Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 3 (21.1.1898)
- Article
- Emil Zola's Heldenthat
- Date
- 1898-01-21
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite % JfcOWde 9te. 8. es befleckt seine nationale Ehre mit dem Antisemitismus, seine mililärischcn Traditionen mit chauvinistischer Unvernunft, die glorreichen Blätter seiner inneren Befreiungsgeschichte mit tem grässlichen Capitel Drcyfus. So weit der wirkliche Abstand zwischen dem Fall Calas und dem Fall Dreyfus ist, um soviel kühner und gefährlicher ist auch die Heldenthat Zolas als die Heldenthat Voltaires. Ach, und vielleicht auch um soviel vergeblicher. Denn Zola hat noch andere Gegner vor sich als Voltaire. Hinter den Richtern von Toulouse stand die Bruderschaft der weißen Büßer, die durchaus einen Märtyrer haben wollte und ihn in dem angeblich von seinem Vater wegen des Uebertrittes zum Katholicismus ermordeten Marc Anton Calas zu finden hoffte. Hinter den Richtern von der Rue du Cherchemidi steht aber die in doppeltem Sinne irregeleitete französische Nation, welche den Antisemiten zujubelt und sich damit die Furcht vor Deutschland von der Seele löst. Drcyfus ist das Opfer des ohnmächtigen Revanchegedaukens, der sich wider die armen Juden kehrt, er ist das Opfer des zur Thatenlosigkeit verurtheiltcn Militarismus, der sich an den Juden dafür schadlos halten will, dass er einer Republik zu dienen genöthigt ist. Also bringt sich Frankreich selbst um den Ruhm, die Wiege der Aufklärung und der anerkannten Menschenrechte zu sein, zerstört es selbst den Glorienschein der Toleranz und der confessionellen Vorurtheilslosigkeit, von dem es durch ein Jahrhundert bcglänzt war. Was die Revolution von 1789 geschaffen, was Napoleon Bonaparte gegründet, hat in der conservativcn Republik von 1898 keinen Platz mehr. Die unbefangensten aller Gesetzbücher, der Code civile und der Code penal, das große Sanhedrin, mittelst dessen die Juden als Gleichberechtigte der bürgerlichen Gesellschaft Frankreichs eingefügt wurden — es ist alles untergegangcn in dem Wahnwitz, der sich hinter dem Schlagwortc der „nationalen Verthsidigung" verschanzt. Sprecht nicht mehr von dem großmülhigen, freien Frankreich, von Voltaire und Diderot, von der glorcichen Revolution, sprecht nicht mehr von Lafayette, von Victor Hugo, von Tocqucville — von Drumont und Rochcfort und ihrem amiscmstischen Pöbel sprecht, denn ihrer ist das Frank, eich, welches Emil Zola zur Besinnung zurückrufen möchte, ihrer ist das Frankreich des Falles Drcyfus. Und die Nutzanwendung, die sich aufdrängt, wie muss sie lauten? Frankreich, die einstige Wiege der Toleranz gegen die Juden, nimmt die „nationale Verthcidigung", die „militärische Ehre" zu Vorwänden, um den jüdischen Capitän Dreyfus unter dem schmachvollen Verdachte der Spionage zu degradieren und nach der Teufelsinsel zu verbannen, wo er unter den fuichlbarsten physischen und Sccllnqualen verdirbt, und cs weigert sich, einen Scheurer-Kestncr und Zola anzuhörcn, welche die Unschuld des unglücklichen Juden beweisen wollen. In Frankreich verlangen Abgeordnete, dass in den östlichen Provinzen Juden von allen Aemtcrn ausgeschlossen sein sollen. Das große Frankreich kann nicht einmal Furcht vor dem Reichthum, der Betriebsamkeit, dem Handelsgewinn seiner etlichen zehntausend Juden vorschützen, es.sind ihrer io wenig, aber es hasst sie und will sie rechtlos machen. Drcyfus ist nur ein Exempel, welches statuiert wird. Wo ist noch Zuflucht für die Juden, wenn die Republik Frankreich ihnen Gerechtigkeit versagt — dieses republikanische Frankreich, welches bis vor kurzem noch als die wahre europäische Heimstätte der Judenemancipation und der Assimilation betrachtet wurde? „Mit Schrecken", sagt Voltaire, wenn wir nicht irren, in dem Dssai sur la tolerance, „sehe ich all' diese Vorurtheile, all' diese Unterstellungen, die die Natur und den