Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 4 (28.1.1898)
- Article
- Der Fall Mendl
- Date
- 1898-01-28
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Bruders sagt, dass eS seine Pflicht sei, an eine befriedigende, endgiltige Lösung der Judenfrage zu denken, so ist er über die Zumuthung empört, denn in England bestehe keine Judenfrage, dort gebe es nur Engländer und Fremde, anständige Leute und Verbrecher, die Religion sei reine Privalsache und habe mit den Pflichten und Rechten eines freien Staatsbürgers gar nichts zu schaffen. Was veranlasst aber Mr. Marcus Adler, feine Glaubensgenossen im Namen der jüdischen Religion — denn das und nur das bedeutet „Judenthum" den Engländern jüdischer Confession — in der freien Wahl eines politischen Vertreters beeinflussen zu wollen? Ist das Gesetz Mosis und der Propheten gegen ein Sonderparlament in Irland, oder nimmt der Schulchan Aruch gegen Gladstone für Lord Salisbury Partei? Was in aller Welt hat die jüdische Religion von einem Siege der Homerulepartei zu befürchten? Die lächerliche Einmischung Mr. Marcus Adlers in die Wahlangclcgenheit von Plymouth hat von Seite unabhängiger Juden in England so beißende Commenrare gefunden, dass es überflüssig ist, die als Frechheit gebrandmarkte Handlung (Henry Lazarus in der „Times") noch weiter zu charakterisieren. Aver in einem Punkte ist Mr. Adler großes Unrecht geschehen. Kein Mcrnch hat nach dem seelischen Beweggründe gefragt, der ihn veranlasst hat, sich und seine englischen Gesinnungsgenossen an den Pranger zu stellen. Wir glauben, diesen Beweggrund zu verstehen und können ihm deshalb den taktlosen Eingriff verzeihen. Mr. Marcus Adler hat etwas von jener Phantasie, von jener gesammkjüdischen. durch tausendjährige Schlaflosigkeit erzeugten Nervosität, welche die Gefahr ahnt, lange, lange, bevor sie erscheint. In ruhigen Zeiten, unter normalen Verhältnissen, geht der Jude immer mit dem Volk; das ist so selbstverständlich, dass cs nicht erst besonderer oder gar lobender Hervorhebung bedarf. Wenn Menschen auf dcinsclben Buden zusammcnlcben, haben fle das gleiche Interesse, sich gegen die Uebcrmenschen zu schützen; daher sind die Juden naturgemäß liberal, volksfrcundlich, — in normalen Zeiten. Ist das Volk verhetzt und verführt, ist das Gefühl des gemeinsamen Interesses zerstört, dann wenden sich die Juden ebenso naturgemäß an die Wenigen, die sich ihre Menschlichkeit bewahrt haben oder ein Interesse daran haben, sie gegen die aufgewühlten Brassen zu schützen. In Zeiten politischer Verwirrung und gegenstitiger Verfolgung flüchten sich die Juden zur Regierung; die „Kammcrknechtc" und „Schtttzjudrn" haben rn den Tagen der ärgsten Judenverfolgungen bei geistlichen und weltlichen Fürsten das nackte Dasein zu retten vermocht. Hat der Rath Mr. Marcus Adlers wenigstens die Berechtigung, dass die conservativc Partei den englischen Juden zuverlässigere Bürgschaften für die Zukunft bietet, als die liberale und radikale Opposition? Fast zur selben Z.it, während welcher im Süden von England der liberale Jude Mcndl das Compliment „German Jew" von den Wählern seines conservativen Rivalen zu hören bekam, erlebte ein conservativcr Jude im Norden etwas, das ihm hoffentlich in Erinnerung bleiben wird, w.nn ihm Dr. Adler und seine Gesiunungsgenossen erzählen werden, er sti ein Engländer jüdischer Confessiou. Mr. Sinclair hatte ursprüuglia, Schlesinger geheißen, halte sich aber oollständkg anglisiert und ist heute in Sprache und Betrag n von den Abkömmlingen der normännischen Eroberer nicht zu unterscheiden. Seine polnische Uebcrzcuguug führte ihn in's Lager Lord Salisbury's, und seine conservativen Freunde haben ihm voriges Jahr einen Sitz im Parlam nte vcrichasst. Diesem Herrn wurde von seinen ländlichen Wählern die Ehre zuthcil, an einem Untcrhaltungsabcnde den Vmsitz in ihrem Club zu übernehmen. Mr. Sinclair scheute den weiten Weg nicht und begab sich von London in das entfernte Dorf. Er setzte sich auf seinen Platz, cröffnete den Abend und citheiltc dem Clubobmann das Wort. Und was war das erste, was er von dein Redner zn hören bekam? Mr. Siriclair habe die