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Die Welt · 1898-01-21 · 3 (21.1.1898) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
3 (21.1.1898)
Article
Paris
Date
1898-01-21
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Geile 14. Nr. 8. dass seine Interpellation über das angebliche Geständnis Dreyfus Samstag verhandelt werde; er will dieselbe an Stelle seiner Interpellation über die Grundsteuer-Entlastung setzen. Es herrscht Krisenluft. Paris. 18. Jänner. Wie gemeldet wird, fanden im Laufe des Abends in Bordeaux und Montpellier antisemitische Kundgebungen statt, ohne dass cs zu ernstlichen Ausschreitungen gekommen wäre. In Nantes wurden von den Demonstranten einige Auslagen jüdischer Geschäfte zerstört und aus diesem Anlasse mehrere Individuen verhastet. Paris. 19. Jänner. Clemenceaus „Aurore" berichtet von einem Briefe Björn so ns an Zola. Der berühmte Schriftsteller schreibt an Zola: „Wie beneide ich Sie! Wie möchte ich an Ihrer Stelle sein und dem Vaterlande und der Menschlichkeit einen Dienst leisten, wie Sie es eben thun!" Paris, 19. Jänner. Die Gegner der Revision des Processcs Dreyfus bereiten für Samstag ein neues Meeting und für Sonntag eine große Kundgebung vor. Die Veranstalter der für nächsten Sonntag geplanten Kundgebung haben auch in der Provinz das Losungswort ausgcgebcn, damit zur selben Stunde wie in Paris Kundgebungen in Marseille, Nantes, Bordeaux, Rennes und Lille stattfindcn. In Clcrmont-Ferrand gab es gestern wieder eine antisemitische Studentcndemonstration, die jedoch ohne ernsten Zwischenfall verlief. Dem „Petit Journal" zufolge har Esterhazy auf den Rath der Militärbehörde darauf verzichtet, in der jetzigen erregten Zeit irgendwelche Zwischenfälle hervorzurufen und erkennt an, dass feiner Ehre durch die Freisprechung Genugthuung geleistet worden ist. General Gallisfct soll beabsichtigen, zu Gunsten Picquarts einzugreifen. In Bezug auf die Angelegenheit Zola ist zu melden, dass die Richter Bertulus, Athalin und Raimbaud am Abend eine lange Besprechung hatten, doch soll an den Gerichtshof die Sache noch nicht herangetretcn sein. Vorläufig erzählt der „Gaulois", im Justizpalast sei man der Meinung, dass eine geheime Verhandlung im Process Zola nicht werde angcordnet werden. Paris, 19. Jänner. Die socialistischcn Deputierten fordern das Land in einem Manifeste auf, denjenigen Misstrauen entgegenzubrungen, welche unter dem Deckmantel des Antisemitismus einen Thcil der Staatsbürger zurr Vortheile eines anderen Theiles expropriieren wollen, indem sie dabei eine militärische Gefahr vorschützen. Nancy, 17. Jänner. Dreihundert Studenten durchzogen am Abend die Straßen unter Pfuirufen auf Zola, die Juden und Dreyfus und den Rufen: ..Tod den Juden!" und demonstrierten vor der Synagoge. Die Menge wurde zerstreut und sechs Verhaftungen vorgenommen. Nantes, 18. Jänner. Nachmittags fand eine antisemitische Kundgebung statt. Die Polizei traf strenge Maßregeln. Lyon, 18. Jänner. Studenten veranstalteten vor der Synagoge und vor gcschlossencnen jüdischen Kaufläden Kundgebungen. Sie wurden zerstreut, sammelten sich jedoch mehrmals wieder, wobei es zu Handgemengen kam. Ein berittener Wachmann wurde verwundet. Es wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen. Die Kundgebungen dauern au. Marseille, 18. Jänner. Heute Vormittags veranstalteten mehrere Studenten und andere Personen Kundgebungen, wobei verhöhnende Rufe auf Zola und die Juden ausgebracht wurden. Die Polizei zerstreute die Manifestanten und nahm zwei Verhaftungen vor. Nach Schluss eines Abends abgehaltencn Meetings erneuerten sich die Kundgebungen vor den geschloffenen Geschäflsläden israelitischer Kauflcute. Die Polizei zerstreute die Volksmenge. Marseille. 