Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 2 (14.1.1898)
- Article
- Zionismus
- Date
- 1898-01-14
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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€>ette 4. Nr. ». Nicht mehr und nicht weniger. Was man sonst noch hinzufügt, ist Fabel, Missdeutung oder Missverständnis. Die Zionisten glauben, dass zur vollständigen Lösung der namentlich im Osten Europas drückenden, aber auch anderswo empfindlichen Schwierigkeit eine Seßhaftmachung der von Land zu Land geworfenen Proletarier nothwendig sei. Damit wäre zugleich auch die Verwendung derjenigen intelligenteren und aufstrebenden jüdischen Volkselemente ermöglicht, denen gegenwärtig in den antisemitischen Ländern jeder Beruf vergällt, jedes Amt entzogen, jedes Geschäft erschwert wird. Hat sich doch sogar vor kurzem in Oesterreich der Ruf erhoben, man möge die Juden vom Handwerk fernhalten, sogar vom Handwerk. Also nicht nur vom Richterstand, von der politischen Verwaltung, vom Heeresdienst (wie in Rumänien), von den Lehrämtern, von der Advokatur, von — kurz, von allem. Nun erfordert es der Umfang unserer Aufgabe, dass die Thcilnahme, ja das Wohlwollen sammtlicher betheiligten Regierungen gewonnen werde. Dies kann nur durch eine rückhaltlose öffentliche Discussion erreicht werden, und wir discutieren öffentlich und rückhaltlos. Alle Regierungen sollen und werden hoffentlich auch bald einsehen, dass der Zionismus aus dem Judenthum selbst heraus die Abhilfe bringt, die anders wohl kaum zu erlangen wäre. Eine geordnete Ableitung der überschüssigen jüdischenVolkstheile würde zweifellos als Erleichterung für Christen und Juden empfunden werden, und zwar sowohl für die Juden, die schon resorbiert oder resorbierbar sind, wie für die anderen, die viel unglücklicheren. Und wie soll das ausgeführt werden? Durch die Besiedelung eines ebenso verwahrlosten wie wichtigen Winkels im Orient. Wer wü.de dadurch bedroht oder geschädigt? Thatsächlich niemand. Die Türkei nicht, für die es vielmehr einen Zuwachs an Wohlstand, an arbeitsamen und friedliebenden Volkskräften bedeuten kann, und in erster Linie, schon in der nächsten Zukunft eine Regelung ihrer geradezu hoffnungslosen Finanzlage. Die anderen europäischen Mächte ebenso wenig, denn es soll kein ./Pufferstaat" oder was immer für ein beängstigendes Märchengebildc entstehen, sondern eine ganz neutrale stille Niederlassung von Leuten, die sich mit aller Kraft ihrer Seele nach dauernder Ruhe sehnen. Es ist wahr, dass in der natürlichen Entwickelung dieser Dinge auch die Anlage eines Schienenweges vom Mittelmeer nach dem Nordende des persischen Meerbusens wäre. Aber will jemand leugnen, dass eine solche neue Völkerstraße im Interesse sämmtlicher europäischer Culturstaaten ist? Die deutsche Expedition nach Ostasien beweist wohl, dass nicht nur die Engländer politische und wirtschaftliche Gründe haben, kürzere Wege als die jetzigen nach Asien zu suchen. Die Niederlassung der Juden würde sich wohl hüten, das egoistische Protcctorat einer einzelnen Macht zu erstreben, wenn sie das sicherste Wohlwollen aller zugleich erreichen kann. Die griechischen Ereignisse haben gezeigt, dass es ein Europa gibt, welches die Erhaltung des status quo wünscht, selbst wenn dieser nur auf Kosten des Fortbestandes der trostlosen Verhältnisse im Orient möglich wäre. Der zionistische Plan würde jedoch die Verhältnisse bessern, ohne den völkerrechtlichen Status quo zu verändern. Welcher Freund des Friedens und der Türkei kann etwas dagegen haben, wenn eine Provinz des Khalisen zum Aufblühen gebracht wird? Die große jüdische Colonialbank, die in nächster Zeit gebildet werden wird, soll das financielle Instrument zur Durchführung dieser Pläne sein. Es ist ja denkbar, dass durch Einwirkungen aus den Willen des rechtmäßigen Herrn des Landes die Ausführung verzögert oder gar vereitelt wird. Sollte diese Eventualität eintreten, die für die Türkei noch bedauerlicher wäre als für die Juden, so wird eben auf den Ablauf des Zcrsetzungsprozesses gewartet oder ein anderes Territorium gesucht werden müssen. Die Juden haben so lange gewartet, sie können noch warten. Nur das ist die Frage, wie lange die Türkei noch auf eine finanzielle Hilfe warten kann. Ueber ihre jetzige Creditfähigkeit sind Illusionen nicht möglich. Der Türkei ist durch die Juden zu helfen, den Juden durch die Türkei. Und am Ende dieses Ausweges