Erwartungen seiner Wähler schändlich getäuscht. Er sei nicht um seiner Beredsamkeit oder Gesinnung willen gewälilt worden, sondern weil er eine Menge Geld habe. Nun aber hätte er sich geweigert, gewissen Gesuchen von Seiten seiner Wähler stattzugebcn, das fei nicht die Handlungsweise eines Gentleman, sondern eines Parlamentsmitgliedes deutscher Provenienz (an M. P. made in Gennany). Sie sehen, Mr. Marcus Adler, conservativc Gesinnung ist kein ausreichender Schutz gegen den Schimpf „German Jew“! Oder sollen sich die Juden überhaupt der Politik begeben, auf ihr activcs und passives Wahlrecht verzichten und sich auf dieGüte und Weisheit der arisch-christlichen Gesetzgeber verlassen? Das ist der Kern, den der Fall Mendl enthält. Was bei den Engländern Liberal und Conscrvativ ist, das heißt in Amerika Republikaner und Demokrat, bei uns zu Lande Slavisch und Deutsch. Dass jeder Jude ein durch die Staatsgrundgesctze gewährleistetes Recht hat, in politischen Dingen wie jeder andere Staatsbürger zu denken und nach seiner politischen Ueberzeugung zu wählen, ist so klar, dass der Protest der englischen Juden gegen die komische Ermahnung Mr. Marcus Adlers übertrieben hitzig erscheint. Das Recht hat den Juden auch Mr. Adler nicht bestritten. Aber es ist nicht eine Frage des Rechtes, sondern der Klugheit — es handelt sich ja um Politik! Ist es klug, wenn jeder Jude ausschließlich das Programm der Partei, die ihm zusagt, berücksichtigt und mit Hintansetzung aller Wünsche, die er in Bezug auf sich und seine Stammesgenossen hat, seine Stimme abgibt, wie nur irgend ein anderer Mitbürger arischer Abkunft und christlicher Confession? Thalsächlich ist das bis heute sowohl in England wie bei uns die Ucbung gewesen. Die Juden sind in England in Bezug auf politische Wahlen nicht im geringsten organisiert; es gibt kein Beispiel, in welchem die Juden in evrxore liberal oder conscrvativ gestimmt hätten. Ganz wie bei uns. Wenn es sich nicht direkt um Gegnerschaft gegen einen Antisemiten handelt, wählt jeder Jude nach der Ueberzeugung, die er sich von dem Wert oder Unwert einer Partei gebildet hat, ohne den entferntesten Gedanken daran, seine Stimme als einen Besitz, ein Capital zu betrachten, für das man persönliche Vonheile erkauft. Ist das politische Klugheit? Wie machen's die anderen? In England, wo die politische Reife am höchsten steht, ohne an politische Fäulnis zu streifen, hat jeder Wähler seinen persönlichen Standpunkt. Politische Fragen, die den Gesammtstaat betresst n, haben ihr Gewicht, das ist kein Zweifel; wenn die conservativc Partei cs heute versuchte, die Redefreiheit zu beschränken, so würde stder Engländer ohne Ausnahme, Katholiken, Protestanten, Ouäkcr, Juden, Mohammedaner, Protcctionistcn, Freihändler, Temperenzler, jedes Spccialinteresse fallen lassen und sich ausschließlich von seiner Ueberzeugung bezüglich der Redefreiheit bestimmen lassen. Aber wann gilt cs, über solche Fundamentalfragen zu entscheiden? Wie viele solcher Umwälzungen sind im Staatslebcn Englands seit der Rcformbill von 1832 vorgekommcn? Gewöhnlich handelt es sich um das Interesse einer größeren oder kleineren Gimppe, um einen Ausschnitt aus dem Kreise, der den Gesammlstaat umfasst. Politik ist in England Interessenvertretung. Jede Gruppe muss dazuschauen, dass sie nicht zu kurz komme, ohne die 'Nachbargruppe zu verkürzen. Das, was im Leben des Einzelnen Recht genannt wird, heißt im Leben der Gruppen Politik. Aber die Gruppen sind nichts Beständiges, Unbewegliches. Die Arbeiter, welche heute geschlossen für eine sociale Gesetzgebung kämpfen, können morgen als Anhänger der Staatskirche und Nonconformiften einander in erbittertem Streite gcgcnüberstehen, wenn es gilt, die Frage der Entstaatlichung der Kirche zu lösen. Bei den letzten Wahlen haben die — Temperenzler in geschlossenen Scharen gestimmt! Ihnen gegenüber haben die Schankgenossenschaften ihre Streiter ungeniert in den Kampf geschickt. Ich denke, wir Juden haben das Recht, zu thun, was man weder Temperenzlern noch Schankwirten missgönnt. Jedenfalls ist die Frage in England jetzt ins Rollen gekommen. Das hat der Fall Mendl bewirkt.