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Die Welt · 1898-01-21 · 3 (21.1.1898) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
3 (21.1.1898)
Article
Wien
Date
1898-01-21
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. B. Veite 18. Händen sind und Waisenhäuser mit einem großen Fassungsraum bestehen. In Wien sei nichts, als ein Waisenverein, der vom Cultusvorstande subventioniert wird und unter dem Vorsitze des Herrn David v. Gutmann Unbedeutendes leistet. Die Errichtung eines eigenen Waisenhauses sei das zu verwirklichende Ideal, und dazu soll die Oeffentlichkeit beitragen. Die „verlassenen" Kinder — und darunter seien sowohl die Waisen, als alle, bic der elterlichen Aussicht entbehren, zu verstehen — sollen nicht zu Rangen heranwachsen, sondern zu Menschen und Juden erzogen werden. Redacteur Lichten st adt empfiehlt die Abgabe von Kindern an ländliche Pflegeparteien und Errichtung von Waisencolonicn. Dr. S. R. Landau empfiehlt die Erweiterung des Begriffes „verlassene Kinder". Man möge auch der Kinder gedenken, deren Eltern zwar physisch am Leben sind, die aber ihre Kinder weder verpflegen noch ernähren können. Insbesondere möge wenigstens im Winter für eine Ausspeisung der Schulkinder, die zuhause kein Mittag erhalten, vom Cultusvorstande gesorgt werden. Redner verweist darauf, dass selbst in kleinen galizischen Gemeinden eine solche Ausspeisung ftattfindet oder wenigstens vom Cultusvorstand subventioniert wird. Darauf bemerkt Frau Adler, dass in der Leopoldstadt zwei Vereine für diesen Zweck bestehen. Aber in den anderen Bezirken, besonders in den Vorstädten, wo so viele arme Juden wohnen? Frage 8: „Sollen Armenärzte und Krankenpfleger und Krankenpflegerinnen (außerhalb des Krankenhauses) . bestellt werden?" Kais. Rath Dr. K o h n spricht sich gegen die Anstellung besonderer Armenärzte aus. Es gebe in Wien genug Spitäler, eine Poliklinik, und außerdem ordinieren alle Privatärzte gern unentgeltlich. Redner befürwortet jedoch die Anstellung von eigenen Accoucheuren und Hebammen, da die Armenärzte für dieses fpecielle Fach weder ausgerüstet, noch genügend aseptisch seien und die Hebammen gezwungen seien, bei armen Wöchnerinnen selbst die Verbandstoffe aus Eigenem beizustellen. Die eventuellen Auslagen würden durch die raschere Reconvalescenz und geringere Inanspruchnahme der öffentlichen Wohlthätigkeir belohnt werden. Die Anstellung von jüdischen Armenärzten, meint aber Redner würde unter den Christen „böses Blut" machen. Experte Licht en stad t hält jüdische Armenärzte fürgeboten und empfiehlt die Gründung eines Vereines jüdischer Krankenpflegerinnen, bei dem „gewisse Jüdinnen, die sich so sehr für den Socialismus begeistern,' Gelegenheit hätten, ihre socialistische Gesinnung an den Tag zu legen." Dr. S. R. Landau verlangt vom Cultusvorstand vorerst eine Regelung der Arzneienfrage. Die „Chcwra Kadischa" vertheile zwar Gratismedicamente, aber nur an Einwohner der zehn Bezirke, die Einwohner der Vorstädte erhalten keine. Nach dieser Richtung müsse also Wandel geschaffen werden. Er verweist gegenüber Dr. Kohn aus einen crassen Fall, dass ein k. k. Armenarzt, Jude, einerarmen Frau, die sich einer Operation im Spital unterziehen musste, ein Krankhcitszcugnis nur gegen Bezahlung einer Krone ausslellen wollte. (Rufe: Pfui! Wer ist das?) Redner erklärt, den Nam.n aus Schonung öffentlich nicht nennen zu wollen, er sei bereit, dies privat zu thun. Dr. Ascher erzählt, dass viele Leute auf die Gratismedicamente lieber verzichten, ehe sic den weiten Weg von den Vorstädten in die Seitenstettengasse unternehmen. Hiemir wird die Enquete geschloffen. ExperteKanders spricht dem Cultusvorstand den Dank aus und bittet denselb-n, bei der Reform der Armenpflege einen Experten als Beirath beizuziehcn. Dr. Steiner resümiert die Verhandlungen, Baurath v. Gold schm id l als Obmann der III. Scciion und Kais. Rath Kling er als Präsident danken. Das Protocoll der Enquete dürfte im Druck erscheinen und es wird sich dann noch vielleicht Gelegenheit bieten, auf dieselbe .zurückzukommen. Prossnitz. (Orig.-Corr."> „Das Schilda unter den mährischen Judengemeinden ist Prossnitz. Überall pulsiert neues Leben unter den Juden, blos hier Halten sie — durch frühere Wahlkämpfe erbittert — es für ihre Lebensaufgabe, als Deutsche die herrschenden Czechen zu hassen — und das unter Aufopferung ihrer wirtschaftlichen Interessen. Die jüdische Studentenschaft gar, die sich in zwei Verbindungen getbeilt, ist neuerdings deutschnational, schwärmt von Uren- und Bärenfellen, singt das Bismarcklied und die „Wacht am Rhein" und berauscht sich an Heilobs auf Allmutter Germania. Ein köstliches Telegramm gieng so neulich an Lecher nach dessen bekannter Rede ab: „Solche Führer wie er, gieb uns Wodan noch mehr, und die Welt gehört den Gemanen!" (Dahn). Umso höher ist es unter solchen Verhältnissen dem neuen Rabbiner Herrn Dr. Goldschmied anzurechnen, wenn er in seiner Chanukapredigt unerschrocken und k,ästig eine Lanze für den Zionismus brach. Dies blieb auf die erwachsene Intelligenz nicht ohne Eindruck. Prag. (Orig.