Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 3 (21.1.1898)
- Article
- Der Zionismus in Rumänien
- Date
- 1898-01-21
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. S Veite 7. Studenten des Lyceums, Handlungscommis rc., sich rccrutieren. die vorerst die hebräische Sprache und jüdische Geschichte auf ihr Panier geschrieben. Die Herren P i n e l e s und M. H. Schein hielten bei der Constituierung des Vereins am 6. Jänner in der Hausirer-Synagoge Gelegenheitsvorträge in deutscher und rumänischer Sprache. Die jungen Leute erwiderten deutsch, rumänisch und Jargon und machten auf die Zuhörer den besten Eindruck. Auch die Mädchen wollten den jungenLcuten nicht nachsieben und wir hören gerne, dass sie einen Verein „B e n o t H-Z i o n" gründen, worüber nächstens mehr, wie auch über die anderen Zronsvereine in der Moldau, der Dobrudscha und einigen Städten der Walachei, wo wir überall tüchtige und wackere Gesinnungsgenossen haben, berichtet werden wird. Dir Iudrnnoih in Rumänien. i. Die Lage der Juden in Rumänien ist eine verzweifelte. Gleich Schiffbrüchigen die sich, auf entlegener Insel ihren trügcrischcu Hoffnungen hingeben, leben die Juden Rumäniens dahin, und Jahr um Jahr verstreicht, ohne dass die Erlösung naht. Unerhört verhallt ihre Stimme in Europa. Im Lande selbst ökonomisch gepeinigt und moralisch gefoltert, suchen sie bald durch energisches Auftreten, bald mit Schmeicheleien, jedoch stets vergeblich, dem Rumänen ihre Rechte abzutcotzen. Während in den eigenen Reihen Uneinigkeit, Unentschlossenheit, Erbitterung, Verzweiflung herrscht, lachen die gewitzigten und in der Judrnfrage stets einigen Rumänen ihrer Bestrebungen. Bange lauschen daher die beherzten und wirklich gebildeten abendländischen Juden nach Osten auf jede neue Nachricht. Den Glaubensgenossen in Rumänien geht cs wie dem Unglückseligen auf der Teufelsinsel. Verlassen und verhöhnt, gequält und verdüstert blicken sie jeden Morgen gen Westen, aber das rettende Schiff naht nicht. . . . Man glaube ja nicht, dass wir übertreiben wollen. Wir beababfichtigen vielmehr, in den folgenden Zeilen ohne jede Ausschmückung und in der nüchternsten Weise von der Welt die hauptsächlichsten Data der rumänischen Judenfrage zusammenzufaffen. Es ist zu hoffen, dass die ttockene Beredsamkeit der Thalsachen überzeugender wirken wird als die glänzendsten Schilderungen. Unter allen Ländern die nur allmälich und auf vielfachen Umwegen vom reinen Agriculturstaate in den Industriestaat übergeben, nimmt Rumänien eine seltsame Stellung ein. Das Land ist fruchtbar und culturell entschieden fortgeschrittener als viele Gegenden Russlands. Bon Jahr zu Jahr sinkt die Zahl der Analphabeten erheblich, vermehren sich die Schulen, werden bessere und neuere Ackerbaumethoden erngeführt; man arbeitet mit aller Macht an der Hebung der Schiffahrt, an der Berbesserang der Landstraßen und das rumänische Eisenbahnnetz weist eine relativ sehr erhebliche Kilometeranzahl auf. Eine gut organisierte und im Verhältnis zu den 5,000.000 Einwohnern sehr große Armee ist vorhanden und die Finanzen des Staates müssen entschieden als gute bezeichnet werden. Trotzdem aber will eS in Rumänien ökonomisch nicht recht vorwärts gehen. Das Elend des Bauern, die Faulheit des Bojaren, die müde, lässige Haltung der gebildeten Mittelstandes, der pfiffige und beschränkte Egoismus der Klernkaufleute, die Habsucht der zahlreichen bulgarischen und griechischen Elemente und last not least die Corruplion deS Beamtenrhums sind ebensoviel Hindernisse, die der gute Wille des König?, der hohe Patriotismus einiger weniger Staatsmänner und der große natürliche Reichthum deS Landes nicht so leicht überwinden können. Darum blüht keine Industrie in Rumänien, darum liegt der Handel in vielen Gegenden arg danieder, darum folgt in der Manufactur und in anderen