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Die Welt · 1898-01-14 · 2 (14.1.1898) · p. 10

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
2 (14.1.1898)
Article
Wien / S. R.
Date
1898-01-14
Page
10 (sequence 2)
Language
German
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Seite 10. JP*$*r Nr. 2. Muster dienen, das in seiner Mitte eine „Fürsorge-Commission für entlassene jüdische Sträflinge" besitzt. Diese Commission hat im letzten Jahre in 163 Fallen interveniert und Vorzügliches geleistet. Sie hat den jugendlichen Verbrecher mit ihren Angehörigen versöhnt, vielen Arbeit verschafft, sie unterstützt und dergleichen. Gerade dieser Arbeitsnachweis sei von großer Wichtigkeit, denn jeder jüdische Verbrecher belastet die jüdische Criminalstatistik. Allein alle diese Aufgaben sind mit dem vom Cultusvorstande im Budget vorangcschlagencn Pauschale von 300 Gulden nicht zu erreichen. Der Berliner „Arbeitsnachweis-Verein" hat ein jährliches Budget von 7050 Mark. Redner verweist noch auf die Wichtigkeit der Hilfscassen, da die nothlcidende Bevölkerung nicht blos aus manuellen Arbeitern, sondern auch aus kleinen Unternehmern besteht, die einen billigen Credit brauchen, den sie leider ohne ausgiebige Protection bei diversen Wohlihätigkeits-Stiftungen nicht erhalten. Der Cultusvorstand könne hier zeigen, wie weit seine Thatkraft und sein Ernst gehen. Rcdactcur Lichten st ad t weist gleichfalls die Behauptungen Brots zurück und erwähnt den jewish board of guardians in London, der sich auch mit der jüdischen Arbeitsvermittlung abgibt. Man müsse auch in Wien eine lebendige, jüdische Organisation schaffen und sich nicht immer hinter die confessionelle Maske verschanzen. Dr. Ascher sagt, dass die Genossenschaften zu neunzehntel antisemitisch seien und erzählt, dass sein Vater, ein Schirmmacher, trotz wiederholten Verlangens noch nie von der Genossenschaft einen jüdischen Gehilfen zugeschickt erhielt. Hierauf wurde wegen vorgerückter Mittagsstunde die Fortsetzung der Enquete verschoben. 8. R. Prag. (Orig.-Corr.) Die Politik berichtet: Smichov. Ganz im Stillen, ohne viel Geräusch in der Oeffentlichkeit zu verursachen, wird ein heißer Kampf zwischen der böhmischen Judenschaft in Smichov und dem bisher vollständig deutschen Vorstande der israelitischen Cultnsgemeinde daselbst gekämpft. In diesem Streite haben die böhmischen Juden in der letzten Zeit einen bedeutenden moralischen Sieg zu verzeichnen. Das Cultusministerium verordnete nämlich im Monate Mai 1897, dass die bisherigen israelitischen Culiusgemeinden in Smichov und Kosirsch in eine Gemeinde vereinigt werden sollen, dass die bisherigen Vorstände derselben mir dem 1. October 1897 ihre Thätigkeit als solche aufgcben, dass vom 1. October eine provisorische, aus beiden durch Wahl einznsctzende Vertretung die Angelegenheiten der vereinigten Gemeinden zu leiten und insbesondere die für diese Gemeinden giltigen Statuten festzustellcn und zur Genehmigung vorzulegen habe. Die Steuerträger böhmischer Nationalität verlangen — wie cs der Gerechtigkeit vollständig entspricht — eine entsprechende Vertretung in diesem provisorischen Vorstände, wurden jedoch von deutscher Seite mit der Begründung abgewiesen, dass diese nicht kompetent sei, Konipromnisse zu schließen. Zur selben Zeit gicngcn jedoch die beiden Vorstände der rsraelitischen Gemeinden in Smichov und Kosirsch