Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 3 (21.1.1898)
- Article
- Das Grab Davids auf dem Zionsberge
- Date
- 1898-01-21
- Page
- 9 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette S. Nr. S. lieben. Die Väter wallen hin zum geliebten Schmerzenszeichen die Söhne, die Enkel — und die Jüngsten wissen gar nicht mehr recht, warum denn die Weißhaarigen weinen, und doch weinen auch die Jüngsten, weil auch sie die süße Wehmuth lieben. Das geht fort, Jahrtausende lang — vererbte Thränen. Einmal am Abend, wenn die Stätte leer ist von Trauernden, bleibt vielleicht ein Einsamer zurück und träumt in die Vergangenheit hinein. Die grauen Nebel wallen und weben, Gestalten ziehen vorüber, dunkeläugige mit scharf geschnittenen Zügen und schwarzer Lockenfülle. — Eliab — Abinadab — Samma — Sind denn das deine Söhne alle, Jsai? — Und Jsai antwortete: Noch ist der Kleine übrig, denn er hütet die Schafe. Und Samuel sprach: Sende hin und lass' ihn holen; denn wir werden nicht eher zu Tische gehen, als bis er hieher kommt. Also sandte er hin und ließ ihn herbeibringen. Er aber war feinen Ansehens und schönen Angesichts. Und der Herr sprach: Auf, salbe ihn. denn der ist es. Die Philister lagerten sich zwischen Socho und Azeca an den Grenzen von Dommim. Saul aber und die Söhne Israels kamen zusammen im Terebinthenthale und stellten sich zum Streite wider die Philister. Doch sie fürchteten sich alle vor dem großen, prahlenden Philister. Da nahm David die Steine aus der Hirtentasche und schlug den Riesen. Dann kam David an den königlichen Hof. Dort musste er die Laute schlagen, weil der König so griesgrämig war. Eines Tages wollte der böse König den Jüngling gar ermorden. Der wich aber dem spitzen Speer aus und entfloh. Und jetzt musste er lange, lange herumirren in Höhlen und Klüften. Dann wurde er aber doch König und machte Zion zur Königin des Landes. Wenn ihn dann die Sorgen drückten oder die Freude bei ihm einzog, so griff er wieder zur Laute und sang seine wunderschönen Weisen. Als er sein Haupt zur Ruhe legte, begrub man ihn in der Stadt Davids. Es wallen und weben die Gestalten und um den Kuppelbau streicht der Abendhauch, melodienwarm, wie die Klänge der unsterblichen Harfe. Einzionistischer Abend in Berlin. Bon Hermrne Schildberger. Berlin 11. Jänner 1898. Es ist meine Abstcht, eine rein sachliche Darstellung des gestrigen Abends zu geben, aber es ist schwer, sachlich zu bleiben, wenn man einer BegcisterungSkundgebung beigcwohnt hat und davon mit ergriffen ist. Nle ist mir die Wahrheit veS Herzlichen Ausspruches: „Ganze Aeste des Judenthums können absterben, abfallen, der Baum lebt." klarer vor Augen getreten, als gestern Abend. Ja er lebt, er treibt neue Blüten, cs sind schon ganz stattliche Aeste. an denen sie sitzen, und die er statt der morschen, verlorenen angcsctzt hat. Die Jugend ist unser, und wer Zeuge gewesen, in welcher Weise ^>cr§t bei seinem gestrigen Erscheinen empfangen wurde, dem ist klar geworden, welcher Begeisterung diese Jugend fähig ist. Der erste Vorsitzende, Herr Dr. Löwe, eröffnete die Sitzung. Er begrüßte Herrn Dr. Herzl im Namen der Berliner Zionisten, dann sprach er über den Zionismus, seine Entstehungsgeschichte, erwähnte der Zeitungen und hervorragendsten Schriften, die schon auf diesem Gebiete erschienen. Die größte Entfaltung deS Zionismus datiert aber von dem Tage, an welchem der Herzliche „Judenstaat" erschien. Er sprach von den Verdiensten des Dr. Herzl, die einen Höhepunkt in der Einberufung des Baseler Congreffcs erreicht und schloss mit einem Hoch, in das