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Die Welt · 1898-01-14 · 2 (14.1.1898) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
2 (14.1.1898)
Article
[Ohne Titel] / F. L.
Date
1898-01-14
Page
7 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 2 jk&nm Seite 7. Sieht man in unserem Falle von der ersten Kategorie von vorneherein ab, dann bleibt vor allem das weite Feld der zweiten Kategorie mit seinen zahllosen Schilderungen der schönen Weihnachtsfeier, den Erzählungen vom Osterhasen, der die bunten Eier bringt, dem Nicolaus, der am St. NicolauStage die Schuhe und Strümpfe mit Zuckerwerk füllt, und in den kleinen Köpfchen regt sich der erste Zwiespalt, die erste Unzufriedenheit mir der Religion, der sie angehörcn, der erste Missmuth über die Sonderstellung, die sie in der KinLerwclt einnehmen. - Es bliebe nun noch der kleine Rest der interconfessionellen Bücher, die aber mit wenigen Ausnahmen (wie z. B. Campe's treffliche Schriften) von zweifelhaftem pädagogischem Werte find. Es wäre eine schöne und dankbare Aufgabe für eine berufene Feder, eine Lectüre für jüdische Kinder zu schaffen: durch Erzählungen aus der jüdischen Vergangenheit und solchen aus der Gegenwart, die sich im jüdischen Kreise bewegen, um das Interesse der Kinder für ihre eigene Nation wachzurufen und sie mit den Sitten und Gebräuchen derselben bekannt zu machen. Eine Anregung in Ihrem geschätzten Blatte würde in dieser Hinsicht gewiss von Erfolg begleitet sein, und Sie um eine solche zu ersuchen, ist der Zweck dieser Zeilen. F. L. weltchrsnik. Herr Dr. Max Nordau ersucht uns um die Aufnahme folgender Zuschrift: „Die letzte Nummer der „Welt" brachte unter der Ueberschrifl „Ein Brief Nordaus" eine Mittheilung üder eine Arbeit von mir, die in der Jerusalemer hebräischen Zeitschrift „Haschkafa" abgedruckt war, und ließ den einleitenden Zeilen zwei Absätze folgen, die zwischen Gänsefüßen stehen, also nolhwendig die Vorstellung erwecken muffen, dass sie den Wortlaut meines Aufsatzes wiedergeben. Eine derartige Vorstellung wäre jedoch ein Jmcthum. Meine Arbeit, die mehrere Spalten lang ist, war von mir französisch geschrieben und von der Redaction der „Haschkafa" ins Hebräische übersetzt. Aus der mehr oder minder getreuen hebräischen Uebersetzung ist der ganz kurze Auszug, den die „Welt" brachte, ins Deutsche zurückübersetzt worden. Dass bei einer solchen zweimaligen Übertragung in weit auseinander liegende Sprachen, verbunden mit äußerst energischer Zusammenziehung sehr wenig vom Gedankengange und nichts von der Form der Urschrift übrigbleibt, bedarf keines Beweises. Ich übernehme also nur eine sehr stark verminderte Verantwortlichkeit für den „Brief", den die „Welt" mir zuschreibt." Lord Beaconsfield im Ghetto von Venedig. Ein soeben herausgekommenes Buch von Dr. Münz, das den Titel hat: „Hervorragende Engländer auf dem Continent", gibt unter anderem auch eine hochinteressante Schilderung von dem einstigen Aufenthalte Disraeli's, des nachherigen Earl von Beaconsfield im Ghetto von Venedig. Dr. Münz schreibt in seinen Erinnerungen aus dem Jahre 1831: Ein junger Engländer von auffallend blaffer Gesichtsfarbe und mit einer Fülle von schwarzem Lockenhaar war damals viel in Venedig. Sein Benehmen war etwas theatralisch. Er sprach vorzügliches Spanisch und nicht ganz correctes Italienisch, vergötterte Italien und fand nicht Worte des Ruhmes genug über sein geliebtes Venedig, die holde „Braut der Adria." Täglich nahm er die Sehenswürdigkeiten der Stadt in Augenschein, sein Hauptinteresse galt aber dem Ghetto und dem Rialto. Auf der Rialto-Brücke pflegte er oft lange sinnend zu stehen. . . Ganze Stunden brachte er so zu und schaute träumerischen Auges auf die hohen vom Wetter und der Zeit mitgenommenen Gebäude, in denen die Israeliten Venedigs damals noch wohnten. Da stand zum Beispiel, dicht am Eingang zum alten Ghetto, ein achtstöckiges Haus, von oben bis unten auf das Dichteste bewohnt. Disraeli pflegte ohne Umstande und Besinnen die dunklen, dumpfen Treppen, wo ihm die Ratten über den Weg sprangen, hinaufzuklettern und die armen Juden zu besuchen, unter denen sein Großvater gelebt hatte. Dann setzte er sich oft zu den jungen Mädchen auf die sonnenverklärten Terrassen, von denen man ganz Venedig überblickte und hinaus aufs ferne blaue Meer schaute, und sprach und scherzte mit den Töchtern Zions. Es schien ihn das oft und freundlich daran zu erinnern, wie einst hier die Frauen und Mädchen seiner eigenen Familie gehaust hatten. Er pflegte den jungen Damen des Ghetto jede erdenkliche Aufmerksamkeit zu erweisen : der einen brachte er einen Strauß Nelken vom Lido, einer anderen machte er ein weißes Kätzchen zum Geschenk. So kam und gieng er, der freie Sohn Albions, zu den „Gefangenen" seines Volkes und brachte ihnen die Grüße der Außenwelt. Der Curort Zalta. Bekanntlich ist unseren