Menschenverstand empören." Nun sind sie wieder da, diese Vorurtheile. Unterstellungen und Heimsuchungen nach hundertunddrcißig Jahren, sogar in dem angeblich aufgeklärten Frankreich; sie werden niemals verschwinden, auch wenn sic wiederum einmal zeitweilig pausieren sollten, und ihnen gegenüber gibt es auch für die Juden nur eine „nationale Venheidigung", diejenige, zu welcher ihnen der Zionismus die Mittel und Wege weist. Erklärung. Herrn Dr. Eduard Glaser hat es beliebt, in seinem Artikel „Quittung", der von den rüdesten Angriffen auf Dr. Herzl, Dr. Nordau und Spectator strotzt, auch mich, den verantwortlichen Redactcur der „Welt", zu verunglimpfen. Ueber meine Thätigkeit und Stellung, die Herr Dr. Glaser ja absolut nicht kennt, bin ich weder ihm noch sonst irgend wem Rechenschaft schuldig. Es ist mir auch vollständig gleichgiltig was der Ehrenmann oder Ehrendoctor Glaser über mich oder meine Stellung als verantwortlicher Redacteur denkt. Da er aber ein journalistisches Bubenstück gegen mich begangen hat, so will ich dieses Vorgehen hier sestlegen. Weiter mit der Person dieses He rn mich zu beschäftigen, finde ich vorläufig keine Veranlassung. Was die Beschimpfung der „Welt" in dem Glaserschen Artikel anbelangt, so werden wir von Herrn Dr. Glaser und dem Blatte, das er zur Ablagerung seines famosen geistigen Productes benützte, an anderer Stelle volle Rechenschaft fordern und hoffentlich auch erhalten. Dr. Siegmund Werner. Die „Wett" — rin Revolverblatt. Die „Oesterrcichische Wochenschrift", deren Herausgeber die Leiter der zionistischen Bewegung seiner Sympathie 31t versichern pflegt, bevor er Schmähartikcl gegen sie publiriert oder nachdem er solche gegen sic gebracht hat, musste wieder einmal einem hervorragenden Einsender ihre Spalten öffnen. Ein hervorragender Einsender ist nämlich Dr. Glaser nach allem, was er von sich erzählt. Seine Rathschlägc, sowohl die vertraulichen, mit denen er uns zuerst beehrte, wie die öffentlichen, mit denen ec uns später behelligte, mussten wir zu unserem lebhaften Bedauern ablehncn. Er rächt sich dafür,, indem er die „Welt" ein Revolverblatt nennt. Es genügte wohl, dass wir dieses Wort in seiner ganzen Heiterkeit? wiedergeben. Unter einem Rcvolverblattc versteht man eine? Zeitung, die um materieller Bortheile willen die Leute angreift. Jeder, der eine solche Thatsache weiß, möge sie unvcr;- züglich der Oesterrcichischen Wochenschrift oder Herrn Doctor Glaser mittheilen. Die Angabe soll auch in diesen Spalten rcproducierl werden. Inzwischen weisen wir darauf hin, dass in der „Welt" nicht einmal die gewöhnlichen Inserate von Bahnen, Banken oder Versicherungsgesellschaften Aufnahme finden, von „Subventionen" oder Pauschalien ganz zu schweigen. Es ist daher zum verwundern, dass die Oesterreichlsche Wochenschrift, der ja diese Dinge bekannt sind, solchen thörichten. Behauptungen Raum gibt. H. Die Woche. Wien, 20. Jänner 18987- Jn der Affaire Dreyfus muss man immer mit dem armen Opfer zugleich auch alle übrigen Juden vertheidigen. Deshalb hat Bernard Lazare gesagt: Selbst für den Fall, dass der Capitän wirklich schuldig sei, protestiere er dagegen, dass die Vergehen eines Einzelnen zu einer Anklage gegen? das ganze jüdische Volk gemacht werden. Täglich müsste man? diesen Protest erneuern, nicht bloß in Paris, sondern allerorten. Wo immer sich ein Jude vergangen hat, wird stets mit ihm auch sein ganzes Volk bestraft. Nur wenn einer sich auszeichnet, ist man gerecht genug, deswegen nicht gleich alle zu loben. Im Gegcntheil, man beeilt sich, den verdienten Mann wegen seiner Gemeinschaft mit Israel zu bedauern: „Schad', dass er ein Jud' is!" * * * Interessant ist die Stellung, die England zur Affaire Dreyfus einnimmr. In England verquickt man den Rassenstreit noch nicht mit einem einzelnen, wenn auch unerhörten Justizsall, Dort hat man sich eine wohlthuende Freiheit der