19. Jänner. Die Demonstrationen dauern an. Alle den Juden gehörenden Kaufläden sind geschloffen. Militär patrouilliert in den S'raßcn. Der Maire erließ einen Aufruf zur Beruhigung der Bevölkerung. Brüssel, 18. Jänner. Die belgische Presse organisiert eine große Demonstration für den Tag der Eröffnung des Zola-Proccsfes. Tie Universitären, Vereine und Körperschaften werden Depeschen an Zola in den Gcrichtssaal abfcnden. Auch ein Monsrre-Meeling wird vorbereitet. Rom, Der Ofservatore Romano schreibt zu den antisemitischen Ausschreitungen in Frankreich: Der Judaismus habe auch in Frankreich alles Maß des Zulässigen überschritten. Wie Panama, sei auch die Dreyfus-Affaire von Juden und jenen abtrünnigen Franzosen veranstaltet worden, welche die Helfershelfer dieser ewigen unversöhnlichen \ ude der christlichen Völker sind. Ein anderes Element habe sich esem innigen Bunde bergemischt: der Protestantismus; alle drei ereint arbeiten sie an der Schädigung Frankreichs. Vereinsnachrichten. Wien. In der jüdisch-akademischen Lesehalle findet am 22. Jänner ein Vortragsabend statt, bei welchem Herr Rcdacteur Heinrich Glücksmann einen Vortrag unter dem Titel „Anti", eine literarische Zeitplauderei, halten und daran anschließend Herr Recitator I. Raphael Faelberg „Tie heilige Nacht", Novelle von Bork-Steiner, vortragen wird. Wie«. Die jüdisch-academische Lesehalle hat an Zola ein Telegramm abgeschickt, worin sic ihn zu seiner heldenmüthigen Stellungnahme in der Affaire Dreyfus beglückwünscht. Im Vereine „Zion" (II.. Rembrandtstraße 11) wird Dienstag 25. Jänner d. I. Herr Hof- und Gerichlsadvocat Dr. O. K o k e s ch einen Vortrag über „Das neue Ghetto" halten. Beginn 7 Uhr abends. Zeits chriften-Rnnds djau. Der Londoner „Sketsch" bespricht in einem sehr sympathischen Artikel die zionistische Bewegung und die Colonialbank. In schmeichelhafter Weise wird auch der „Welt" gedacht. „Ter wahre Hajoctz" in Bukarest bringt unter anderem in einer seiner letzten Nummern das Resumö über die Judenverfolgungen in Rumänien. Der Verfasser des betreffenden Artikels meint, es sei traurig, dass die rechtlosen Juden es erst von anderen lernen mussten, dass sic für ihre Zukunft nicht gesorgt haben, trotzdem ihre Vergangenheit und Gegenwart sie dazu geradezu dränge. Der Artikel schließt mit der Aufforderung, den Gedanken der Wiedergeburt des jüdischen Volkes im eigenen Lande zu pflegen und den zionistischen Bestrebungen mit hin- gebu gsvollem Eifer sich zu widmen. An anderer Stelle bespricht ein Mitarbeiter des Blattes den bekannten Artikel des Herrn Tr. Glaser im „Berliner Tageblatt". Der Artikel wird mit geistvoller Ironie anaylsicrt und ad absurdum geführt. Der „Woschod", seit Jahrcn das einzige in russischer Sprache erscheinende Organ für inc Interessen des jüdischen Volkes, nimmt auch Stellung zu den Auslastungen des Dr. E. Glaser. Zum Schlüße des ausführlichen Auszuges aus dem bekannten Artikel im „Berliner Tageblatt" stellt der „Woschod" die berechtigte Frage: „Es ist nur eines unbegreiflich; niemals pflegt man zu einer geheimen Besprechung eu pet.it coinite die Theilnchmcr durch Glockengcläute