Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 3 (21.1.1898)
- Article
- Das "Neue Ghetto" [Nachricht]
- Date
- 1898-01-21
- Page
- 11 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. S. JPk^WdC Seite 11. Weltchronik. Das „Neue Ghetto" von Theodor Herzl wird, wie das „Berliner Tageblatt" und der „Berliner Börffncourier" berichtet, demnächst im Berliner Tbaliatheater aufgcführt werden. Personalnachrichten. Am 9. Februar findet in London die Vermählung der Tochter Colonel G o l d s ch m i d s Mss. Gladys mit Mr. Louis Samuel Monragu dem Sohne des Abgeordneten statt. Zum zweiten Rabbiner in Kopenhagen wurde unser Gesinnungsgenosse Dr. H. Gojteiu, bisher Rabbiner in Nachod, gewählt. Das jüdische Proletariat in England. Unlängst ist ein Buch „Weiße Sclaven in England" von dem bekannten Nationalökonomcn Shcrard erschienen, in dem uns besonders die Stellen über die wirtschaftliche Lage der russisch-jüdischen Arbeiter in England interessieren. Zu den Productionen, die an die Arbeiter die größten Anforderungen in physischer Beziehung stellen und ihnen die elendsten Löhne bieten, gehört die Hausschuhe- und Kleidererzeugung in Leeds. Für ein Paar Hausschuhe, die rn Geschäften mit 2 Gulden verkauft werden, erhält der Arbeiter 50 Kreuzer, aber die Arbeit ist eine derartig schwierige, dass sogar der beste Meister bei 14 Stunden täglicher Arbeit monatlich nicht mehr als 36 Gulden verdienen kann. Aber auch diese Löhne müssen noch weiter sinken, indem die mit den Engländern concurricrcnden jüdischen Arbeiter die Preise noch unterbieten : sie erzeugen ein Paar Schuhe um 20 Kreuzer und arbeiten vom frühen Morgen bis spät nach der Mitternacht. Der Verfasser fügt hinzu'. „Wie muss das Leben dieser Unglückseligen sein, die wegen des trockenen Brotes für sich und ihre Familie eine Arbeit auf sich nehmen, die einem Zuchthäusler zukommcn würde, die das Belt verlassen, um diese Zuchthausarbeit zu verrichten und nur auf einige Augenblicke die Ruhe im Schlafe zu finden." Tie technische Mittelschnle in Jerusalem. Wie der „Woschod" meldet, wurde die technische Mittelschule in Jerusulem in letzterer Zeit bedeutend vergrößert. Die Zahl der Schüler erreicht Heuer die enorme Ziffer 300. Es mussten Parallelclassen eingerichtet werden und neue Abtheilungcn hinzukommen. Auf Antrag des Vertreters der „Alliance Jsraclitc", die diese Schule errichtet hat, wurde in den zwei unteren Classen die französische Unterrichtssprache durch die hebräische Sprache als Unterrichtssprache wie in den Schulen Jaffa's mir vollem Erfolge eingeführt. Preisausschreibungen. Der Berliner „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" beschloß für die Abfassung einer p opulären Geschichte der Juden einen Preis auszuschreiben, und zwar einen Preis für „eine ausführlichere Geschichtsdarstellung" und einen anderen Preis für „eine knappere, den Bedürfnissen der Jugend entsprechendere." Zum Capitel: Mischehen. Unlängst fand beim Petersburger Kreisgerichte die Verhandlung gegen den ordentlichen Professor der Petersburger Universitär Petri statt, der angeklagt wurde, seine Frau und zwei Kinder aus dem Hause gestoßen und dem Hunger prcisgegcben zu haben. Der humane Herr Professor erklärte, nnr deswegen für seine Frau, mit derer zehn Jahre verheiratet ist, nicht sorgen zu müssen, weil sie den jüdischen Glauben nicht aufgeben will. Petri ist Ausländer und hat seine Frau im Auslande geheiratet. Das Gericht pflichtete diesem Standpunkte nicht bei und zwang den sauberen Herrn, Frau und Kinder standesgemäß zu versorgen. Stöcker reäivivus. Ein W.ederaufleb.n der christlichsocialen Bewegung hat in Berlin der Hofprediger a. D. Stöcker am 14. Jänner angekündigt. In den Landen um Berlin herum ist nach seiner Ansicht noch viel zu wenig Antisemitismus. Durch die christlich-sociale Agitation soll das nun besser werden. Die Nation der Menschenrechte. Der französische Abgeordnete Baureg a rd will die Negierung interpellieren, ob sic geneigt ist, ein Gesetz einzubringen, durch welches den Juden der Aufenthalt in den östlichen Grcnzdcpartcmcnts verboten wird. Der Abgeordnete Pontbriand will über das Eindringen der Juden in die Armee und in die öffentlichen Acmter interpellieren. Das antisemitische Carlsbad. Im Hotel Weber sprach am 8. Jänner vor einer socialistischen Versammlung der ehemalige Reichsrathsabgeordncte Engelbert Pernerstorfcr über das Thema: „Von Badcni bis Gautsch." Die Versammlung, zu welcher auch zahlreiche Deutschnatiouale und Antisemiten erschienen waren, nahm einen stüruiischen Verlauf. Man warf der socialdemokratischen Partei vor, dass sie „verjudel" sei. Die anwesenden Socialdemokraten wehrten sich