Branchen schon seit Jahren Krise auf Krise, darum endlich ist Geld so theucr wie nirgends rn Europa. Die Gesetzesvorlagen deS ehemaligen Domänen-MmisterS P. Carp zur Linderung der Bauernnvih durch Vertheilung von StaatSgütein in Form kleiner Parzellen gegen einen verhältnismäßig niedrigen Kaufschrlling oder umsonst, sind von Lahovary und anderen verstümmelt worden. Es fehlt an Geld für die landwirtschaftlichen Reformen größeren Sryls. Wenn auch der Bauer durch eine Art Heimstättengesctz bis zu einem gewissen Punkte geschützt wird, so leidet er dennoch entsetzlich — nicht allein unter den ökonomischen Umständen, auch unter gewissen Seuchen, die unter der Landbevölkerung grauenhafte Verheerungen anrichten und unter mancherlei schweren Folgen einer überaus mangelhaften Hygiene. Rumänien hat Petroleum in noch reicherem Maße beinahe wie Galizien; besitzt, allerdings nur in wenigen Bezirken, die Möglichkeit für eine Zuckerindustrie. Aber man erschwert in hartnäckigster Weise den Capitalien ausländischer Provenienz den Zugang, und nirgends will daher, trotz des Protectionismus, die Entfaltung einer Industrie vor sich gehen. Andererseits sinkt — bis auf die vorjährige Hausse — der Weizenpreis ivon Jahr zu Jahr und der Biehexport (beide Fürstenthümer lebten bis dn die Vierzigerjahre fast ausschließlich vom Biehhandel) liegt infolge öer österreichisch-ungarischen Grenzsperre fast gänzlich darnieder. Diesen dkonomischen Verhältnissen entsprechen die politischen. Zwei große Parteien, gie Liberalen und Conservativen (im Volksmunde Weiße und Rothe genannt) wechseln regelmäßig in der Führung der Regierungsgcschäfte ab. Sie haben mit den Whigs und Tories von anno dazumal — das moderne englische Schaukelsystem har ganz andere sociale Motive — nur eins gemeinsam, nämlich, dass in der conservativen Partei viel mehr Großgrundbesitzer ihren im Grunde genommen sehr unpolitischen Interessen nachgehen, wie in der liberalen. Sonst hat die rumänische Politik, trotz der formalen Demokratie deS Landes, mit einem echten Parlamentarrsmus nichts zu thun. Die Versammlungen der Opposition löst man nur darum nicht auf. weil niemand darauf achter. Ihre Anhänger rekrutieren sich aus den Schaaren der unreifen Jünglinge. Tie Interessen der reifen Männer sind am besten bei der jeweiligen Regierung aufgehoben. Wre Satrapen herrschen die abwechselnd conservativen und liberalen Präfecten über die Drstricte und die Centralregierung in Bukarest macht mir dem Lande, was sie will, solange es dem König beliebt, und die Minister nicht mucinander raufen, was jetzt wieder einmal zwischen den Herren Sturdza und Aurelian der Fall ist. In einem solchen Lande lebt eine halbe Million Juden. Bukarest dürfte ihrer nicht mehr als zwanzigtausend zählen; in den wallachischen Provinzstädrcn sind sic nicht zahlreich, in den fünfDistricten der kleinen Wallachei sogar sehr spärlich vertreten. Aber die moldau'schen Städte sind voll von ihnen. In Jassy, Bottoschani, Dorohoi u. a., bilden sie bis zu 50 Percenr der Bevölkerung überhaupt. Nirgends ist daS Proletariat so zahlreich, das jüdische Handwerkerthum und der Mittelstand so ausgebreitel wie in der Moldau. Man bat eS hier nicht mit einigen BanquierS und Exporteuren, einigen lausend Kaufleuten und Agenten zu thun. All' diesen Massen armer, ohne eigentliche ökonomische Function dahinlebender Juden würde es herzlich schlecht gehen, selbst wenn man sie nicht von oben herab mit allen Mitteln bedrücken würde. Leiden sie doch schon an den wirtschaftlichen Zuständen selbst. Was sollen Massen von kleinen Zwischenhändlern, Handwerkern, Hausindustriellen rc. in einem Lande machen, wo die Landwirtschaft zu gedeihen aufhört, und die Industrie sich noch nicht recht entfaltet? Wovon sollen sie leben? Agenturen, Geldgeschäfte aller Art können schließlich in einem Lande, daS, wie