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Die Welt · 1898-01-21 · 3 (21.1.1898) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
3 (21.1.1898)
Article
Ein zionistischer Abend in Berlin
Date
1898-01-21
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10. Nr. S. wenn unser Bolksideal sich verwirklicht haben und unsere Nationalität zu einer Nation herangcwachscn sein wird. Wenn die nicht zionistischen Juden, die sich vor einem Missverständnisse fürchten, ruhrg und ehrlich zuschen wollen, so werden sic eben sehen können, dass diese ihre Befürchtungen unrichtig sind, wie alles andere, was sie gesagt. Und trotz aller ihrer Proteste ist der Congress, der unter dem Namen Baseler Congress bekannt geworden, und ursprünglich in einer deutschen Stadt abgehallcn werden sollte, aus der man uns aber herausgeekelt hat, zustande gekommen. Wir haben in unserem Antwortschreiben in aller Ruhe gesagt, „wir könnten selbstverständlich den Congress dort abhalten. da Sie nicht die Gewalt haben, uns zu hindern, und die Behörden nichts dagegen einzuwcnden haben. Dennoch haben wir, unserer dortigen Glaubensgenossen wegen, Ihrem Willen Rechnung getragen und den Congress verlegt. Wenn wir aber, wie wir erwarten, so anerkannt sein werden, dass sich die verschiedenen Städte darum reißen werden, in ihren Mauern den Congress abhalten zu lassen und unter den Anmeldungen auch Ihre Stadt vertreten sein wird, werden wir sie bevor- Nun, was wir von diesem Congress erwartet haben, das Hai er erreicht. Es ist eine Aufklärung und Beruhigung durch die Nationalversammlung erreicht worden, denn es war eine Nationalversammlung und nicht nur ein Congress. Und ich glaube, dass wir, wenn wir auch heute noch keine territorialen Errungenschaften zu verzeichnen haben, doch schon etwas erreicht haben, nämlich ernen festen Punkt geschaffen zu haben für die Vertriebenen und Verfolgten, die niemals vorher von einer Heimat sprechen konnten. Dieser feste Punkt wird aber mit der Zeit immer mehr gefestigt und ausgebaut werden, und dies ist das nächste Werk» an dem Sie alle muzuwirken haben und bei welchem uns die Brüder aus allen Himmelsrichtungen unterstützen. Wenn wir uns auch vorläufig noch im Auslände versammeln müssen, so hoffen wir doch mit Sicherheit, dass cs die Verhältnisse gestatten werden, dass die Nationalversammlungen im Lande tagen. Aber unterwegs haben wir schon eine Reihe von Zwischenaufgaben, die alle dem Judenthum dienen. Wie schon der Ernst, mit dem wir unsere Lage besprechen, auf uns einen erhebenden Eindruck machen muss, so gibt es vielerlei zu thun für unsere nothleidcnden Angehörigen, waS durch die Wohlthätigkeit nicht gethan werden konnte, und was von den praktischen Leistungen abgesehen, nach meinem Gefühl daS Höchste ist. Wenn wir Zionisten jetzt, wo wir die wandernden Juden sind, schon erreicht haben, dass wir den Leuten, die von allen Idealen sich abgewandt, die Gelegenheit gegeben haben, diese Ideale in ihrem Stamme zu suchen, io hat der Zionismus uns etwas gebracht was wir gar nicht erwarteten, ein Stück Schönheit. Und das ist es, was manche Geister für unsere Bewegung erwärmt, man sieht etwas, waS an daS Philhellcnenthum erinnert: Es gibt Judenfreunde ohne den Bei e schmack, den man im allgemeinen mit den Worten verbindet. Es gibt Schriftsteller und Künstler, die finden, dass es etwas sehr Herrliches ist, wenn dieses alte Volk nach vielen Jahrhunderten tiefster Erniedrigung, die Wunderkraft in sich fühlt, den Blick nach Idealen zu erheben. Und wenn ich Ihnen auch heute nicht viel erzählen kann von dem Hafen, in dem unser erstes Schiff landen soll, das direct unter unserer Flagge fahren wird, wenn ich Ihnen auch noch nichts davon erzählen kann, so glaube ich Ihnen doch sagen zu können, dass wir das Bewusstsein haben dem Judenthum etwas gebracht zu haben: der Jugend eine Hoffnung, dem Alter einen Traum, allen Menschen etwas Schönes." (Stürmischer, anhaltender Beifall.) Nach