Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 4 (28.1.1898)
- Date
- 1898-01-28
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315747--03943-3356910- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nedsrtion > Erscheint jeden Freitag. « Preise der Nnreigen: und Administration: Zuschriften sind nicht an einzelne Personen, sondern an Die viermal gespaltene Petit¬ Wie«, die Redaction oder Administration: Wien, IX., Türkenzeile 10 kr. IX., Türkenswaße 9. straße 9, zu richten. Telephon Nr. 8805. Unfrankirte Briefe werden nicht angenommen und I Manuskripte nicht zurückgesendet. | Pnzelllk Nummern 13 kr. Oesterreich-Ungarn: halbjährig 3 fl. — 6 Kr., ganzjährig 6 fl. — 12 Kr.; für daS Ausland: Deutschland . ganzjährig 13 Mk. 70 Pf., halbjährig 6 Mk. 65 Pf.. England ganzjährig 14 Shg., halbjährig 7 Shg. Rußland ganzjährig 7 R., halbjährig 3 R. 50 Kop., Schweiz, Frankreich. Italien, Türkei. Rumänien, Bulgarien. Serbien, Griechenland, Egypten ganzjährig 17 Frcs., halbjährig 8 Frcs. 50 Cts. Amerika ganzjährig 3 Doll. 40. Nr. 4. Wien» 28. Jänner 1898. 2. Jahrgang. Der Fall Mendl. Von Keo Rafaels. Es ist eine verzwickte, beinahe tragikomische Geschichte. In einer großen englischen Hafenstadt bewerben sich bei einer Nachwahl zwei Candidaten um das Parlamentsmandat. Der eine wird von den Conservativen aufgestellt, und er zieht in die Wahlschlacht mit dem Schlagwortc von der Einheit des Reiches. Großbritannien soll durch die Sondergclüste der Iren nicht zerrissen werden, cs sei Pflicht eines jeden denkenden und patriotischen Engländers, sich den irischen Wünschen aufs Thatkräftigste entgegenzustemmen. Mit anderen Worten: cs sei die Pflicht der Bewohner von Plymouth, dem conscrvativcn Bewerber ins Parlament zu verhelfen. Der zweite Candidat schwärmt für das liberale Programm, und der Glaube Gladstones, dass ein irisches Sonderparlament eine Staatsnothwendigkeit sei, ist auch der seine, die Vergewaltigung der keltisch-katholischen Schwesterinsel von Seiten des germanisch-protestantischen England sei eine Schmach, die nur durch eine bußfertige, wenn auch späte Umkehr gesühnt werden könne. Diese Schlagworte sind seit dem Uedertritte Gladstones ins Lager der Lvmerule-Partci bei jeder großen und kleinen Wahl bis zum Uebcrdrussc wiederholt worden, sic haben kaum noch für englische Wähler, sicherlich aber für uns keinerlei Interesse. Aber in Plymouth hat sich etwas Besonderes ereignet. Der liberale Candidat, der sich der unterdrückten Iren annimmt, heißt Mendl. Der Name ist keine Täuschung. Er selbst wurde im Jahre 1866 in England geboren, ist in England naturalisiert und hat eine ausgezeichnete, durchaus englische Erziehung genossen; aber sein Vater stammt aus Rumänien und hat cs versäumt, sich bei seiner Niederlassung in England einen normannischen, keltischen oder angelsächsischen Namen, etwa Mcyncll oder M'Donncll oder Mendhill zu kaufen. Das hätte seinem Sohne beinahe das Mandat von Plymouth gekostet, denn sein Gegner hat aus dem Namen Mendl das norhwcndigc politische Capital geschlagen, und der Spottruf „German Jew“ hat dem liberalen Candidaten wochenlang in die Ohren gegellt. „G-erman Jewa ist viel schlimmer als Hcpp, hcpp!, schon deswegen, weil es auch der englische Jude als Beleidigung