Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 4 (28.1.1898)
- Article
- Der schwarze Mann
- Date
- 1898-01-28
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315747-3356816--03951-3356913- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
•eite 4 «r. 4. ticmatitcit dem italienischen Ministerium wichtige Dokumente seines staatsrechtlichen Vaterlandes überliefert. Auch das aber wäre ein fast unbegreifliches Verbrechen, das man ohne ausdiücklichcs Geständnis des Angeklagten niemals glauben sollte. Und in jedem Fall liegen solche Motive bei Drcyfus gar nicht vor. Genau das Gcgentheil! Dreyfus sollte Dokumente an Deutschland ausgeliefert haben. So lautete die Ursprunglichc Anklage, und wenn Fälscher und Verdunkler jetzt Russland nennen, so machen sie, wie wir gleich sehen werden, das Unerklärliche nicht erklärlicher Das deutsche Reich und die Deutschen musste Drcyfus geradezu tödtlich Haffen. Denn er war ja ein Elsässer, der nach der Annexion nach Frankreich ausgewanderl war und den „Räubern des geliebten Elsass" ihren Raub niemals verzieh. Außerdem war Drcyfus Jude und französischer Officier. Unmöglich konnte er also für Drutschland schwärmen, welches ja, nach der falschen Lesart der meisten Juden, ganz allein die Schuld am Wiedcrerwachcn des Antisemitismus trägt und jüdische Qfficicre längst nicht mehr in seinen Reihen duldet. Dreyfus also hatte gar keinen Grund Deutschland zu lieben, wohl aber von seinem Standpunkt aus, reichlichen Grund zum Hass. Und Russland? Nun, so hoch man den französischen Patriotismus des Ex-Capitäns veranschlagen mag, so war vielleicht auch noch etwas uraltes Stammesgcfühl in ihm, welches die Begeisterung für den glorreichen Alliierten ein wenig dämpfte. Oder etwa nicht? Gut, ich nehme an, dass fein überschwänglicher Patriotismus altjüdische Gefühle laut übcrtönte. In Russland also sah er nur noch den glorreichen Alliierten — aus Patriotismus. Und diesem Alliierten verricth er sein Vaterland — auch aus Patriotismus? Man sieht auf welche Albernheiten jede nähere Untersuchung schließlich hinausläuft. Dr-yfus war reich; er lebte in behaglichen Verhältnissen und hatte durchaus keine Ursache, sich aus Habsucht in furchtbare Gefahren zu stürzen. Und auch sonst konnten die beiden Länder, die als seine Auftraggeber genannt werden, keine große Anziehungskraft auf ihn ausüben, sondern mussten erbitterten Hass, zum mindesten starke Abneigung in seiner Brust erwecken. Warum also, so fragt man immer und immer, wurde Drcyfus zum Vcrräther? Das Kiicgsgcricht und das französische Volk haben sich freilich über dieses „Warum" nicht lange den Kopf zerbrochen. Warum? Er ist ja der Böse in höchsteigener Person, der schwarze Mann, der Satan — Jude! Aus dieser Ucberzeugung heraus erklärt sich auch der hartnäckige Widerstand, den Frankreich der Revision des Dreyfus-Proccsscs cntgcgeus tzt. Unter gewöhnlichen Verhältnisse«. wurde Walsin-Eßterhazy nach Veröffentlichung der Uhlauenbriefc ganz unmöglich geworden sein. Aber schließlich ist er doch ein Mensch, und die ganze Menschheit fühlt sich solidaiisch — gegenüber dem Teilstl. Ein Raubmörder und Bandit ist keine sympathische Erscheinung. Wenn er aber mit dem Bösen in einen Kampf auf Leben und Tod hineingeräth dann ergreifen doch noch die Frommen im Lande Partei für ihn, der im Handumdrehen zu einem Helden und Heiligen wird. Wer Dreyfus oertheldigr. gilt in Frankreich als advocatus diaboli, und der aufg.klärte Franzose ist viel weniger duldsam, CHnn die katholische Kirche, die dem Satansanwalt eine gewisse Existenzvercchtigung zugestcht. Aber der Vcrthcidigcr eines Dr-.yfus, der Bcrrhcidiger, man denke, eines Juden — nieder, nieder mit ihm. pfui Zola! Sollten aber jene heldenhaften Männer, die sich ihrer Nation in den Weg warfen, wirklich die Revision des Proceffcs durchsetzen, nun, so ist das Satanslist, Ausgeburt der Hölle - Judcngcld! Ohne Zweifel, dieser blinde, wahnsinnige Glaube an den schwarzen Mann demoralisiert. Gerechtigkeit, Vernunft, gewissenhafte Ueberlcgung können nicht bestehen, so lange man dem Märchen von der Existenz eines absolut Bösen noch Glauben schenkt. Für eine ziemliche Weile