Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 3 (21.1.1898)
- Article
- Linz [Nachricht]
- Date
- 1898-01-21
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
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Seite 12. Nr. 3. Die zionistische Bewegung Spende« für zionistische Zwecke find an Herrn Dr. O. Kokesch, Hof- und Gerichts- Advoeaten in Wien, I., Singerstrafie 25, zu senden. fEtttf. Am 16. Jänner fand in Linz, der Landeshauptstadt Obcrösterrerchs, im Saale des Hotels „Stadt Frankfurt" eine Versammlung behufs Besprechung der allgemeinen Lage des Judenthums in socialer und nationaler Richtung und der Gründung einer zionistischen Ortsgruppe statt. Anwesend waren bei 300 Personen aus Linz. Steyr, Salzburg. Klagenfurt und anderen Orten der Alpenländer. Bon Wien aus waren die Herren zur. M. Bernhardt. Präses des „Kadimoh". und Redacteur Schalit erschienen, welche, lebhaft begrüßt, in formvollendeter Weise und in zündenden Worten das Wesen und die Grundzüge der zionistischen Bewegung erörterten. Der stürmische Beifall der Versammlung bewies, dass auch der Boden der Alpenländer für die zionistische Saat vorbereitet ist und dass, wenn auch die geringere Anzahl der Glaubensgenoffen den (Nolusdruck nicht so hart empfindet wie anderwärts, doch das Brüderlichkeitsgefühl für alle Stammesgenoffen stark und wach ist. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Mor. Friedmann drückte seine Freude darüber aus, dass die Jugend, die dem Judenthum so lange entfremdet schien, sich die jüdische Sache so voll angelegen sein laffe, und wenn er auch nicht mit allem, was vorgebracht worden sei, einverstanden sein könne, werde er doch mit Wort und Thal für die gute Sache eintreten. Bon auswärts waren Depeschen und Zustimmungskundgebungen cingelaufen, so auch ein begeisterter Brief des Herrn Rabbiners von Steyr. Zum Schluffe wurde folgende Resolution einstimmig angenommen : „Die heute in Linz versammelten Juden der Alpenländer sprechen den Herren Referenten Dank und Anerkennung und volle Uebereinstimmung mit ihren Ausführungen aus. erklären sich mit den Beschlüffen des Baseler Congresscs einverstanden und beschließen im Princip die Gründung einer Ortsgruppe im Sinne der Baseler Bcschlüffc." Die sofort eingcleitcte Schckelsammlung ergab einen nennenswerten Betrag. Mit dem Ausdrucke des wärmsten Dankes für die in selbstloser Weise erschienenen Wiener Herren schloss die Versammlung, die erste jüdische Versammlung in den Alpenländern. Dolina. Am 6. Jänner fand in unserer Stadt eine jüdische Volksversammlung statt, auf deren Tagesordnung der Zionismus stand. Der Vorsitzende, Herr Leib Litwak cröffnete den Abend mit einem Referate über die politische, sociale und ökonomische Lage der galizischen Juden und pries den Zionismus als den einzig möglichen Ausweg auS dieser verworrenen Situation. An das Referat schloss sich eine längere Discussion an. die als Resultat die Gründung einer zionistischen Ortsgruppe ergab. In das ComilS wurden die Herren L. Litwak, H. Rubin, M. Weinreb, S. Langner, O. Meister und I. S e ll er gewählt. Berlin, 17. Jänner. Die „Berliner Zionistische Bereinigung" hat sich endlich constituiert. Hoffentlich bewährt sich an ihr der Spruch: Was lange währt, wird gut. Gerade in Berlin war die Begründung einer zionistischen Vereinigung mit eigenthümlichen Schwierigkeiten verknüpft. Gar übermächtig residiert hier das Assimilationsjudenthum. das aber andererseits, aus heimlicher Furcht vor unserer jungen Bewegung, einem verkappten