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Die Welt · 1898-01-14 · 2 (14.1.1898) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
2 (14.1.1898)
Article
Chicago / L. Z.
Date
1898-01-14
Page
9 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 2. Seite 2. LhiLSAo» 23. Dccember 1897. Es ist nun eine unleugbare Thatsache, dass der Zionismus in den Bereinigten Staaten Amerikas viel liefere Wurzel geschlagen hat, als es manchem Reform-Rabbiner angenehm sein mag. Dies ist nicht nur der Fall in solchen jüdischen Centren wie Nerv-Jork, Philadelphia, Baltimore u. dgl., sondern aud) in den viel radicaleren westlichen Staaten schreitet die Zion-Bewegung mächtig fort. Dass die Begeisterung, welche der Zionismus in dem conservativcn Theile des amerikanischen Judenthums wachgerufcn har, auch auf den reformierteren Theil des Judcnthums gewissermaßen ansteckend gewirkt hat, ist aus dem Umstande zu ersehen, dass die ganze jüdisch-englische Presse der Vereinigten Staaten beinahe einstimmig die Wiederbelebung der Chanukafcicr unter den jüdischen Gemeinden des Landes berichtet. Seitdem den Lesern der „Welt" die Gründung der „Zion Association of Chicago" mitgetheilt wurde, sind noch einige ähnliche Vereine in verschiedenen Theilen unserer Metropole des Westens ins Leben gerufen worden; doch nimmt die „Hcbrah Zion of Chicago" mit ihren 450 Mitgliedern in unserer Mitte vorläufig den ersten Rang ein. Ursprünglich von der hiesigen „Hcbrah S ch o ch'r e S 'p h a t h Eber" organisiert und unter de. Leitung eines biederen russisch-jüdischen Kaufmannes, war die „Zion Affociation of Chicago" die erste, sich gesetzmäßig im Staate Illinois inkorporieren zu lassen und eine Verfassung anzunehmen, welche anderen ähnlichen Vereinen als Muster dienen mag. In dieser Verfassung wird der Zweck des Vereines wie folgt bestimmt: 1. Propaganda der Palästinischen Colonisations- Idee. 2. Die Hebung des jüdischen Nationalbewusstseins. 3. Die einträchtige Mitwirkung mit Vereinen in Amerika und im Auslande, welche sich ähnliche Bestrebungen zur Aufgabe gemacht, für die Verwirklichung der Plane und Beschlüsse des Baseler Congresses und der zukünftigen zionistischen Congresse. 4. Die Unterstützung der Colonisten in Palästina. 5. Die Förderung der Kenntnis der hebräischen Sprache und jüdischer Wissenschaft. Es wird nicht überflüssig sein, zu bemerken, dass die zionistische Bewegung unter den Juden der Vereinigten Staaten seitens der Leiter dieser Bewegung in Europa die größte Aufmerksamkeit und Ermuthigung verdient. Der amerikanische Jude besitzt. Dank dem hierzulande sehr ausgedehnten Vereinswesen, mehr Organisationsfähigkeit und mehr Verständnis für parlamentarische Regeln, als — im Durchschnitt — der Stammesbruder in Europa. Besonders viel könnten die amerikanischen Juden für die Colonialbank thun. — Das wird sich auch hoffentlich bald zeigen. _ L. Z. dovvcfponfcemcn. Oesterreich Ungarn. Wien. Aus Anlaß des Geburtsfestes des Sultans Abdul Hamid fand am 9. Jänner Vormittags im türkisch-israelitischen Tempel in der Cirkusgasse ein Festgottesdienst statt, dem der türkische Botschafter Mahmud Nedim Bcy mit den Herren der Botschaft Consul Dersztay, Consul Thalberg, Reichsrathsabg. Hofrath Kareis, der Bicepräsident der isr. Cultusgemeinde, Herr G. Kohn :c. beiwohnte. Wien. (Orig.