die Menge begeistert einstiminre. Dann wurde das bekannte Lied „Auf, mein Volk" gesungen, worauf Dr. Herzl das Wort nahm. „Meine Damen und Herren! Bor allem muss ich um Entschuldigung bitten, dass ich ganz liiivorbcreilct hier spreche. Es ist wahr, dass ich so zu Ihnen gekommen, denn ich habe thatsächlich nur eine Zusammenkunft mit einem kleinen Kreise unserer Berliner Freunde erwartet und bin nun überrascht und verlegen, dass dieser Kreis größer ist, als ich dachte. Nun erwarten Sie von mir, dass ich, da ich gekommen bin. Ihnen auch etwas sage. Wenn man schon, ohne cs zn wollen, wie ich, in eine Versammlung hincingekommen ist, wo die Action in Reden besteht, so kann man schwer hinkommcn, ohne den Mund aufzumachen. Neues befürchte ich. Ihnen nicht sagen zu können, das ist etwas, womit man sich besonders schwer abfiudet, wenn man gewöhnlich die Feder hält, aber die Consequenz besteht darin, dass man immer dasselbe sagt, und man macht oft die Wahrnehmung, dass Wahrheiten nur dann durchdringcn. wenn man sie unaufhörlich wiederholt. Es ist leider oft nicht der Inhalt, sondern die Wiederholung, was Eindruck macht. Wenn ich also dieses schmerzliche Gefühl milbringe, dass ich Ihnen etwas sage, was Sie schon längst wissen, so ist doch dieser Anlass, aus welchem ich mich zum erstenmal hier in dem Kreise befinde, für die Bewegung so wichtig, dass ich Ihnen einiges von dem oft Gesagten wiederholen will und bei dieser Gelegenheit vielleicht auch auf einiges Hinweisen kann, was die bisherige Entwicklung gestört auf der einen Seite, und gefördert auf der anderen. Ich weiss sehr gut, dass der Berliner Boden von vornherein ein ungünstiger war, und dass es nur der Unermüdlichkeit und der Begeisterung unserer hiesigen Freunde zn verdanken ist, dass die Bewegung allmählich durchdringt. Hier befinden wir uns unter Umständen. die ganz eigenthümlich sind. In einer Besprechung, die stattgefunden, hat ein Gegner ein ganz gutes Wort gesprochen: „In Deutschland existiert ein Nationprotzenthum." Hier, wo man eigentlich noch nicht lange eine Nation ist, sind die Begriffe dunkel und verworren, und die Juden, die in Deutschland in der letzten Generation die nationale Entwicklung mitgemacht haben, fühlen sich genierter als sonstwo und sie befürchten. dass ihnen ihre besondere Eigenart übel genommen werden wird. Die deutsche Nationalität, die sich zur fetzigen Weltgeltung erhoben hat, ist noch jung und sie kann, wenn die Unsicherheit, welche die Juden aus geschichtlichen Gründen haben, hinzukommt, hier eine eigenthümliche Verwirrung in den Geistern schaffen. Man hat hier eine große Angst vor Missverständniffen, Sie haben gehört, dass Leute namentlich vor dem Hinaustragen des jüdischen Gefühles gewarnt haben, mit der Begründung, dass man ihnen die Heimat absprechen, sie für schlechte Bürger erklären könnte, und dass man ihnen den Boden unter den Füßen wcgziehen würde, wenn sie bekennen, was sie wirklich sind, und insbesondere ist dieser Einwand hier und auswärts von Leuten erhoben worden, die eine gcwiffe Unsicherheit in ihrer Nationalität haben. Die Juristen, die hier anwesend sind, werden verstehen, was cs heißt, wenn ich sage, dass diese Juden in der Ersitzung ihrer Nationalität begriffen sind und fürchten, dass unsere Bewegung diese Ersitzung stören könnte. Nach den verschiedenen Rechten ist die Ersitzungszeit eine verschiedene. Leute von älterer deutscher Nationalität haben sich dem Zionismus bereitwilliger angeschloffen, als Personen, die erst vor einigen Jahren oder Jahrzehnten aus anderen Ländern hieher gekommen sind und