Wohlthätigkeitszionismus nicht abgeneigt wäre, natürlich in der Erwartung, auf diese Weise den Zionismus langsam in den Sumpf führen zu können. Manche unserer Gesinnungsgenoffen. die nur daS Vorderste sahen, ließen sich aber durch das freundiiche Gesicht mancher Wohlthätigkcitsjuden thatsächlich irreführen und befürworteten Vorsicht. Opportunität und sorgfältige Maskierung unserer zionistischen Gesinnung. Indes der elementare Drang nach Wahrheit zerriss jedes elementare Bedenken, und so hat sich die „Zionistische Vereinigung" constituiert. an deren Spitze Männer des entschiedensten Zionismus stehen. Erster Vorsitzender Dr. Heinrich L o e w e, zweiter Vorsitzender Dr. weck. Cohn, erster Schriftführer Rechtsanwalt Silber gleit, zweiter Schriftführer S. L u b l i n s k i. Gleich nach seiner Constiluierung erhielt der Verein Gelegenheit, sich in sehr angenehmer Weise zu bclhätigen. Unser verehrter Führer, Herr Dr. H e r z l. traf unerwartet in Berlin ein. und da die Zeit zur Vorbereitung einer öffentlichen Volksversammlung nicht mehr ausreichte, so improvisierte der Vorstand in aller Eile einen wohlgelungenen Commers. Herr Dr. Herzl ergriff das Wort zu einer kurzen Ansprache, die aber tief zu Herzen gieng und die Versammlung zu lautem Beifall begeisterte. Ein guter Anfang für den jungen Verein. Frankfurt Ä. W. Im Verein „Ben Usiel" hielt Mittwoch, den 12. d. M. Herr Realschuldirector Dr. M. Hirsch einen Vortrag über den Zionismus. Herr Dr. Hirsch gilt als einer der hervorragendsten und tonangebendsten Führer der orthodoren Judenhcit des Deutschen Reiches, dem auch die Gegner der gesetzestreuen Richtung ob des würdevollen Ernstes und der anerkennenswerten Sachlichkeit, womit er seinen Standpunkt in Wort und Schrift verficht, hohe Achtung zollen. Man war daher in zionistischen wie in nichtzionistischen Kreisen auf die Ausführungen des Vortragenden umsomehr gespannt, als es ja allgemein bekannt ist, dass derselbe einen der verdienstvollsten und thätigsten unserer amerikanischen Parteigenoffen, den New-Aorker Rabbiner Dr. Philipp Klein, zum Schwiegersohn hat. Diese und ,PK$W noch andere Umstände erklären zur Genüge das lebhafte Interesse, dar man dem Vorträge allenthalben entgegenbrachte und den regen Zuspruch, dessen er sich erfreute. Zum Lobe des Herrn Dr. Hirsch sei nun vermerkt, dass er, obgleich ganz und gar nicht Zionist, sich mit dem Zionismus ernst, vernünftig und vornehm auscinandersetzte, was doch bekanntermaßen sonst bei den Gegnern unserer Bewegung äußerst selten der Fall zu sein pflegt. Besonders wohlthuend berührte es namentlich in diesen Zeit läuftcn allgemeiner Verdächtigungen und Unterstellungen, dass der Vor- - tragende, so oft er auf die Leiter und führenden Geister unserer Partei zu sprechen kam. seiner Hochachtung und Sympathie für den reinen Jdcalismus derselben unverhohlen Ausdruck gab. Bafel. Der hiesige Zionistenvcrein versendete dieser Tage einen Aufruf, der in durchaus sachlicher Form das Wesen des Zionismus erklärt und zum Anschluss an die zionistische Organisation auffordcrt. Eigenthümlich wird manchen jüdischen Politikern der Satz in die Ohren klingen müssen: „Der Zionismus wird den Antisemitismus, dieses Verbrechen an der Civilisation, lahmlegen und zwar in der wirksamsten und rationellsten Weise durch Entfernung d , r Opfer dieser Seuche aus dem Machtbereich derselbe n", wenn diese Herren bedenken, dass der Aufruf von „freien schweizerischen Bürgern erlaff n" wurde. Und damit diese Herren auch wissen, wie die Schweizer