gegen diesen Vorwurf. Es kam zu so aufgeregte Scenen, dass der anwesende Regierungsvertretcr Dr. Rott die Versammlung auflöste. Die Theilnehmer verließen ruhig das Versammlungslocal, bildeten jedoch zwei Gruppen, welche durch die Stadt zu ziehen beabsichtigten. Bei der Egerbrücke, beim Hotel Faßmann und beim Stadlhause wurden diese Gruppen jedoch von bereits avisierten Polizisten und Gendarmen zerstreut, Ausschreitungen kamen nicht vor. Die jüdischen Mittelschüler in Galizien bilden nach dem jüngsten Berichte des Landcsschulrarhes in den Gymnasien 18 85 Pcrcent und in den Realschulen 19'26 Perccnt der gesummten Schüleranzahl. Ganz seltsam aber ist es, dass im Gymnasium von Brody 145 jüdische Schüler sich zur deutschen Nationalität bekennen. Das Deutschthum unserer jungen Volksgenossen im äußersten Osten Galiziens ist gewiss sehr problematisch. Es wäre viel ehrlicher und gewiss den Polen weniger unsympatisch, wenn sie sich ehrlich und offen zu ihren jüdischen Nationalität bekennen würden. Zwei neue antisemitische Wochenschriften erscheinen seit Beginn dieses Atonales in Krakau: „Haslo" und „Gazeta Krakowska." Seit der Rückkehr Stojalowski's nach Galizien hat dort die antisemitische Bewegung überhaupt noch mehr an Intensität gewannen. Kauft nicht bei Juden und Deutschen. In einer am 14. Jänner zu Prag abgehaltrnen Versammlung des tschechischantisemitischen Vereines „Närodiii-Obrana“ traten sämmiliche Redner für die Boykottierung jüdischer und deutscher Geschäftsleute ein. Es wurde in besonders heftigen Ausdrücken gegen die Juden losgezogen, so dass sich der Regierungsvertretcr Herr Palizei-Concipift Liemann mehrmals veranlasst sah, die Redner zu unterbrechen. Nach der A:ußerung eines Redners, welche eines der schwersten Verbrechen involviert, löste der Regierungsvertreter die Versammlung auf und forderte die Theilnehmer auf, das Local sofort zu verlassen. Vor dem Bräuhause stand ein größeres Aufgebot von Sicherheitswache in Bereitschaft, fand aber keinen Anlass' zum Einschreiten. Kauft nicht bei Juden und Tschechen. Im Saazer deutschen Localblatte ließ ein Prager Deutscher eine Streitepistel erscheinen, welche folgendermaßen schließt: „mit Recht heißt es wohl: „Kauft nicht bei Juden", an die Tschechen wird gar nicht gedacht. Ich bin kein Jude sondern ein echter Deutscher, ein Deutscher, der seine Nation über alles liebt, der für sie sein Herzblut hergeben würde, wenn es das Wohl derselben erforderte." Selbstmord eines jüdischen Soldaten. Der 21jährige Infanterist Isidor Polacsek des Budapester Infanterieregimentes Nr. 32 hat sich am 15. Jänner eine Kugel durch den Kopf gejagt. In zwei an seine Eltern und an einen Freund gerichteten Briefen beklagt er sich darüber, dass er wegen seines Glaubens beschimpt worden sei. Bei der Landtagsersatzwahl in der Wiener Josephstadt wurde der christlich-socrale Dr. Weißkirchner mit 1443 Stimmen gewählt. Die Deutschnationalen, die sich mit den Deutschfortschrittlichen alliiert hatten, erlitten eine Niederlage. Ja, in der Synagoge. Im Wiener Gemeinderathe stellte G.-R. Matzenauer am 14. Jänner den Antrag, zur Erinnerung an die Errungenschaften der Märztage von 1848 und der damaligen Stellungnahme der Stadt Wien für die Freiheit am 13. März a. c. in Wien eine Feier zu veranstalten. (Zwischenruf: Ja, in der Synagoge.) Am Grabe der Märzgefallenen sei am 13. März d. I. durch eine Abordnung des Gemeinderathes ein Kranz niederzulegen. (Ruf: ja freilich, wir haben sonst nichts zu thun.) Der Stadtrarh hat das detaillierte Programm der Feierlichkeit vorzulegen. — Die antisemitische Majorität des Wiener Gemeinderathes nahm die Verlesung dieses Antrages unter großem Proteste und mit lebhafter Unruhe auf. Der Antrag wurde dem Stadtrathe zugewicsen. Zeitgemäßer Irrsinn. Im „Orßagos Hirlap" bssin sich folgender interessante Nachruf: In Szavas in Ungarn st der in weitesten Kreisen bekannte Bürger Michael Waljach. D alte Mann war der Meinung, dass er Antisemit sei, und gründe eine Anlisemitenpartci, deren Präsident natürlich er selbst wurde. Schriftführer dieser stolzen Partei war ein Jude namens Adolf Füchscl. Die „Partei" hatte wohl keine Mitglieder, aber statt deren hatte sie „Principien." So ließ der alte „Antisemit" bei jeder Wahl eine Fahne herumtragen, auf der die Inschrift prangte. Es lebe der Antisemitismus. Dies hielt den Verstorbenen nicht ab, mit seinen jüdischen Mitbürgern im besten Einvernehmen zu leben, und bei voller Aufrechthaltung seiner Principien, jüdische Arme zu unterstützen. Jüdische Athleten. In Melbourne tagte jüngst eine „Jntercolonialc Amateur - Athleten - Gesellschaft." Von den acht Delegierten waren vier Juden.