zusammenznrufcn. Wozu hat es Dr. Glaser nölhig gehabt, die ganze Angelegenheit an die große Glocke zu hängen V Alles das, waS er jetzt durch die „Allgemeine Zeitung" und das „Berliner Tageblatt" der Ocstentlichkeit übergeben hat, konnte er doch privatim den Leuten mittheilen, denen er auch sein großes Geheimnis anzuvertraucn gesonnen ist. Auch war cs sehr naheliegend, dieses Geheimnis der „Jewii'h Colomsalion Astociation" mitzntheilcn. Es ist etwas „ewig Weibliches" in diesem diplomatischen Bestreben des Dr. Glaser, die Neugierde zu wecken, und das Wesentliche zu bergen. Es ist möglich, dass der von Dr. Glaser in Aussicht genommene Landstrich geeignet erscheint, um dort eine Colonie oder eine ganze Reihe von Colonicn zu errichten, für Hunderte, tausende, ja dundcrtlauscnde von Juden, aber dadurch wird die Lösung der Judenfrage ebensowenig erzielt, wie durch alle bisherigen Versuche dieser Art." Dieser Standpunkt dürfte von allen einsichtigen Juden in Russland gcthcilt weiden, da das jüdische Volk daselbst doch das Hauptcontingcnl bei allen bis jetzt unternommenen Versuchen bildete und begreiflicherweise sich zu keinen weiteren Experimenten für einzelne Personen hergebcn will, auch wenn diese Ehrendoctoren sind: sein Schicksal will cs selbst in die Hand nehmen, um für seine Erlösung sich selbst cinsetzcn. Von Neujahr erschein! der „Woschod" in erweitertem Umfange und zweimal wöchentlich, nachdem das russische Ministerium des Innern als oberste Pressbehörde dazu seine Erlaubnis ertheilie. Für die nächsten Monatshefte des „Woschod" sind unter anderem zwei Artikel über den Baseler Conarcss angekündigt: „Erinnerungen vom Baseler Congress" vom Herausgeber Herrn Adolf Landau und „Anlässlich des Baseler Congrestes" von M. Maryulies Der letzte „Jewish World" veröffentlicht ein Interview mit dem Rabbiner Harris J f aacs von Johannesburg über die Lage der Juden in Südafrika. Ter Rabbiner erzählte, dass die Einwanderung der Juden immer mehr amvachsc. und dass man sie dort nicht schlecht behandle. Wer arbcitcit wolle, könne leben. Aber die meisten Einwanderer seien keine Albeiter, sondern Händler Vor einiger Zeit hatte es die Regierung versucht, die Eimvaudeiuug. womit hauptsächlich die der russischen Juden gemeint war, zu verbieten, schließlich sei sie aber doch davon abgckommen. Die jüdischen Gemeinden entwickeln sich gedeihlich, aber von der Regierung erhalten sie gar keine Unterstützung. Die Schulen subventioniert die Regierung nur unter der Bedingung, dass in denselben die protestantische Religion gelehrt werde. DaS Klima fei rucht sehr niild und erfordere daher eine kräsiige Constilurion. Leider hat es der Reverend unterlaüen, sich über die politische Zurücksetzung der Inden im Transvaal anszusvrechen. Er hatte uns dann erzählt, dass die Inden von den schwcrmüthigen, bibelglänbigen Bocrn zwar geduldet werden, ohne j doch die poliriiche Gleichberechtigung oder ein Wahlrecht oder eine Möglichkeit zur Erlangung eines Amtes zu haben. Tie wiederholten Teputaiiorrcu au die Regierung, respcctive den Präsidenten Krüger hatten nur den Erfolg, dass die gesetzliche Bestimmung, wonach der Polieeman jeden Juden ohnewcilers verhaften und vor den Richter führen könne, nicht etwa aufgehoben, sondern „milder" gehandhabl werden soll. Denn die Boern — meinte Reverend Jfaacs — sind sehr religiös und betrachten die Juden als das Volk der Bibel.

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