ein Compromiß ein, durch welches die provisorische Gemeindevertretung durch Verschmelzung beider Vorstände gebildet werden sollte, und ließen hierüber bei der k. k. Bezirkshauptmannschaft in Smichov ein Protokoll ausnehmen. Dies geschah unzweifelhaft in der klaren Absicht, um einem Wahlkampfe mit den böhmischen Juden auszuweichcn, weil die deutsche Partei mit Recht den Ausgung dieses Kampfes zu befürchten hatte. Gleichzeitig legte dieser ungesetzlich gebildete provisorische Vorstand ernen Entwurf der Statuten zur Genehmigung vor. Gegen dieses gesetzwidrige Vorgehen wurde von den Juden böhmischer Nationalität eine Beschwerde überreicht, und vor einigen Tagen langte die Entscheidung des Ministeriums für Cultus und Unterricht ein, wonach dem Vorstande der israelitisäien Gemeinde aufgerragen wurde, die zur Vornahme der Wahl der provisorischen Vertretung nöthigcn Schritte unverzüglich einzuleiten und hierüber an die Behörde Bericht zu erstatten. Das Gesuch des Vorstandes um Genehmigung der von einer gesetzwidrigen Vertretung verfassten Statuten wurde als gegenstandslos abgewiesen. — Hoffentlich wird jetzt der deutsche Vorstand der israelitischen Kultusgemcinde Smichov dem gerechten Begehren der böhmischen Steuerträger zugänglicher sein, wenn er nicht alles aufs Spiel setzen will; es ist zweifellos, dass die böhmische Oeffentlichkeit die böhmische Judcnschast in ihrem gerechten Kampfe mit allen Kräften unterstützen wird. Deutschland. Köln. (Orig.-Corr.) In der Nummer 2S dieses Blattes schilderte ich in einer Correspvndenz aus Köln den merkwürdigen Fall, dass ein Renegat durch den Zionismus dem Judenthume wieder zugeführt worden ist. Auch von einem zweiten Renegaten sprach ich die Hoffnung aus, daß er schließlich zur jüdischen Gemeinde zurückkehren wird. Diese Ansicht beruht auf Jrrthum, denn der betreffende Herr theilt mir mit, dass er überzeugter Christ ist und bleiben wird. Ich erachte es als eine Pflicht der Loyalität, dieses hiemit zu constatieren. F. S. Frankreich. Paris. (Orig-Corr.) Zwei Briefe. Scheurer- K e st n e r veröffentlicht im „Temps" folgenden Brief: ..Aus dem Elsaß zurückkehrend, wo ich wieder so viel tröstliche Freundschaften angetroffen habe, erfahre ich zu meiner Ueberraschung, dass gewiffe Leute in meiner kurzen Abwesenheit ein Entmuthigungs- und Unsicherheitsbekenntnis sahen. Wie sollte ich entmuthigt sein, da ich doch weiß, dass der Sieg der Wahrheit nicht von der Willigkeit der Menschen abhängt, und dass es gegen Gerechtigkeit und Recht keine Verjährung geben kann? Wie sollte ich schwankend werden, da der Augenschein täglich deutlicher wird in dem Maße, wie er sich von den Schleiern losmacht, mit denen die Leidenschaften ihn verdunkeln wollen? Ich habe, was mir an Kraft und Leben bleibt, in den Dienst der unterdrückten Unschuld gestellt, diese Hingabe meiner selbst ist unwiderruflich. Ich werde meiner Verpflichtung Nachkommen, auch wenn ich allein bleiben müßte, aber ich bin nicht allein, ich sehe um mich zahlreiche Freunde, die ich schätze, und die mir beistimmen. Stark durch unser Gewiffen, erwarten wir die gerechte, die unabwendbare Sühne." Der Brief mit seiner entschloffenen zuversichtlichen Sprache ruft in Frankreich großes Aufsehen hervor. Der Jntransigeant Rochefort's, des Pamphletisten, fordert die Verfolgung Scheurer's wegen „Verleumdung" des Kriegsgerichtes. — Der ehemalige