Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 3 (21.1.1898)
- Date
- 1898-01-21
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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Emil Zola beweist es in diesen Tagen an sich selbst. Der ganze Rougon-Maquart- Cyclus wird vermuthlich längst schon literarhistorische Maculatur sein, wenn der Heroismus, den Zola jetzt als Kämpfer für Wahrheit und Gerechtigkeit offenbart, noch als Beispiel von Mannesmuth und Unerschrockenheit durch die Geschichte leuchten wird. Und vielleicht nicht der geringste Theil des Glorienscheines, der seine offenen Briefe an Frankreich und an den Präsidenten Faure umstrahlt, wird es sein, dass der große Schriftsteller seine ungeheuere Popularität, die Ruhe und das Behagen seines ausgehenden Mannesalters, ja seine persönliche Freiheit für die Rettung eines — Juden einsetzt. Aus dem führenden Realisten der Literatur ist über Nacht ein hinreißender Idealist der Geschichte geworden. Um den schauerlichen Rechtsirrthum, der nach seiner Ueberzeugung an dem unglücklichen jüdischen Capitän Dreyfus verübt wurde, rückgängig zu machen, wirft sich Zola der schäumenden Brandung des Chauvinismus, der Uebermacht der militärischen Hierarchie, dem schleichenden Doppelungcthüm des monarchistisch-jesuitischen Bundes entgegen — er ganz allein und nur mit der Waffe des heiligen Zornes ausgestattet, der seine patriotische Seele erfüllt. Welcher Einsatz und um welchen Preis! Was er im glücklichsten Falle erreichen kann, ist die Erlösung des jüdischen Sträflings auf der Teufclsinscl, dem der Antisemitismus den Strick gedreht hat und der Staat Frankreich die Möglichkeit der Entsühnung verweigert; was ihm zu verlieren steht, ist der ungeheuere Besitz an Ruhm und Bolksthümlichkeit, den er seit 30 Jahren aufgespeichert. Nicht der muthige Senator Scheurcr-Kestner, nicht Clemcnccau noch der tapfere Oberstlieutenant Picquard setzen in diesem Kampfe entfernt soviel ein, wie der Schriftsteller, der ihnen voranschreitet; ihnen kann die Gegenwart nehmen, was die Gegenwart ihnen gegeben hat. Aber Emil Zola wirft das Stück französischer Geistesgeschichte, das er in seiner Person repräsentiert, in die Wagschalc, und wenn cs umsonst geschieht, so wird Frankreich doppelt befleckt sein, in seiner Justiz und in seiner geistigen Autorität. Dann mag wieder einmal das alte traurige Wort wahr werden, dass die siegreiche Sache den Göttern, die besiegte dem Cato gefällt — den Genius Frankreichs aber wird dieser herbe Trost vor dem unauslöschlichen Makel nicht bewahren, den im Bunde mit den Antisemiten seine jetzigen Machthaber ihm anzuheften beflissen sind. Man hört so oft in diesen Tagen Zola mit Voltaire, »ein Eintreten für Dreyfus mit dem Kampfe Voltaires für die Manen und die Nachkommen des unschuldig Hingerichteten Calas vergleichen. Aber es sind einige ansehnliche Unterschiede, welche die Parallele nicht ganz zutreffend erscheinen lassen. Voltaire lebte außerhalb Frankreichs, auf feinem Schlosse in Fcrney, als er die Campagne für Calas führte; er war in seinem „sicheren Port" nicht persönlich beengt und bedroht. Auch der wahllos gefräßige Moloch des militärischen Chauvinismus hielt nicht wie jetzt seinen fletschenden Rachen offen, denn das Phantom der nationalen Ehre, die sich angeblich nur in der Armee erschöpft, existierte damals noch nicht; cs handelte sich um einen Jrrthum der bürgerlichen Justiz und um die Erzwingung der Revision einer „abgeurtheiltcn Sache", bei welcher die „nationale Vertheidigung" auch vorwandsweisc nicht in Frage kam. Fast einer Idylle ähnelt der Kampf Voltaires für Calas im Vergleiche mit dem Kampfe Zolas für Dreyfus. Voltaire kämpfte gegen den Aberglauben des Parlamentes von Toulouse. „Wäre es möglich", rief er in der Denkschrift an den König, „dass cs jetzt noch in Toulouse Richter gäbe, die nicht weinen über die Unschuld einer so misshandelten Familie? Sicherlich weinen sie und sie schämen sich auch; der Beweis, dass sie ihr grausames Urthcil bereuen, liegt darin, dass sie seit vier Monaten bei der Weigerung bleiben, irgend Jemandem, der es fordert, den Process oder auch nur das Urthcil mitzutheilen." Und an einer anderen Stelle der Denkschrift formulierte er sein Verlangen in den Worten, dass „die Wahrheit enthüllt und, wenn sie ans Licht gebracht ist, nur Gerechtigkeit geübt werde". Voltaire, der weltberühmte Patriarch von Ferncy, gegen die Richter von Toulouse — cs war ein ungleicher Kampf, den der Verthcidigcr der Gerechtigkeit gegen den religiösen Fanatismus nothweudig gewinnen musste. Vor allem aber: Dreyfus ist ein Jude und hundertscchsunddreißig Jahre liegen zwischen dem Fall Calas und dem Fall Dreyfus. Innerhalb dieser hundcrtscchsunddrcißig Jahre hat Frankreich die große Revolution und deren Folgen durchlebt, hat es allen civilisicrten Völkern voran die Menschenrechte proclamiert, ist cs durch ein volles Jahrhundert wirklich „an der Spitze der Civilisation" marschiert. Als die Wiederaufnahme des Proccsses Calas erzwungen wurde, stand am Himmel Frankreichs noch nicht die Morgcnröthe der Menschenrechte; jetzt aber, da vergebens die Revision des Processes Dreyfus begehrt wird, ist Frankreich eine Republik, es hat eine glorreiche weltgeschichtliche Etappe im Dienste der bürgerlichen Freiheit hinter sich, jedoch dem Juden Dreyfus kommt von alledem nichts zustatten. Ihm wird verweigert, was dem tobten Jean Calas, dem protestantischen Kaufmanne, bewilligt werden musste, denn Frankreich ehrt nicht mehr die Ueberlieferungen von 1789,