wird aber dieser Glaube den Völkern gar nicht auszutr eiben sein. Es wäre eine Lüge, sich cinrcden zu wollen, dass ein „judenreincs" Land immer und ewig von sittlichen Krisen verschont bleibt, wie sie geacnwärkia qanz Frankreich erschüttern. Und wenn es nicht die Juden sind, dann ist cs die politische Opposition, welche die Zeche bezahlt. DaS aber ist auch ganz natürlich. Die schwarze Farbe des schwarzen Mannes ist nämlich kein genügend sicheres Kennzeichen, da sie nur der Einbildungskraft des Volkes entspringt. Der Kerl muss erst noch irgend ein anderes Merkmal haben, bevor man ihn überhaupt anschwärzt. Dieses Merkmal aber? Dass er anders ist, ganz anders als seine lieben Mitmenschen. Entweder andere Nase und Haare, anderen Gesichtsschnitt — oder andere Gefühle, andere Gedanken, eine andere Weltanschauung. Aus diesem letzten Kreis der Unter'chicde entspringt bekanntlich die politische Opposition, mit welcher eine gewaltthätige Regierung die großen Kinder so leicht zum Gruseln bringt. Aber die Anschauungen wechseln und ändern sich überraschend schnell, und die politische Minorität kann morgen schon Staat und Gesellschaft beherrschen. Dagegen Nase, Haare, Gesichtsschnitt — ewige Götter, nicht Weihwedcl, nicht Taufwasser bringen diese hartnäckigen Dinger zum Schweigen. Da nun die Juden zerstreut unter Völkern leben, die nicht nur an Sinnes-, sondern vor allem an Lcibesart verschieden von ihnen sind, so erblicken diese Völker in dem Juden das passende Object, um ihr heißes Bedürfnis nach dem schwarzen Mann ein wenig zu stillen. Das i st der ganzeJnhalt derJudenfrage. Alles übrige, religiöser, ökonomischer und politischer Aufputz, wechselt mit der Zeit und hat mit dem Wesenskern der Frage nicht das Geringste gemeinsam. Die Lösung dieses Problems fällt aber zusammen mit jener anderen Frage, wie es wohl möglich wäre, die Völker ganz allmälig vom Alp des schwarzen Mannes zu befreien und zu reifer Sittlichkeit zu erziehen. Die Lösung ist, dass Gleichgeartetcs sich findet und Unterschiedenes sich sondert. Nationen können sich höchstens dann verstehen und in Wahrheit lieben, wenn sie sich nur in den ausgesuchtesten Exemplaren und in ihren Culturen kennen lernen — sonst nicht. Wer eine wirkliche Verbrüderung, ein geeinigtes Europa erstrebt, muss bis zu einem gewissen Grade die territoriale Sonderung der Nationen und eine Festlegung des umhcrgehetzten jüdischen Stammes wollen. Sonst verschwindet niemals der schwarze Mann, dieser ärgste Feind jeder gereisten Cultur und sittlichen Vervollkommnung. Sorralreforrnen für Neu-Zion. Vorgeschlagen von Michael Flürscheim. IH. Tauschbanken. Was ist das Geld der heutigen Welt? Es besteht aus zwei grundverschiedenen Dingen, nämlich dem Warengeld und dem Z e i ch e n g e l d. Das Goldstück ist Warengeld, der argentinische Dollar ist Zeichengeld. Das erstcre ist eine Ware, deren Marktwert als Ware gleich ist ihrem Geldwert, das letztere ist ein an und für sich wertloser schein, dessen Geldwert auf der Thatsache seiner allgemeinen Annahme als Geld in dem Lande der Ausgabe beruht. Es gibt auch hybride Gelosorten, die thcils Warengeld, thcils Zeichcngeld sind, z. B. unser Silbergcld, das kaum zur Hälfte Warengeld, zu mehr als der Hälfte Zcichengeld ist, oder österreichische, deutsche, englische rc. Banknoten, die, soweit sie ungedeckt, Zeichengeld sind, soweit Bardeckung dafür hinterlegt ist, zwar kein Warengeld sind, aber doch Warengeld vertreten, Bezugsscheine für Warengeld sind. Es ist bekannt, dass die Edelmetalle nicht die einzige Geldware sind, dass Vieh, Tabak, Getreide rc. die gleiche Rolle spielten oder noch spielen, und ich brauche auch nicht auf die Vorzüge hinzuweisen, welche den Edelmetallen den Sieg über ihre Concurrcnten verschafft haben. Ich will nur einen großen Nachtheil andeuten, den sic gegenüber jenen mit sich brachten, und an den man gewöhnlich nicht denkt. Dieser Nachthcil besteht darin, dass jene anderen Waren meist solche waren, die jedermann selbst erzeugte, denn das Vieh war Geld bei Viehzüchtern, der Tabak bei Tabakbauern rc.. während die Edelmetalle nur von wenigen aus *) Vergr. Nr. 26 und 27 „Die Welt", 1. Jahrgang.