Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 4 (28.1.1898)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1898-01-28
- Page
- 3 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 4. «eite 3. Die Woche. Wien, 27. Jänner 1898. Wegen Dreyfus werden jetzt in Algier die Juden ausgeplündert. Damit aller Welt die Schwierigkeiten der Revision einleuchten, werden die Häuser der Juden in Brand gesteckt. Um Eßterhazys willen schlägt man sie auf der Straße nieder. Sie bestreiten mit ihrer Habe die Gerichtskostcn jener Affairc, und das Porto für die offenen Briese Zolas bezahlen sie mit ihrem Blute. So viel ist schon von dem Syndicate gesprochen und geschrieben worden, das die Spesen der ganzen Dreyfus- Campagne trägt, nun weiß man, wer die Hauptkapitalisten sind, mit welchen Summen sie rechnen müssen. Es ist ein uraltes Syndicat, weitverzweigt über alle Länder der Erde, und älter als die Scandale des Kriegsgerichtes über Dreyfus, und es hat in vielen, vielen Fällen schon mit Gut und Blut die Kosten bezahlt für das Unrecht anderer. Dieses Syndicat wird stets in Angelegenheiten gemengt, mit welchen es nichts zu thun hat. Was ist den Juden in Algier Dreyfus? Was ist ihnen Eßterhazy, was haben die Juden in Algier mit den Machenschaften zu thun, die im Kriegsministerium zu Paris zum Himmel duften? Was haben sie für Antheil an dem edlen Zorn Emil Zolas? Dennoch müssen sie für alles büßen. Dennoch wirst man ihnen die Fenster ein mit den Rufen: „Es lebe Eßterhazy!" und haut sie nieder unter der Devise: „Fort mit Zola". Allerdings kann man die Sache auch umdrehen, und auf eine andere Gruppe mit der größten Leichtigkeit anwenden. Was ist denen, die jetzt in Algier die Juden massacricren der Gefangene auf der Tcufelsinsel? Was ist ihnen Boisdeffre und Paty du Clam und die Ehre der Armee? Das ist die Gruppe, die von altersher mit unserem Syndicate ihre turbulenten Geschäfte abzuhandeln hat. So wie eine Sache ins Kochen kommt, tritt diese Gruppe in Action und kassiert sich mit Hepp-Hepp, mit Steinwürscn und Feuerbrändcn ihren Antheil ein, beim Syndicat. Die Gasanleihe der Stadt Wien ist zustande gekommen, — endlich. Man hat geglaubt, das Regiment des Dr. Lueger werde an der Unmöglichkeit, seine Unternehmungen zu financiercn, zugrunde gehen. Und darüber hat man gejubelt. Das sind die falschen Freuden und thörichten Hoffnungen gewisser Juden, die von solchen localen Entgleisungen die Lösung der Judenfrage erwarten. Hätte die Gasanleihe Herrn Dr. Lueger vom Bürgermeisterstuhl verdrängt, würde er und sein Gefolge der Herrschaft verlustig geworden sein, dann wären sie eben aufs neue hinausgezogcn in die Versammlungen und hätten dem Volke erzählt, die Juden seien an allem Schuld, die Juden seien so mächtig, dass sie alle guten Werke verderben können. Die ganze Hetzgesellschaft, die sich jetzt behaglich auszuruhcn beginnt, wäre wieder losgelassen gewesen, wenn man sie aus dem Amte gescheucht hätte. Es ist die alte von der Hand in den Mund lebende Politik, die es gewünscht und sich gefreut hat, dass die Schussgeld-Antisemiten wieder in die Agitation gestoßen werden. Die Werke des Dr. Lueger mögen sein wie sie wollen, financiert und durchgeführt werden sie für oder gegen ihn aussagen, werden sein Ansehen stärken oder schwächen. Allein es war nur zu natürlich, dass sich das jüdische Capital fernab von diesen Unternehmungen gehalten hat und hält. Dass diese Haltung erschwerend war und die Perfectuierung der Gasanleihe verzögerte, ja fast in Frage stellte, mag einzelnen Juden eine kleine Genugthuung gewesen sein. Was aber sollen die Armen und Acrmsten im jüdischen Volke zu ihrer Rechtfertigung Vorbringen. Sie sind ja nicht schuld, dass der Dr. Lueger das Geld für sein Gas beinahe nicht gefunden Härte. Und dennoch, wir fürchten, dass unser Syndicat, dessen Filiale in Algier jetzt wieder in Anspruch genommen