-Corr.) Die Excess; gegen die Juden haben zwar in Prag selbst keine Fortsetzung gefunden. In anderen Städten aber finden noch immer Ausschreitungen statt. So wurden in Krzinetz bei Nimburg in der Nacht vom 7. auf den 8. Jänner den Juden die Fenster eingeschlagen und der jüdische Friedhof fast gänzlich demoliert. Von den Thätcrn konnte die Behörde keine Spur entdecken. Krakau. (Orig.-Corr.) Seit einigen Tagen erscheint hier ein neues Monats- „eventuell" Halbmonatsblatt „Krakauer jüdische Zeitung", als dessen Herausgeber Herr Ahron Markus figuriert. Wird sind nach der ersten Nummer noch nicht in der Lage, über die Stellung dieses Blattes zur zionistischen Organisation ein endgiltigcs Ürtheil zu fällen; wir wollen hoffen, dass es ein Parteiblatt werden wird, denn nur dann hätte es eine Berechtigung. Was jedoch jederman auffallen muss, ist die eigenthümliche Haltung dieses Blattes im jetzigen Wahlkampfe. Herr Markus polemisiert gegen meine letzte Correspondenz und fällt unseren Zionisten, die die jetzige Präsidial-Coterie bekämpfen, in den Rücken, indem er die bisherige Kahalwirtschaft vertheidigt. Dass der bisherige Cultusvorstand weder auf dem Gebiete der Jugenderziehung, noch in socialer oder cultureller Beziehung etwas für die jüdische Bevölkerung geleistet hat, sondern einfach die Gemeindeeinkünftc aufgespeichert hat, unter vollständiger Vernachlässigung des jüdischen Charakters der Gemeinde, findet Herr Markus durchaus nicht tadelnswert, denn „von Reformen wollen wir nichts wissen, auch wenn sie noch so wohlmeinend sind"; er streicht vielmehr die assimilatorischen Kahalmacher noch heraus, weil sie „ein bedeutendes Activum" haben. Wenigstens findet jemand noch etwas an ihnen zu loben. Dass es gerade ein Zionist und Herr Markus ist, finde ich doch bedenklich. Allerdings wir Zionisten haben alle darüber unsere Meinung. Nur möchte ich dem Herrn Markus zurufen: „Es thut mir in der Seele weh. Dass ich Dich in der Gesellschaft seh." 8. R. Frankreich. Paris, 17. Jänner. Die Affaire Dr e y f u s - E sie rh a z y wird für die Negierung immer gefährlicher. Schon jetzt har das Ministerium nur nach schwerem Kampfe eine Majorität für die Vertagung der Interpellation Cavaignac, zusammengefunden, der Aufklärung verlangte über das angebliche Geständnis, das Dreyfus dem Capilän Lebrun-Rcnaud gemacht haben solle. Viele solche Pyrrhussiege dürfte das Ministerium nicht mehr zu verzeichnen haben. Mittlerweile gestaltet sich die Personalaffaire zu einer politisch bedeutsamen Sache. Gegen Abend wiederholten sich die bekannten Demonstrationen gegen Zola. Trotz aller Vorsichtsmaßregeln gelang cs einem Trupp von fünfhundert Studenten und Commis, meist halbwüchsigen Burschen vom Ouartier Latin, das andere User zu erreichen. Unter Rufen : „Nieder mit Zola!", „Es lebe die Armee!", „Tod den Juden!" durchzogen sie die Straßen. Der immer stärker werdende Nebel zerstreute allmälig die Menge. Die Redacrion der antisemititischen "Libre Parole" ist illuminiert! Auch aus Marseille und Lyon kommen Nachrichten über Demonstrationen. In Marseille har eine Menge von fast tausend Leuten den Juden die Fenster eingeschlagen und jüdische Läden geplündert; cs wurden Leute verhaftet und auch verwundet. In Lyon kam es zu einem Kampfe zwischen Studenten, die das Journal „Peuple", das für Zola Partei ergriffen hatte, angriffen. und dem Rcdactionspersonale, das die Studenten durch Stockschläge und Steinwürfe verwundete und zurückschlug. Paris, 18. Jänner. Kriegsminisrer B i l l o t überreichte die Klage gegen den Geranten des Journals „Aurorc" und gegen Zola dem Justizminister, welcher dieselbe dem Generalanwalt übermittelte. Paris, 18. Jänner. Wie nun verlautet, werden Zola und der Gerant der „Aurore" vor den Geschwornen angcklagt werden. Die Verhandlung kann nicht vor Februar statrsinden. Clemenceau wird nicht angeklagt werden, er wird jedoch das Recht in Anspruch nehmen, sein Blatt zu vertreten. Als Verlheidigcr Zolas wird nicht Waldeck-Rousseau, sondern Laborie fungieren. Aus allen größeren Provinzstädten, so Marseille, Bordeaux, Nantes und Lyon, treffen Meldungen über Demonstrationen gegen Zola ein. welch zumeist einen aus-eprägl antisenntischen Charakter- Halten. In Rennes demonstrierten die Studenten gegen den Professor Andrade, welcher den bekannten Brief an General Mercier geschrieben bat; sie schrien: „Demission! Nieder mit Andrade!" In Paris mehrt sich die Zahl der Anhänger der Revision, welche insbesondere Gelehrten- und Künstlerkreisen angehören. Die „Aurore", welche Zolas Brief enthielt, wurde in 300.000 Exemplaren abgesetzt. In der Kammer herrscht beute lebhafte Aufregung über die vorgestrigen Vorgänge. Zudem besteht Cavaignac darauf.

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