empfindet, sowie bei uns der polnische Jude alle Uedcrlcgenhcit seines mährischen oder böhmischen Stammesgenosscn zu kosten bekommt. „German Jew“ ist ein Schimpf von raffiniertester Bosheit; der vererbte Hass, der sich in der Figur des Shylock Lust gemacht hat, und die täglich im Wachsen begriffene eifersüchtige Furcht vor Deutschland sind in dem Vorwürfe wirkungsvoll vereinigt. Es ist in der That erstaunlich, dass der Jude Mendl seinen Gegner Gucst mit etwa hundert Stimmen Vorsprung zu schlagen vermochte. Doch dieser antisemitische Zwischenfall hat für uns nicht das geringste Interesse, erstens weil uns derartiges auch in England nicht überrascht, zweitens weil es ein Verkennen der englischen Verhältnisse wäre, aus einem Parteimanöver irgendwelche Schlüsse auf die Stimmung in der Bevölkerung zu ziehen. Die Wähler von Plymouth, welche „German Jew“ riefen, sind wahrscheinlich Antisemiten; aber der Ruf allein vermag cs nicht zu beweisen. Was uns an dem Falle Mendl interessiert, das ist die Wirkung, welche das Hcpp! hepp! von Plymouth auf die angelsächsischen Bürger jüdischer Confession ausgcübt hat. Wie vorauszuschcn war, hat das entsetzliche Ereignis den ersten Angelsachsen der Gemeinde aufs tiefste getroffen. Man kann cs sich ansmalcn, wie die Familie des Chics-Rabbi Dr. Adler von dem boshaften Schimpfworte der Wähler von Plymouth erschreckt wurde. „German Jew!“ Ein Stockcugläudcr wie Mendl, der in England geboren ist, neben den Söhnen von'Grafeu und Herzogen aus der Schulbank gesessen und auf einer der altehrwürdigen urcnglischcn Universitäten seinen akademischen Grad errungen hat, ein „German Jew!“ Herrgott noch einmal! das kann ja morgen ihm selber, dem obersten Angelsachsen jüdischen Glaubens, passieren. Ja, wie war das nur möglich? Was hat die angelsächsischen Mitbürger christlicher Confession über Nacht zu solch unerhörter Verleugnung der Gleichheit und Freiheit verführt? Ach ja, die unglückselige Candidatnr Mendls! Was hat ein Jude überhaupt zu candidicrcn und seinen Namen in die Oessentlichkeit zu bringen! Noch dazu einen solchen Namen! Und was hat ein Jude mit den Iren zu schassen, was geht es einen Angelsachsen jüdischen Glaubens an, wie cs den Kelten aus der grünen Insel ergeht? Also das ist cs: erstens hat ein Jude schön still hinter den unsichtbaren Ghettomaucrn zu sitzen, er hat in dem politischen Schlachtgetüuuncl da draußen gar nichts zu suchen; zweitens heiße man nicht Mendl, wenn man schon so klug ist, in England ans die Welt zu kommen; drittens habe man als geborener Engländer jüdischen Glaubens keine keltischen Sympathien. Zu diesen logischen Schlussfolgerungen muss man in der Familie des Chics-Rabbi von England gelangt sein, denn. Marcus Adler, der Bruder des obersten Scclenhirtcn, setzte sich hin und schrieb eine Epistel an die jüdischen Wähler von Plymouth, darin er seine Glaubensgenossen davor warnt, dem Freunde der irischen Homcrulcpartei ihre Stimmen zu geben, da dies eine Gefahr für das Gesamintjudenthum involviere. Pflicht der Juden sei cs, conservativ, im Sinne der gut angelsächsisch gesinnten Bevölkerung zu wählen. Der Brief ist, auch wenn der Chief-Rabbi ihn nicht veranlasst hat, ein wertvolles Documcut. Wenn mau einem englischen Juden vom Typus des Chies-Rabbi oder seines