Glaubensgenossen der Aufenthalt in Jalta, dem berühmten Badeorte in der Krim, selbst zu Curzwecken untersagt. Die localen Polizeibehörden haben dieses Verbot auch auf die Kaufleute erster Gilde : ausgedehnt, denen es bekanntlich sonst gestattet ist, sich ihren Wohnsitz frei zu wählen. Einer der von dieser ungerechten Ausweisung Betroffenen klagte und errang den Erfolg, dass der Minister des Innern den Generalgouverneur von Taurien anwies, den privilegierten Juden den Aufenthalt in Jalta zu gestatten. Dagegen bleiben die Kaukasus-Curorte unseren Glaubensgenossen nach wie vor völlig verschlossen, und auch eine erneuerte Petition an den Minister des Innern, welche von Hunderten jüdischer Kranker, denen dort Genesung winkt, unterschrieben ist, dürfte daran nichts ändern. Judenexcefse in Spola. Die Verhandlung gegen die Theilnehmer der Judenexcefse in Spola, die im Frühjahre 1897 in Spola, Gouvernement Kiew stattgefunden haben, wobei die gesammte jüdische Bevölkerung um ihr Hab und Gut gekommen war, ist für Anfang Jänner anberaumt worden. Auf der Anklagebank werden 60 Personen Platz nehmen, circa 232 Zeugen sind vorgeladen. Die Branntweinepigonen der Juden. Bekanntlich wurde in Russland im vorigen Jahre das Branntweinmonopol eingeführt, wonach der Verkauf des Branntwelns nur noch von den vom Staate bestellten Personen ausgeübt werden darf. Durch die Einführung dieses Monopols wurde eine Menge jüdischer Branntweinschänker an den Bettelstab gebracht. An die Stelle der Juden sind merkwürdige Nachfolger gekommen, nämlich Volksschullehrer. Den Volksschullehrern geht es in ihrem eigentlichen Berufe sehr schlecht, und so zieht es eine große Anzahl, besonders auf dem flachen Lande, vor, in den Dienst des Finanzministeriums überzutreten und Branntwein zu verkaufen. Die Calamität wird immer größer, und in vielen Dörfern mussten die Volksschulen geschlossen werden, nachdem alle Lehrer zu Branntweinverkäufern geworden waren. Jüdische Proletarier. Aus Bjelostok in Russland wird dem „Vorwärts" gemeldet, dass der Ausstand der Cigarettenarbeiterinnen mit einem Siege der Arbeiterinnen geendet hat. Sie erhalten nun 20 Kopeken für das Tausend Cigaretten anstatt 14'/». Die Schneider-, Schuhmacher- und Tischlermeister verlangten von den Arbeitern, dass sie 11'/» Stunden statt 10V« Stunden arbeiten. Die Arbeiter beantworteten dieses Ansinnen mit einem allgemeinen Strike, der zwei Wochen dauerte und von einem allgemeinen Erfolge gekrönt wurde. Die Weberei Fabrikanten wollten ebenfalls ihren Arbeitern die Löhne herabsetzen, allein die Weber die gewöhnlich im Winter eine Lohnherabsetzung ohne Murren hinnehmen, haben diesmal starken Widerstand geleistet. In einer im Walde abgehaltenen Versammlung beschlossen die an ihren Forderungen sestzuhalten. Die Polizei versuchte die Versammelten zu zerstreuen, nahm aber keine Verhaftungen vor. Nach der Versammlung zogen 600 Arbeiter unter Absingen der Arbeiter-Marsaillaise in jüdischer Sprache durch die Hauptstraßen der Stadt. Der Wille des Volkes. Sonntag 9. Jänner fand in der Volkshalle im neuen Rathhaus eine vom antisemitischen Arbeiterverein „Austria" einberufene Versammlung statt. Es waren etwa 4000 Personen anwesend. Arbeiterführer Kuntschak wies die jüngsten Angriffe der Socialdemokraten gegen den Wiener Gemeinderath zurück. Der Gemeinderath könne die Sünden, welche die Liberalen durch 30 Jahre angehäuft hätten, nicht mit einemmale gutmachen. Bürgermeister Dr. Lueger hebt die Schwierigkeiten hervor, welche sich der Beschaffung der Geldmittel für communale Zwecke entgegenstellen, und erörterte dann die Missstände am Viehmarkre. Die Versammlung nahm einhellig eine Resolution an, in welcher den Socialdemokraten und Schönerianern die schärfste Missbilligung ausgesprochen und das allgemeine Wahlrecht, sowie die Verbilligung der Lebensmittel gefordert werden. Der Antifemitismus auf dem Zweirade macht erhebliche Fortschritte. Am 6. Jänner fand in Wien in Hamberger's Saallocalitäten eine Heeresschau über die judenreinen Bicyclcorperationen Oesterreichs statt. Die Revue ergab 2400 Mitglieder. ..Herr Abgeordneter Poratynski hat das Wort." Sollte jemals im Parlamente vom Präsidentenlische dieser Ruf ertönen. So werden gewiss die ehrenwerten Abgeordneten verdutzt dreinschauen. Keine Ergänzungswahl, keine Angelobung und doch ein neuer Collega in ihrer Mitte! Aber ihre Neugierde wird bald befriedigt sein, wenn sie den Sprecher näher anschauen. Da ist ja der Herr Piepes, der sich den unbequemen Namen geändert hat! Ob Herr Piepes-Poratynski dadurch der polnischen Gesellschaft näher zu kommen glaubt, wissen wir nicht. Es ist aber tragisch, dass gerade vor zwei Wochen (vgl. Nr. 30 Corr. Lcmbcrg) seinem Sohn als einem Juden von einem polnischen Redacteur die Satisfaction verweigert wurde. Also eS hilft nichts.

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