Juden sonst über den Zionismus denken, citieren wir noch den letzten Satz: „In Basel, wo der Zionistencongress stattgefunden, ist es eigentlich überflüssig, den Zionismus begründen zu wollen." Kiriv. Am 22. Dcc.mber v. I. fand in dem großen Tempel, dessen Räume von elektrischem Lichte taghell beleuchtet waren, die Makkabäerfeier unserer Zionisten statt. Nach dem weihevollen Gesänge des synagogalen Chores hielt der Oberrabbiner Zuckermann eine Ansprache an die zahlreich Versammelten. Dann bestieg die Tribüne Professor Mandelstamm, um in einer glänzend pointierten Rede den nationalen Charakter jüdischer Feiertage mit Ausnahme der rein religiösen. Rosch-Haschonoh und Jom-Kipur, hrrvorzuheben. Der ganze Makkabäeraufstand sei eine großartige psychologische Revolutionierung der Masse durch eine Handvoll von ideal gesinnten Männern gewesen, die durch ihre Ideale zu unsterblichen Helden wurden. Diese Rede erweckte den größten Beifall der Anwesenden, dre auch das lebhafteste Interesse d-.n Ausführungen des Herrn Mozkin enkgcgenbrachlen, der über seine Eindrücke vom Baseler Congresse und dessen erhebenden Verlauf sprach. Der glänzende Abend wird noch lange in der Erinnerung der Theilnehmer fortleben. —f. (Eorrcfponfccmcn. Oesterreich-Ungarn. Wien. (Orig.-Corr.) Samstag, den 15. Jänner um 6 Uhr abends fand die Enquete über die Armenpflege ihre Fortsetzung und ihren Abschluss. Die Reihen der Experten waren bedeutend gelichtet. Der Cultusvorstand war bei Beginn kaum in der Lage gewesen, alle, die sich für berufen hielten, auch auszuwählen — nun hatte sich von den eingeladenen sechzig Experten kaum ein Drittheil eingestellt. Die Frage 6, die zuerst einer Expertise unterzogen wurde, lautete: „Soll die Begründung einer Altersversicherungscaffe angestrebt werden und zwar in welcher Weise?" Zu diesem Punkte gelangte ein schriftliches Gutachten des abwesenden Experten Lichten st adt zur Verlesung. Derselbe beantragte die Einsetzung eines besonderen Comitcs unter Zuziehung von Fachmännern zum Studium dieser schwierigen Frage. Da der Cultusvorstand unterlassen hatte, zu dieser Frage auch nur die geringsten Vorarbeiten einzuleiten oder überhaupt irgend ein Material vorzulegen, so fehlte auch den Experten die Möglichkeit, wenn sie sich nicht bloß auf allgemein gehaltene Aeußerungen beschränken wollten, die Bedeutung einer „Altersversorgungscasse" vom specisisch jüdisch-communalen Standpunkt zu begutachten. Der Cultusvorstand wird sich nun nach dieser Richtung schon auf seine eigene Weisheit verlassen müssen. Frage 7: „In welcher Weise soll die Obsorge für verlassene Kinder getroffen werden?" Zu diesem Punkte erklärte Experte Dr. Landau, zuerst eine Vorfrage an den Vorsitzenden resp. Generalreferenten richten zu müssen, was derselbe unter „verlassenen" Kindern verstehe. Hierauf ergriff Generalreferent Dr. Steiner das Wort, um in einer ausführlichen Rede die beklagenswerten Verhältnisse auf dem Gebiete der jüdischen Waisenpflege in Wien zu schildern. Er betonte auch, nicht als Referent und Cultusvorsteber, sondern als Experte zu sprechen. Er gab uns ein Bild der Verhältnisse, die einer jüdischen Gemeinde geradezu unwürdig sind. Wir glauben, dass selbst die im Solde des Cultusvorstand es stehenden jüdischen „Wochenschriften" nicht den Muth haben werden, sie zu verschweigen. Dr. Steiner sagte: „Unsere Waisenpflege liegt so im Argen, dass es ein Scandal i st." Geradezu mit Neid wies Redner auf die Waisenpflege in Berlin und Budapest hin, wo für diesen Zweck Millionen vor-