-Corr.) Da die Enquete zur Reform des Armenwesens bei der ersten Sitzung über die Frage 1 nicht hinauskam, wurde sie in weiteren Sitzungen fortgesetzt. In der zweiten Sitzung vom 25. December wurden die Fragen 2 und 3 einer Besprechung unterzogen. Sie lauten: „Frage 2: Soll ein Zusammenwirken des Cultusvorstandes mit den hiesigen Wohlthätigkcits-Vereinen unbeschadet ihrer weiteren selbstständigen Thätigkeit angestrebt werden und in welcher Weise? Frage 3: Soll die Armenpflege des Cultusvorstandes durch freiwillige Armenpfleger und Armenpflegerinnen oder durch angestellte Beamte geübt werden?" Die Frage 2 wurde von den meisten Experten bejaht. Es wurde allgemein die Nothwendigkeit einer Centralisierung des Armenwesens durch Errichtung einer gemeinsamen Informationsstelle und eines Centralzettelcatalogs anerkannt. Die einzelnen Vereine sollten jedoch hiebei weiter ihre Vermögensverwaltung und Verrheilung der Geldmittel behalten. Hingegen giengen die Ansichten der Experten bei der Frage 3 sehr auseinander. Es überwog jedoch die Ansicht, dass nur durch Anstellung von freiwilligen Armenpflegern eine gesunde Reform des jüdischen Armenwesens möglich sei. Diese Ärmenpfleger resp. Armcnpflegcrinnen sollen nicht nur die Armen aufsuchen, deren Vcrmögensverhaltnisse prüfen, sondern auch eine private Sammelthätigkeit entwickeln. Darin sehen jedoch die Privatwohlthätigkeits-Vereinsmeier eine Concurrenz. . . . Der Cultusvorstand macht aber auch selbst kein Hehl daraus, dass er seine Recherchen lediglich durch angestellte Beamte besorgen wolle. Wir glauben, dass das Richtige hier in der Mitte liegt. Man kann die Bedeutung der freiwilligen Armenpfleger nicht himmelhoch preisen, man darf sie aber auch nicht s. liwiue abweisen — denn diese Institution des Elbesfelder Systems ist auf dem Gebiete des jüdischen Armenwesens noch ganz unerprobt. Man sollte nun denjenigen, die sich zum Wohlthätigkeitswerke melden, die Möglichkeit lassen, ihre Anschauungen practisch im Interesse der leidenden Volksgenossen zu verwerten. Herr Rcdacteur Lichten st adt wies bei dieser Gelegenheit auf die Nothwendigkeit einer Armeustatistik hin, die wir bereits im Leitartikel über die Enqnete (Vgl. Nr. 27) betont haben. Herr S. Meisels regte die Errichtung eines Unterstützungs- Vereines für die zugereisten Armen an. Am 9. d. M. fand sohin die dritte Sitzung der Enquete statt, bei der weitere zwei Fragen discutiert wurden. „Frage 4 : Welche C r i t e r i en sind für die Bedürftigkeit und Betheilungswürdigkeir grundsätzlich fesizustellen? Alter, Fam'lienstand, Gesundheit, Erwerbsfähigkeit, Aufenthaltsdauer, :c. Frage 5; Wie sollen die seitens des Cultusvorstandes gewährten Unterstützungen erfolgen? a) Bei eingetretener Armurh als Almosen, Handgelder, in Bargeld oder zum Theil in Naturalgaben — und zwar in welcherlei? b) Durch präventive Hilfe, gegen Verarmung durch Hilfscasscn, Arbeitsvermittlung :c.?" In klarer, sachlicher Weise ohne jene Weitschweifigkeit, die cs bei vielen Experten dazu führte, dass sie über alles sprachen, nur nicht über die zu behandelnde Frage, setzte Magistratssecretär Dr. Löwy seine Anschauungen über die in der