ist, zuletzt auch noch die Kosten der Wiener Gasanleihe wird tragen müssen. In Budapest hat sich ein Soldat erschossen. Er hätte wegen seiner Intelligenz und guten Schrift in die Kanzlei kommen sollen. Sein Lieutenant aber misshandelte ihn, und beantragte sein Verbleiben in der Compagnie. Der junge Mann erhielt von seinem Lieutenant in der Jnstructionsstunde eine Ohrfeige, und auf Befehl desselben ohrfeigten ihn sämmtliche vierzig Mitschüler und spuckten ihm ins Gesicht. Hierauf griff der Bestrafte zum Revolver. Name und Todesursache: Isidor Pollacsek. Der schwarte Mann. Von L. Lublinski. Der schwarze Mann! Der Böse! Oder der Teufel! Oder der Jude! Die Namen thun zur Sache nichls. Oder doch ja! Eine gewisse Berseinerung der Dolksinstinkte und eine Aufklärung des Verstandes wird durch den Wechsel der Namen allerdings bewirkt. Als ein kleiner Knabe fürchtete ich mich, genau wie alle meine Altersgenossen, gar sehr, allein in einem dunklen Zimmer zu weilen oder des Nachts durch einen „Wald" (soll heißen Kastanienallee) spazieren zu gehen. Wenn mir aber meine Kameraden von Hexen, Gespenstern und Wölfen vorerzählten, so lachte ich höhnisch. Ueber meine Jahre hinaus trieb ich Aufklärung, Philosophie, und darum waren für mich die Hexen ein überwundener Standpunkt. Was mich aber in dunkler Nacht so furchtbar zum Erzittern brachte, war die Erinnerung an die glorreichen Thaten des seligen Schinderhannes und des Rinaldo Rinaldini. Eines Tages, fünf Uhr abends im Winter, ergriff die ganze Kindcrschar schreiend die Flucht, weil in der besagten Kastanienallec eine weiße Gestalt auftauchte. Ich hielt sie sür einen Räuber und die anderen für ein Gespenst. Aber ich glaube kaum, dass ich minder schnell davonrannte, als meine Kameraden. So aufgeklärt, wie ich damals war, sind gegenwärtig die Franzosen. Diese Voltaireaner glauben nicht mehr an Gott und rechnen darum den Juden die Kreuzigung auf Golgatha nicht zum Verbrechen au. Auch glauben sie, kraft hygienischer Aufklärung, nicht an Brunnenvergiftung, und auch das Blutmärchen wurde in Paris bisher nicht colportiert. Aber der Jude als schwarzer Mann lebt auch bei den Franzosen unverwüstlich fort. Nur ist er gegenwärtig Räuber und Schindcrhannes, vor allem aber Vaterlandsverräther. Und warum? Aus Habsucht? Aus Rachsucht? I, bewahre! Der Teufel ist eben der Teufel — basta. Der Verdacht, Dokumente an Deutschland verrathen zu haben, siel auf den Hauptmann Dreyfus. An und für sich scheint es unerklärlich, wie sich gerade auf diese Persönlichkeit dieser Verdacht lenken lassen konnte. Der Vaterlandsverrath ist zum mindesten ein gefährliches Handwerk, das nicht aus bloßer Laune betrieben wird. Und ein Desperado lässt sich darauf ein, dessen sociale Stellung total erschüttert ist, und der Geld braucht, viel Geld, welches er seinen zahllosen Gläubigern in den unersättlichen Mund stopft. Dreyfus aber ist reich. Die hübschen Erzählungen von seiner Geldnoth und seinen Maitresfen erwiesen sich als Seifenblasen, die zerplatzten, wie man sie anblies. Dreyfus also hatte gar nicht nöthig, sich um Geld.zu bemühen. Er konnte sein Leben in Wohlsein und Behaglichkeit und ohne Gefahren verbringen. Warum also sollte er sich Hals über Kopf in ein Gewerbe stürzen, das nicht nur seine bürgerliche Ehre heillos ruinierte, sondern mit furchtbarer Gefahr an Leib und Leben verbunden war? Warum? Das fragt Ihr noch, o Ihr Naiven! — Der schwarze Mann, der schwarze Mann! Der Teufel, der Jude, der Böse an sich! Und weiter! Manchmal kann ja ein unersättlicher Hass einen Mann zum Vaterlandsverrath treiben. Vielleicht gehört er dann mit seinem Herzen nicht seinem nominellen Staat, sondern einem andern Lande an, dem er sich durch Nationalgefühl und Stammesart näher verwandt fühlt. In aufgeregten Zeiten mag cs psychologisch möglich scheinen, dass etwa ein, sagen wir sranzössicher Osficier italienischer Na-