt er zu Neuj.'br den Orden der Ehrenlegion. Der getaufte Jude Arthur Meyer, hat im „Gaulois" einen förmlichen Kreuzzug gegen alle Freunde der Revision eröffnet und so die antisemitische Campagne unterstützt. Die Juden, welche Actionäre der „Revue de Paris“ sind, haben ErnestLavisse zum Schweigen gezwungen. Das sind so einige Beispiele, wie würdevoll und muthig sich einzelne Juden aus der Gesellschaft betragen. Sollen auch wir Zionisten in dieser ganzen Angelegenheit einen Auflösungsprocess sehen, der zu einer Regeneration des Judenthums, zu einer nationalen Wiedergeburt führen wird? Wir wollen wenigstens hoffen, dass es uns so beschieden sei. ^rxus. Dir Iudrnnvth in Rumänien. ii. Die intelligenten rumänischen Juden haben, sobald sie im Lande bleiben und sich redlich nähren, die Hölle auf Erden zu erdulden. Ihre ganze Culwr hat sie von der Onhodoxie getrennt, und wie dicS im Osten stets der Fall, ist die noch frische Kluft scheinbar größer und schwerer überbrückbar als anderwärts. So sehnen sich die inielligenten jüngeren Elemente mit allen Fibern ihres Wesens nach nationaler Be» thätigung, nach specifischem Rumänenthum. Für sie ist die nationale Cultur eben die Cultur überhaupt, für die Söhne der orthodoxesten. Juden Europas wird das speeifische Ruu'änenlhum zum Menschenlhum. Diese nationale Cultur aber dürfen sie nicht oder nur geschmälert genießen: der Besuch der Volksschulen und Gymnasien steht den Rumänen unentgeltlich frei, Juden aber nicht; sie müssen ein verhältnismäßig hohes Schulgeld entrichten. So schließt man sie von dem aus. wonach ihre Seele alter StammrSgewodnheit und Tradition gemäß im meisten dürstet: von der Bildung Auf der Universität studieren jetzt noch viele von ihnen, aber bange fragt sich der B obachrer: wozu? Sie werden jetzt unter theilweise günstigen financiellen Bedingungen, wenn auch unter hundert Demüthigungen als Kreisärzte angeftellr, weil man sie vorläufig nicht entbehren kann. Das wird sich aber bald ändern. Sonst bleiben den Juden so gut wie alle höheren gesellschaftlichen Stellungen »erschlossen. Sie dürfen weder Advocaten noch Richter, weder UniversiiätSprofessoren noch Miltclschullehrer sein. Selbstverständlich werden sie auch nicht active Officiere. obzwar die 2—3 M litärS jüdischen Ursprungs, die es zu hoher Stellung gebracht, sich in ganz besonderer Werse auszeichnen. Mit größtem Rasfinement versteht sich der Rumäne darauf, die Juden für das Rumäncntbum zu interessieren, um es ihnen dann vorzuenthalten. Der formale Demokratismus des Landes hindert ihn nicht, die Juden nicht nur culturcll. gesellschaftlich, national, sondern auch politisch als Parias zu betrachten. Sie dürfen sich nicht versammeln, sie dürfen ihre Klagen nicht laut werden lassen; si. müssen schweigend dulden. Das vor allem ist es, was man von ihnen verlangt: lautloses Dulden. Damit der Westen nichts vernehme, damit ja nicht nach Paris und London die Kunde dringe von den Heldenthaten des freien Rumänenthums. Die Rumänen können sich nicht einmal darauf berufen, dass die Juden als Fremdlinge einer compacten rumänischen Masse gcgenüberständen. Ich will nicht davon reden, dass einige tausend Juden nachweisbar schon am Anfang des Jahrhunderts in der Moldau ansässig waren; aber ist nicht das Rumäncnthum an den leitenden Stellen, im Heer und in der Politik, in erheblichem Proccnlsatz durchsetzt von bulgarischen und griechischen Elementen? Man glaube ja nicht, dass sich dtese vollkommen assimiliert hätten! ES gibt viele rumänische Juden, besonders in der Wallachei, die besser rumänisch sprechen, wie mancher griechisch-rumänische Minister. Ich berufe mich auf daS Zeugnis deS größten Dichters des Landes, Michail Eminescu, der (in seiner IV. Satire) höhnisch der Griechen und Slaven erwähnt, die sich heutzutage in Rumänien als Nachfolger Trajans aufspielen. Das. was die rumänischen Juden fürs Erste erstreben, hat nichts mit einer Assimilation, mit einem vollkommenen Aufgehen deS JudenlhumS in der rumänischen Masse zu thun. Was sie erstreben, find die primi