findet sich ein bischen Menschlichkeit, eine Vermehrung der Cultur und eine Bereicherung der Weltwirtschaft. In dem Artikel Dr. Glasers wird von „christlichen Helfershelfern" der Zionisten gesprochen. Ich würde Vorschlägen, die Bezeichnung „christliche Freunde" für diejenigen zu gebrauchen, die uns aus reiner Menschlichkeit bei dem anfangs verlachten und immer noch schweren Werk beigcstanden sind und weiterhin beistchen wollen. Seit dem Toleranzrausch, der über Europa kam — und gieng, sah man einen so warmen Anschluss von Christen an Juden nicht, wie es der ist, den der Zionismus in allen Landern bewirkte. Man kann darüber natürlich spötteln: „Sie möchten uns weghaben!" Aber wer cs recht verstehen will, der wird darin mit ernster Freude ein Vorzeichen erblicken jener Zeit, jener Versöhnung, der wir entgegengehen. pariser Brief. 1. Januar 1896. Die französischen Juden haben wirklich Pech. Ihr schönster Traum war es stets, unbemerkt bleiben zu können, ja an ihre Existenz ganz vergessen zu machen. So stellten sie sich die- Lösung der Judcnfrage, zumindest für Frankreich, vor. Sie zitterten vor allem, was sie bei dieser „Mimicry" hätte stören können; sie giengen allem derartigen sorgfältig aus dem Wege — und doch, und doch! Anstatt im Dunkel zu verschwinden, werden sie in die hellste Beleuchtung gezogen, mit der Lupe des Zornes und des Hasses untersucht man ihr Verhalten, sie bilden tagtäglich die Zielscheibe mehr oder weniger schnöder Bemerkungen. Allerdings ist es wahr, dass das Wort „Jude" nur dann mit Vorliebe gebraucht wird, wenn einer unserer Stammesgenossen irgend etwas Schlechtes begangen haben soll. Hat er aber etwas gethan, was zum Ruhme Frankreichs gereicht, dann hört man allerdings nicht das Wort „Jude". Aber ob in guter oder böser Absicht auf den jüdischen Ursprung hingewiesen wird, alles eins, es ist den französischen Inden unangenehm; am liebsten hätten sie cs, wenn man überhaupt nicht von ihnen sprechen würde. Es erinnert das an die Taktik jener Parvenüs, die sich nie so unglücklich fühlen, als wenn man sie an ihren Ursprung erinnert. Arme französische Juden mit dem Parvenuhorizonte! Und da kommen nun die Geschichten mit Reinach. Arton, Dreyfus, Raquet :e., tagtäglich einer als „Jude" in<den Blättern genannt, überall das Reden von den Juden und wieder von den Juden! Selbst die freisinnigsten Männer können sich der ewigen Pression nicht mehr erwehren. Selbst die Socialistcn, von denen man doch annehmen sollte, dass sie am weitesten von allen derartigen Vorurtheilcn entfernt sind, auch sie bedienen sich des Wortes „Jude" und der Namen der jüdischen Banquiers, wenn sie gegen das Capital donnern. Es ist ganz kurze Zeit her, dass sie anlässlich der Drcysusaffaire einen Appell an die Pariser Bevölkerung richteten, der mit den Worten begann: „Wir als Feinde sowohl der Juden als auch der Antisemiten ... protestieren, :c. :c." Und Millerand, ein Marm mit weitem Gesichtskreis, hat cs nicht unterlassen, über Reinach hcrzusallcn, weil „der Deputierte Reinach gerade diese Sache in seine Hand genommen habe". Wenn dies in solchen Kreisen geschieht, wie ist es da erst mit den Gefühlen der Masse bestellt, die man ja gerade in Frankreich ebenso leicht zu allem Bösen wie zum Guten leiten kann. Wie groß muss in solchen Zeiten der Einfluss der Drumont, Rocheforr und all ihrer Gesinnungsgenossen sein! So ist das Milieu eigentlich fast ebenso interessant wie die Affaire, die darin spielt. Geradezu ein Exempel aber bildet der „Figaro". Man weiß, wie dieses Blatt, das anfangs mit der größten Wärme für Dreyfus eintrat, plötzlich schwieg. Jetzt kennt man bereits die Erklärungen des Dircctors de Rodays über diesen Fall. „Der ,Figaro' hatte die öffentliche Meinung gegen sich, er war in Gefahr, die Achtung seiner Freunde zu verlieren, und hat sich überdies noch überzeugt, dass eine Art ,staatsmännischer Klugheit' das Vorgehen der Regierung rechtfertige — deshalb hat auch der ,Figaro' auf die Fortsetzung der Campagne verzichtet." Der Rede Sinn ist: eine bedeutende Anzahl von Abonnenten hat die Annahme des Joürnales verweigert, das einen „vcrrätherischen Juden" verlheidigte. Die Abvnnentenfrage ist eben wichtiger als die Frage der Gerechtigkeit; die öffentliche Meinung — lies der Clericalen und Antisemiten — ist maßgebend für die Haltung des Blattes, alles andere ist von untergeordneter Wichtigkeit. In dieser Affaire haben also die fran-