gesagt, sechs Millionen zählt, nur einige Tausende regelmäßig und dauerhaft betreiben. Das Handwerk blüht nirgends mehr recht und in Rumänien hat es schon längst keinen goldenen Boden mehr. Zu weit sind wir doch schon von den primitiven Verhältnissen, vom halbfeudalen Zustande entfernt, als dass das Handwerk wie in ein.m vollkommen reinen Agriculturstaate sich auf einen festen und bestimmten Kundenkreis stützen könnte. Rumänien ist eben kein reiner Agricutturstaat medr. Es gibt zahlreiche Filialen von Näbmaschinenfabriken (die amerikanische Firma Singer hat in jedem rumänischen Städtchen von 8000 bis 10.000 Einwohner größere oder kleinere Niederlagen). ES gibt Schuh- und Tuchfabriken und die eleganteren Waren werden fast durchwegs aus dem Auslände cingcführt Kann da daS jüdische Handwerk, selbst wenn eS von den Rumänen nicht unterdrückt wäre, prosperieren? Dre Industrie ist noch gering, aber schon in dieser sich erst entwickelnden und keimenden Industrie werden die jüdischen Arbeiter und vor allem die zahlreicheren jüdischen Arbeiterinnen genügend gequält und geschunden. Biele Juden leben auf dem flachen Lande. Aber schließlich kann nicht jeder zum Stande der (>'> utspächtcr gehören, denen es bei der landwirtschaftlichen Krisis auch nichts weniger als glänzend gehr. Manche sind für elenden Lohn bei den landwirtschaftlichen Maschinen, die man überall einzuführen beginnt, beschäftigt, aber viel schaut dabei nicht heraus. Auch gebraucht sogar der jüdische Gutspächter Aussetzer, Werksübrer oder Verwalter jüdischen Ursprungs nicht mit Vorliebe, da er sich von christlichen Functionärcn solcher Art mehr für die Wahrung seiner Autorität verspricht. Man denke sich nun zu dieser geradezu kümmerlichen Existenz der Massen eine Reihe von Unterdrückungsmaßregcln aller Art hinzu, eine Regierung wie etwa die jetzige des Herrn Pherckyde und man wird die ökonomische Noth der rumänischen Juden wohl begreifen. Zu den technischen Anstalten, den Handwerks- und Gewerbeschulen haben sie keinen Zutritt. Auf Schritt und Tritt kleinliche Maßregeln, Schwierigkeiten und wirtschaftliche Zurücksetzung aller Art. Eine Zeitlang durften sie nickt hausieren, wieder ein auderesmal verjagte man sie geradezu auS den Dörfern — kurzum die Existenz der Massen ist eine unbestimmte, von heute auf morgen. Wirtschaftlich gleicht die Lage der rumänischen Juden jener industriellen Reservearmee, die Marx so glänzend geschildert, obzwar Rumänien nur in geringstem Umfange Industrie besitzt. Nur ein Unterschied obwaltet: Zu Zeiten industriellen Aufschwunges können ganze Schichten dieser ungeheueren Reservearmee zum Range wohlorganisierter Arbeiter emporklimmen; die jüdischen Massen Rumäniens aber bleiben für immer dem Elend vermählt; da kann keine Schicht cmporsteigen, da gibt es vielmehr nur ein Hcrabgleitrn, und wer weiß, ob nicht daraus ein buchstäbliches Versinken wird, und der aufgehetzte Pöbel nicht einst das Ideal eines großen Tdeils der rumänischen Studenten verwirklicht und tausende von Juden in den Fluten der Donau ertränkt? Noch verhältnismäßig gering sind die ökonomischen Leiden gegenüber den moralischen. — Darüber wollen wir ein nächsteSmal berichten vr. P. New-Norkrr Brief. Am 7. Jänner 1898. Wie ich Ihnen schon seinerzeit mitgetheilt habe, wird) dem Congrci's demnächst ein Bill zur Beschränkung der Einwanderung vorgelegt werden. Mit dieser Bill soll hauptsächlich der weitere Zufluss jüdischen Proletariats aus Russland und Galizien verhindert werden. Die Blll wird zweifellos zur Annahme gelangen. Dennoch soll und muss es hier anerkennend constanert werden, dass gestern hier eine von hervorragenden Persönlichkeiten liberalen Sinnes einberufene Versammlung stattgefunden hat. Die Versammlung constituierte sich zur Bekämpfung der Bill als „Immigration Protective League." Als Protest gegen Engherzig-