Justizminister Senator Trarieux überreichte dem Kriegsminister General Billot persönlich ein Schreiben. Trarieux führt in diesem Schreiben, das ebenfalls vom „Temps" veröffentlicht wird, aus, dass das Gutachten der Sachverständigen in Betreff des die Basis der Anklage gegen Dreyius bildenden Bordereaus zu verschiedenen sehr schwerwiegenden Einwänden Anlass gebe und dass die allgemein verbreitete Annahme, wonach ein geheim gehaltenes Document den Mitgliedern des Kriegsgerichtes erst im Berathungszimmer vorgelegt wurde, schwere Zweifel an der Regelmäßigkeit des Processverfahrens wachgerufen habe. Trarieux weist ferner auf die von Piquart festgestellte Thatsache hin, dass die Schrift Eßterhazy's eine große Aehnlichkeit mit den Schriftzügen des Bordereaus habe, dass weiter Piquart den Bicechef des Generalstabes und den Kriegsminister von dieser Thatsache unterrichtet habe, und dass er von seinen Vorgesetzten zuerst ermuthigt wurde, die Nachforschungen sortzusetzen und die Bedingungen vorzubereiten, unter welchen die Wahrheit an den Tag gebracht werden könne. Schließlich hebt Trarieux hervor, dass, wie Eßterhazy selbst behauptet, Documente aus den Processacten Dreyfus gestohlen worden seien und wirft die Frage auf, warum nichts geschehen sei, um den Urheber des Diebstahls zu suchen. Man habe an Piquart Depeschen geschickt, um ihn zu entehren, man habe jedoch nach dem verbrecherischen Absender nicht geforscht. Im Hinblick auf alle diese Umstände fordert Trarreux, dass eine neue Expertise in Betreff des Bordereaus angeordnet, dass der Process gegen Eßterhazy unter vollster Wahrung der Oeffentlichkeit verhandelt werde, und Makhieu Dreyfus mit seinem Rcchtsbeiftande der Processverhandlung beiwohnen könne. Paris. (Orig.-Corr.) Die Verhandlung gegen Walsin- E stcrhazy wurde trotz des Protestes der meisten Journal« größtentheils hinter verschlossenen Thüren geführt. Interessant war vor allem die Vernehmung Picquarts und seine Confrontation mit dem Obersten Henri und dem General Gonse Der letztere, früher ebenso wre Picquart der Meinung, D rey fui sei unschuldig, fjattt ganz plötzlich die Ueberzeugung gewechselt Demgemäß gestaltete sich die Confrontation zwischen Picquart unk Gonse höchst aufregend. An dem in vornherein „aus Staatsraison* feststehenden Urtheile konnte auch das muthvolle, offene Auftretet Picquarts nichts ändern. Am Abend des zweiten Berhandlungs tages um halb neun Uhr halte das Kriegsgericht seine Berhand lungen beendet. Präsident General Luxer erklärte, das Kriegs gerichi habe über folgende Frage zu entscheiden: „Ist Comman dant Esterhazy schuldig, sich in Umtriebe eingelaffen oder ein Ein Verständnis mit einer auswärtigen Macht, beziehungsweise der« Agenten unterhalten zu haben, um sie aufzusorden, Feind seligkeiten gegen Frankreich zu begehen, oder gegen dasselbe eine, Krieg zu führen, oder ihr hiezu die Mittel zu verschaffen?' Bei der nun folgenden Abstimmung, welche nach Artikel 131 de« Militärgesctzes in der Weise vorgenommen wurde, daß de niederste Grad zuerst und schließlich der Präsident feine Stimm abgab, erklärte das Kriegsgericht einstimmig, dass der Angeklagt in Betreff der angeführten Frage nichtschuldig sei. Infolge diese Erkenntnisses wurde Esterhazy sofort in Freiheit gesetzt und ver ließ das Gebäude, wobei die im Hofe anwesenden Osficier

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