Frage 4 verlangten Criterien auseinander. Er erklärte, dass es nothwendig sei, die wirtschaftlichen Lage des Betreffenden festzustellen, seine Zuständigkeit zu erfahren, um ihn falls er nach Wien zuständig wäre, in seinen Ansprüchen an die Commune zu unterstützen, und schließlich die Zahl der Kinder und Höhe des Miethzinses kennen zu lernen. Auch Experte Dr. Ascher will der Zuständigkeit einen Einfluss auf die Betheilungswürdigkeit einräumen. Die Herren scheinen jedoch zu übersehen, dass nach dem neuen Heimatsgesctz im Jahre 1901 alle diejenigen, die bereits seit mindestens zehn Jahre an einem Orte wohnen schon dadurch ixso.jure die Zuständigkeit erlangen, wodurch ohnedies von der Wiener Cultusgemeinde ein großer Theil der Armen-Lasten auf die Wiener Commune überwälzt wird. Den eigentlichen Kern der ganzen Enquete bildete jedoch die Frage 5. Während sich die früheren Fragen darum drehten, wer zu unterstützen sei, handelte es hier darum, w i e zu unterstützen sei, wie dem Bedürftigen am raschesten und erfolgreichsten zu helfen sei, so dass er sich wieder zur wirtschaftlichen Selbstständigkeit emporschwinge. Der Cultusvorstand glaubte, dies dadurch am besten zu erreichen, wenn er die Gründung der sub alinea b. erwähnten Institute anregt. Allein da machte er die Rechnung ohne den Herrn Brot. Dieser Experte, der die Function eines Obmannes des Vereines zur Hebung der Gewerbe bekleidet, möchte um des Himmelswillen nur keine „konfessionelle" Arbeitsvermittlung haben. Man solle nur die Arbeitssuchenden seinem Verein zuschicken. Dass es außer Gewerbetreibenden auch noch andere Berufe und Arbeitssuchende geben könne, übersah er in seiner Furcht, dass man nur seinem Verein keine „Concurrenz" mache. Ja, nach Ansicht dieses Experten, könnte eine jüdische Arbeitsvermittlungs-Anstalt eine — Revolution herbeiführen. So grundlos dieses ganze Gerede auch ist, so steckt doch darin Methode. Denn das ist jene Sorte von Juden, die nichts vergessen und nichts gelernt hat, die sich noch immer duckt und immer kriecht, und die Gnade der Antisemiten erkauft zu haben glaubt, w.nn sie sich in ein „interconfeftionellcs" Mäntelchen hüllt, statt in jüdischen Vereinen offen Farbe zu bekennen. Mit diesen Worten hat auch der folgende Redner Dr. S. R. Landau das ganze Verhalten des Vorredners gekennzeichnet. Dr. Landau verwies auf den jüdischen Verein für Arbeitsnachweis in Berlin, der vor zwei Jahren gegründet sehr wohlthätig wirkt und zu keiner — Revolution geführt hat. Demselben gelang es vielmehr gleich im ersten Jahre folgende Personen unterzubringen: Gewöhnliche Arbeiter 218, Hausdiener 72, Kutscher 3, Weinküfer 4, Krankenwärter 1, Jnspectoren 1, Handwerks-Gesellen 54, Handwerks-Lehrlinge 20, Registratoren 1, Schreiber 49, Buchhalter 42, Commis 61, Stadtreisende 14, Kaufmannslchrlinge 6, Schneiderinnen 6, Zuschneiderinnen 4, Buchhalterinnen 31, Cassierinnen 2, Verkäuferennen 37, Lehrmamsells 13 :c. Jnsgesammt 661. Redner machte auch den Cultusvorstand besonders aufmerksam auf die Beschaffung von Arbeitsgelegenheit sür entlassene jüdische Sträflinge, damit sie wieder einem ehrlichen Berufe nachgehen können. Auch darin könnte uns Berlin zum

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