Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 3 (21.1.1898)
- Article
- Pariser Brief
- Date
- 1898-01-21
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 3 «Sette 6 das Beweisverfahren geleitet. Ives Guyot bemerkt: „Das will die Ungerechtigkeit bei Gelegenheit der Bestimmung der Rangsclasse gegenüber dem Vorgehen Paty du Clams, OrmescheviUcs und der Mitglieder des Kriegsgerichtes bedeuten? Sie haben den Beweis erbracht, wie Recht Dreyfus hatte, als er sich darüber beklagte, dass diese Parteilichkeit dem Haffe gegen sein Judenthnm zuzuschreiben sei. Dreyfus war der erste Jude, der in den Generalstab eingetrcten war, also.Also," können wir sagen, „musste er der Berräther sein und musste der Gencralstab purisiceirt werden." Noch geben sich die französischen Juden nicht klare Rechenschaft darüber, welche unheilvolle Nolle der Antisemitismus im Dreyfnsprocesse gespielt hat. Ja, sie werden aller Wahrscheinlichkeit nach die letzten fein, die an diese Rolle werden glauben wollen. Mit überlegenem Lächeln sehen sie auf die täglichen Brandartikcl der antisemitischen Blätter herab, deren Zahl fortwährend in erschreckender Weise wächst und welche den Judenhass nicht nur erwecken, sondern in intensivster Weise unter den Massen und selbst in der Jntelligez verbreiten. Zola, der ja gewiss ein genialer Beobachter aller Erscheinungen im Volksleben ist. verkennt diese Gefahr nicht. In seiner neuesten Brochnre „An Frankreich" sagt er darüber: „Und weißt Du auch, Frankreich, wohin Du gehst? Zur Kirche, zum Drucke der Jutolleranz und der Theokratie kehrst Du wieder." Heute ist ja die Taktik des Antisemitismus eine sehr einfache. Leider haben es die Verhältnise mit sich gebracht, dass man dem Volke das Wüthen des Antisemitismus beizubringen vermag; man vergiftet es durch den Fanatismus, man verbreitet ihn auf den Straßen durch das Geschrei: „Nieder mit den Juden! Tod den Juden! . . . Zwei unheilvolle Geschehnisse sind das Werk des Antisemitismus: der Panamaprocess und die Dreyfusaffaire." Aber Zola und Ives Guyot sind nicht die einzigen, welche den Einfluss des Antisemitismus in dem furchtbaren Drama begreifen, das sich in den letzten Tagen vor uns abgespielt hat. Öb aber die Juden das werden begreifen wollen, das weiß ich nicht. Ja, ich bin nicht einmal überzeugt, dass es in Frankreich viele Juden gibt, welche mit Bernard Lazare übereinstimmen, als er sagte: „Selbst wenn der Capitän Dreyfus schuldig gewesen wäre, hätte ich es nicht ohne Protest erlaubt, dass man für sein Vergehen ein ganzes Volk verantwortlich mache. Clemenceau hat dieser. Tage erzählt, dass der Herausgeber einer bedeutenden Revue einen Artikel zu Gunsten der Revision des Dreyfusprocesscs veröffentlichen wollte. Da haben ihn die jüdischen Financiers, welche auf diese Revue Einfluss haben, daran gehindert. „Die jüdischen Capitalisten haben es nicht gerne, wenn man sie anklagt, mit vom Syndicat zu sein." fügte Clemenceau hinzu. Man sieht, es gibt Juden, die von Furcht und Feigheit so erfüllt sind, dass sie gar nicht an das Recht und die Pflicht der Vcrtheidignng denken. Glücklicherweise vermehrt sich die Zahl von ehrenhaften Männern, wie Zola, Kestner, Clemenceau von Tag zu Tag. Emile Zola veröffentlichte eben in der „A u r o r e" einen großen Artikel, in welchem er sich an den Präsidenten der Republick in einem offenen Briefe wendet. Der Brief wird ja den Lesern der „Welt" bekannt sein. Es ist tröstlich, dass ein Mann von der Bedeutung Zolas offen alle die Triebfedern darzulegen wagt, welche die Machthaber in der Dreyfusaffaire zu ihren oft unbegreiflichen Schritten veranlafsten. Dass Zola dies mir großer persönlicher Gefahr thut, das wird, wie ich fürchte, bald offenbar sein. Nach soviel Traurigem noch etwas Amüsantes. Nochefort hat dieser Tage eine ingeniöse Entdeckung gemacht. Er hat dem französischen Volke das Geheimnis offenbart, dass der Zionistencongress in Basel den Zweck hatte. Dreyfus in Freiheit zu setzen. Der Congress sei von Juden und Protestanten einberufcn worden. Für wie dumm müssen Rochesort und seine Gesinnungsgenossen die Franzosen halteu, wenn sie ihnen solche handgreifliche Lügen auszutischen wagen! _ Argus. Drr Zionismus in Rumänien. A quelque Chose malheur est bon. Die wüsten Scencn in Bukarest und Galatz haben den Juden wieder gezeigt, dass sie selbst nur imstande sind, sich zu Helsen. Leider können wir unseren Gefühlen nicht mehr in aller Oeffentlichkeit Ausdruck geben, wie wir es bisnun gethan, das Vcreinsrecht ist vorläufig allen Nichtrumänen im Königreiche entzogen, aber wir hoffen, dass die Autoritäten einsehen und sich überzeugen werden, dass der Zionismus andere Tendenzen und andere Bestrebungen hat als die Reservisten- und Pamantanul-Vereine, denn „unsere Gedanken sind nicht deren Gedanken und unsere Wege