glauben, ihr Dculschlhum betonen zu müffen. Dasselbe ist auch in England, Polen, Oesterreich, selbst in Amerika der Fall. Wir wollen daher diese Dinge nicht zu tragisch nehmen, und die Angriffe, da sie uns wenig schaden, nicht beachten. Alle diese Herren kaffen um so eher mir sich reden, je weniger man sic beachtet, und da sie wie alle anderen sehen, dass der zionistische Bund eine Verschlimmerung der Lage der Juden vorläufig nirgends bewirkt und bewirken wird, so werden die Aengstlichen mit freundlichen, biederen Mienen sich uns nähern und den Zionismus annehmen. Wir werden ihnen verzeihen! Allerdings wird ihr verspätetes Anlangen bei der Hauptmacht des Zionismus, sie und uns davor bewahren, dass si« einen zu großen Einfluss erhalten auf die Entwicklung unserer Sache, die ja rn jeder Beziehung eine moderne sein soll und wird. Ich muss oft an einen alten jüdischen Ausdruck denken, „es ist zum Guten". Wie oft, wenn ich das Ausbleiben von Kräften gesehen habe, auf die von vornherein gerechnet werden konnte, sagte ich mir: „auch das ist zum Guten". Es ist durch die Entwicklung, die unsere Bewegung genommen, heute der Fall, dass die fortgeschrittensten Elemente des Judenthums die Sache leiten und sich dort in engster Fühlung mit den confervativsten Elementen befinden. Nur die Zweifelhaften, die nicht recht wissen, worum eS sich handelt, die nationalen, socialen.politischen und confessionellen Zwitter lavieren länger herum, und auch das ist zum Guten. Denn die Bewegung wird dadurch eine klare und nach einem sicheren Ziele hin fest zustrebende. Wie es vorwärts geht, sehen Sie aus den Versammlungen, Mittheilungen, Blättern rc. Wenn die Fortschritte auch keine solchen sind, dass wir heute sagen können, in welchem Jahre wir die Hand da, auf legen werden, was nach unserer Uebcrzeugung unser Erbe ist, so ist doch das Erfreuliche zu constatieren, dass die Bewegung sich mit einer Kraft und Schnelligkeit verbreitet, wie vielleicht nie eine Bewegung solcher Art. Wenn ein Zionist, der sich in der Bewegung einigermaßen bekannt gemacht hat, in eine Stadt Europas oder Amerikas käme, so würde er finden, dass die Art und die Mittel der Kundgebungen fast genau dieselben sind, als in der Heimat. Es ist eine Monotonie in diesen Kundgebungen, aber eine Monotonie, die dem Rauschen des Meeres und dem des Volkes gleicht. Die Kundgebung der Gefühle, die uns alle verbinden, ist das Erhabenste, überall, das habe ich aus den Briefen, Zeitungen ersehen, die uns selbst in Sprachen zugeschickt wurden, die ich gar nicht kenne, überall hat das Nationale den Juden mächtig auf die Geister und Herzen gewirkt. Selbst unsere Gegner im Judenthum fangen heute schon an einzusehen, dass der Zionismus nicht eine wüste, abenteuerliche Bewegung ist, sondern, dass er schon jetzt eine Wirkung ausgeübt hat und ferner ausüben wird, weil nun. wie ich sagen zu dürfen glaube, zur Richtigkeit des Gedankens im wachsenden Maße die Abstractionskrast der Massen hinzukommt. Wofür wird diese Abstractionskraft benützt? Wozu soll die theoretische Richtigkeit dienen? Wir haben cs vor aller Welt gesagt, nichts Geheimes gibt es in unseren Versammlungen, außer den politischen Umständen, die eine Discussion der einzelnen Schritte nicht zulaffen. Unsere Absichten und Ziele sind jedermann bekannt, und sie haben nicht dazu gedient, das Ansehen des Zionismus zu vermindern, im Gegentheil. Wenn wir sehen, wie unser beginnendes Erwachen überall zuerst eine Regung des Erstaunens, dann der wachsenden Achtung Hervorrust, so können wir uns heute schon vorstellen, wie es sein wird,