Absingung des Liedes »Dort wo die Ceder" ergriff Rechtsanwalt Silbergleit daS Wort: Verehrte Damen und werte Herren! Mitten hinein in die festlichheitere Stunde und Stimmung, welche uns umgibt und erfüllt, und der ich besondere Bedeutung beizulegen wohl berechtigt bin, einmal, weil sie als eine Art Weiheact unserer jungen zionistischen Bewegung erscheint, und andererseits und insbesondere darum, weil wir uns unter den Auspicicn unseres edlen und bewährten Vorkämpfers, Herrn Dr. Herzl, befinden, mischt sich leise in daS Gemüth von Manchem unter uns wohl die bange Frage, wie es wohl um die Verwirklichung der zionistischen Ideen stehen möge. Wird der Zionismus, gleich der goldenen Freiheit, nur bestimmt sein, wie es in dem Liede heißt, seinen Reigen an dem Sternenzelte edler Gedankenwelt zu führen, oder wird er sich in beglückender Verwirklichung der bedrängten Brüderwelt zeigen? Die Frage erscheint nicht unberechtigt. Der Weg ist weit und die Bahn ist lang und ein großes Werk wollen wir errichten, ein Werk, wie es in den Blättern der Geschichte kaum noch verzeichnet ist. Ein Land wollen wir erobern und wir haben keine Schwerter und keine Lanzen, keine Schiffe und keine Kanonen. Wir haben nur unser Herz und das innerste Bestreben, den Mühseligen und Beladenen unter unfern Brüdern endlich eine Heimstätte zu schaffen, hoffnungsloser Verzweiflung wollen wir ein Ende bereiten; heraus aus diesem ewig gestrigen Ghetto, welches nur seine Formen wechselt, ohne sein Wesen zu verändern. An des Jahrhunderts Neige stehend, werden wir, wenn dasselbe sich schließen wird, frohen Herzens und dankbaren Gemüthes sein können, wenn bis dahin der sonnige Gedanke des Zionismus nur ein wenig siegreich durch den Wolkendunst und Nebclflor gedrungen sein wird, die ihn heute umgeben und die ihn leider in den Augen so Vieler so wenig hoffnungsreich und so wenig aussichlsvoll erscheinen lassen. Ja, die Augen von uns allen Aelteren, die wir hier um Zions Willen versammelt find, werden sich zum ewigen Schlummer schließen, ohne dass eS uns vergönnt gewesen sein wird, auf Zions Zinnen Zionsfahnen flattern zu sehen, und doch weiß ich, dass in den Falten dieser heute noch unsichtbaren Fahnen der Sieg wohnt. Herr Dr. Herzl hat cs uns gesagt, indem er meinte, der Zionismus sei die Hoffnung der Jugend. Aber er ist nicht nur die Hoffnung der Jugend, er ist der bewegende Gedanke ihrer Bestrebungen, die reiche und reine Quelle echter Begeisterung. Und da wir die Jugend haben, haben wir die Zukunft. Mir ihren jungen und kräftigen Schultern, mit dem langen und heißen Aihem der Begeisterung steht sie jenseits der Pforte des kommenden Jahrhunderts und jenseits der Grenzen der Lage von uns Aelteren, geduldig und kampfesmuthig zugleich, opferfreudig und siegesbewusst, eine Jugend, glänzend durch ihre Liebe zu Zwn, glänzend durch ihren Glauben an Zion, glänzend durch ihre Hoffnung auf Zion. Wäre es da nicht ein Verbrechen an diesem Geiste, wäre es nicht eine Missethat an diesem heiligen Eifer, wenn man ihn mit kaltem Bedenken unterdrücken, ihn mit des Gedankens Bläffe verfolgen wollte? Man hat gesagt, die Weltgeschichte sei das Weltgericht. Mit großem Rechte kann man wohl sagen, die Weltgeschichte sei die Weltlchrerin. Möge sie es auch für die zionistische Jugend sein. In dem Lande, in welchem wir leben, war es am Anfänge unseres Jahrhunderts die Jugend, welche den Gedanken der Einheit des deutschen Volkes in sich erwachsen ließ, welche ihn hegte und pflegte. Diese deutsche Jugend wurde darob verhöhnt und verspottet, bedroht und verfolgt. Aber heute, da die Einheit der Deutschen geschaffen ist, wird daS Andenken dieser Jugend geehrt und gesegnet. Möge eS der zionistischen Jugend ebenso ergehen, auch ihr Andenken dereinst in gleicher Weise geehrt werden. Alle Voraussetzungen dazu hat sie in sich, und darum bitte ich Sie, mit mir zu trinken auf das Wohl dieser idealen zionistischen Jugend. Sic lebe hoch!'