sind nicht deren Wege — erhaben wie der Himmel von der Erde sind unsere Gedanken von deren Gedanken und unsere Wege von deren Wegen!" Wir hoffen daher in Bälde die Erlaubnis zur Abhaltung unserer Versammlungen zu erhalten, wenn auch die günstigste Zeit bereits verflossen ist, nämlich Weihnachten, wo die „Chowewe Zion" sonst ihre General-Versammlung jährlich abgchaltcn, und welche diesmal gerade so sehr nolhwendig gewesen, von verschiedenen Gesichtspunkten aus. Das Makkabäerfest wurde in manchen Städten gefeiert, in manchen wollte man seitens der Vorstände die Tempel oder Schulen nicht zur Verfügung stellen und andere geeignete Locale waren aus oberwähnten Gründen nicht zu haben. Indexen nahmen die Herren Sam. Pineles und L. Kornfeld das Wort bei Gelegenheit des Chanuka-Lichtcr- Anzündcns am 25. December in dem Handwerkertempel in Galatz, wo ersterer vor vollem Hause die Heldcnthaten der Makkabäer vortrug, dabei erwähnend, dass es bereits dazumal schon viele Juden gegeben, die feig genug waren, gegen Versprechungen und Belohnungen ihren Gott und ihre Nation zu verkaufen und zu verrathen . . . aber wenn wir einig sind, sind wir ganz und gar nicht poporul cel mai fricos din lumea (das furchtsamste Volk aus Erden), wie erst unlängst ein Zeitungsblatt sich ausdrückte; das waren wir nie und sind es auch jetzt nicht. In unseren Adern rollt noch immer Makkabäer-Blut! aber die Uneinigkeit ist unser Uebel, unser Elend, unser Tod!! Der Jude ist im Laufe der letzten Jahrhunderte so verknechtet geworden, dass er wirklich glaubte, er verdiene nicht mehr die Menschenrechte, er glaubte (wie Kulka so treffend sagt), wie der Schames der Chanuka-Lichtcr, andern voranleuchten, andern das Licht spenden, zu müssen, aber er allein muss abgesondert stehen, als Diener, als Schames! Die Zeiten sind nun vorüber, meinte der Vortragende, wir haben in Basel, dank der Führung von Dr. H e r z l und Dr. N o r d a u, gezeigt, dass wir alles Material zu einer selbständigen Nation besitzen! Wir müssen nur einig sein und einstehen, alle für einen und einer für alle! Es wird selbstverständlich dies nicht in einem Tage und nicht in einem Jahre geschehen, aber genug, dass wir angefangen, daran zu denken, Palästina wieder zu bevölkern, zu colonisieren. Der Congress in Basel hat den ersten Impuls dazu gegeben, um aus dem Wege, der dazu führt, offen und frei, mit Erlaubnis der Türkei und unter Garantie der Großmächte, in das Land unserer Wünsche zu gelangen. Redner gieng dann auf die Institution des Schekels über und auf das Programm des Baseler Congrcsses. Hierauf nahm Herr L. Kornfeld das Wort im Jargon, und erzählte in 2'/- ständiger Rede die Geschichte des jüdischen Volkes, seitdem es zur Nation geworden, bis zur Zerstörung Jerusalems durch Titus, um dann ebenfalls auf den Baseler Congress und die Schekel-Einzahlung zu kommen. Leider waren diese Worte die Abschiedsrede des Herrn Kornfeld, unseres sehr verdienstvollen Wanderpredigers hierzulande, der seinen Posten als Lehrer an der hiesigen i s r a e l i t i s ch-rumänischen Schule verlassen musste, weil er ein — zu eifriger Zionist gewesen! So hatte es der jüdische Schulvorstand (vor den betrübenden Scenen in Bukarest und Galatz) herausgefundcn! Herr Kornfeld gieng mit seiner Familie vorläufig nach Egypten, um später nach Palästina zu übersiedeln, wo er feinen Collegen und unseren Gesinnungsgenossen, Herrn Israel Teller, als Lehrer in der Colonie Rechoboth finden wird. In B r a i l a sprach unser wackerer Gesinnungsgenosse Herr Jsak Agent ebenfalls im Tempel, wo auch zionistische Lieder vorgelragen wurden. Diese Stadt ist überhaupt für den Zionismus gewonnen, dank den Bemühungen des Herrn Ellmann, Reisch er, Herz u. v. a., sodass es eine wahre Freude ist, in ihrem Leseclub „Zion" zu verkehren. In Pl o esti hat der Zionismus ebenfalls seit langem festen Fuß gefasst Herr A. D. R os en lässt keine Gelegenheit vorüber gehen, wo er nicht durch Wort und Schrift für unsere Interessen eintritt. In B u k a r e st gewinnen wir auch täglich mehr Boden. Die zwei vorhandenen Gruppen haben sich vereint unter Dr. Lup escu als Präsident und Herrn S eg all als Bicepräsident. Ein Zionsverein „Jehoschua" unter dem Präsidium des Herrn A. E. Ga st e r und Sccretär Herrn W i n d w a r ist neulich gegründet worden und verspricht viel. Wir wollen den besten Erfolg erhoffen, da wir Herrn Windwar seit Jahren in seinem früheren Wohnorte Craiova als einen tüchtigen Gesinnungsgenossen schätzten. In Pitesti zeigt man uns eben die Neugründung eines Zionsvereins an. Bisher hat Herr Moriz Neuberger dort sich sehr um unsere Interessen bemüht. In Galatz gründen der ausgelöste Verein der Militär- Reservisten einen „B n e h - Z i o n" Verein, während die neu entstandenen „B n e H-Z i o n-K ad i m a h" aus jungen Leuten