.! Es folgten noch drei Reden. Die von Herrn Brainin in hebräischer Sprache gehaltene bebandelte den Einfluss, welchen die hebräische Sprache auf den Zionismus und andererseits der Zionismus auf die hebräische Sprache habe. In der Sprache äußere sich das Bolksthum und wird durch diese erhalten. Er leitete dann sowohl auf die hebräischen als auch auf die anderen Schriftsteller über, die sich um den Zionismus verdient gemacht haben. Die Rede des Herrn Lublinski gipfelte in einem Hoch auf das Dioskurenpaar des Zionismus. Zum Schluss sprach nochmals Herr Dr. Löwe. Er gab seiner Begelsterung und den Empfindungen Ausdruck, welche ihn erfasst, als er den heiligen Boden Palästinas betreten, und wohl nirgends fühle der Jude sich stolzer auf seine Abstammung, als in dem Lande, wo ihm überall die Zeugen seiner ruhmreichen Vergangenheit vor Augen treten. Nach der Rede des Herrn Dr. Löwe wurde die Versammlung geschlossen. Gallische Conferrn;.*) Lemberg, den 27. December 1897. Organisation und Presse. Zu diesem Punkte der Tagesordnung ergreift das Wort als Referent Dr. Zipper. Der Redner schildert das Chaos der verschiedenen nur lose zusammenhängenden Organisationen und wünscht eine Vereinheitlichung. In diesem Sinne beantragt Redner die Ausscheidung der Emzelvereine „Zion" auS dem Wiener Verbände, ferner die Umgestaltung der lose stehenden Vereine, durch Umänderung aller dieser Vereine in Filialen des Lemberger „Zion" mit dem ausgesprochenen Zwecke: die Idee der Colo» nisierung Palästinas durch Juden auf rechtlicher Basis zu propagieren. Bezüglich des „Ahawath Zion" beantragt Redner die Gruppierung der Schekel-Zahler in zionistischen Vereinen, wobei jeder Zionist die Pflicht hat, den Schekel zu bezahlen. Die Agitation regelt die Instruction vortrefflich. Bezüglich der Presse betont Redner die Nothwendigkeit der Gründung einer Jargon-Zeitschrift. Schließlich sei es im Interesse der Sache, ein Landes-ComitL, bestehend aus Mitgliedern der verschiedenen Städte, mit dem Sitze in Lemberg zu bilden, welche Mittelinstanz zwischen Galizien und Wien sein soll. Lauterbach (Boryslaw) legt dem Comitö nahe, ein populäres Programm auszuarbeiten und es massenhaft zu verbreiten. Dr. K okes ch beantragt im Sinne der Instruction die Bildung eines LandcS-Comu6S, mit der Weisung einem Reichs-Berbande beizutreten. Bromberg (Tarnow) betrachtet es als Aufgabe des Landes- ComilLs eine genaue Ueberficht aller Zionisten Galiziens zu geben. Bezüglich Entstehen der Colonisations-Dereine wird beantragt, dieselben als Zweigvcrcine des „Ahawath Zion" zu constituieren. Schließlich beantragte Bromberg die Umwandlung der „Pryloscz" in ein Wochenblatt. Nachdem Dr. K o k e s ch dem Anträge Bromberg aus principiellen Gründen widersprochen und Herr K o r k i s die Resolution beantragt, dass der Verein „Ahawath Zion" nicht die Initiative ergreifen soll bei Gründung von Colonisations-Bereinen, wurde über Antrag des Herrn Dr. Rosenheck (Kolomea) die Schaffung einer einheitlichen Landesorganisation beschlossen, der alle Vereine als coordinierte Glieder angehörcn sollen und das Landescomilä beauftragt, die Schaffung einer gesetzlichen Basis für diese Organisation ins Leben zu rufen. Das Landes-Comiie besteht aus 21 Mitgliedern aus dem ganzen Lande und hat die zionistische Thätigkcit zu leiten und zu organisieren. Die in Lemberg wohnhaften Mitglieder des Landes-Comitßs bilden das Executionscomite. An der Spitze desselben stehen die beiden Mitglieder des Wiener Actions-Comiiss die Herren A. K o r k i s und Dr. A. Salz. Die Redaction der „Przyszlosc" wurde Herrn Stand übertragen. Somit wäre die zionistische Organisation in Galizien in ihren Principien festgesetzt. Wenn alle galizischen Zionisten ihre Pflicht thun, so darf man die Erwartung aussprechen, dass die galizische Judenheft in gremio sich um die Zionsfahne schaaren wird. Dr. M. *) Der Redaction verspätet zugekommen. Vgl. Nr. 31.

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