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Die Welt · 1898-01-14 · 2 (14.1.1898) · p. 3

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
2 (14.1.1898)
Article
[Ohne Titel]
Date
1898-01-14
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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JPfc&war Seite 8. sich einmal genau erkundigen, ob in irgend einer Armee ein Officicr geduldet würde, der ähnliche „Privat-Angelcgenheiten" hätte. Aber der Herr Major erklärt ja, dass er diese Dinge „aufrichtig bedanr,.". Mehr scheint man von ihm gar nicht zu wünschen. Das Kriegsgericht, welches in diesen Tagen bei geschlossenen Thürcn der kameradschaftlichen Geselligkeit pflegt, weiß ganz genau, dass der „Graf" Walsin-Eßterhazy ein Desperado ist. Die Richter kennen die Geschichte der Rothschild-Collccte, sie wissen, dass der geschätzte Angeklagte in schmutzigen Geldmanövcrn arbeitet. Sie trauen ihm in seinem „privaten Leben" jede Unwürdigkcit. jede Pcrfidie zu. Sie wissen, dass diese verzweifelte Existenz sich nur durch verzweifelte Mittel über Wasser halten konnte, — aber, dass er das Bordereau gefälscht. dass er den Capitän Drcysus ins Unglück gestürzt, und diese ganze jämmerliche Geschichte um eines Vortheiles willen angczettelt hat, das trauen sie ihin nicht zu. In logischer Erwägung seines anrüchigen Vorlebens sind sie von seiner Unfähigkeit, ein Verbrechen zu begehen, überzeugt. Der Bertheidiger braucht nur aufzustehen und zu sagen: Meine Herren! Wenn Sie überlegen, dass Walsin-Eßterhazy niemals gewissenhaft gehandelt hat, wenn Sie in Betracht ziehen, dass er das Leben eines Abenteurers geführt hat, dass er immer am Rande des Abgrunds gestanden, dann werden Sie zu dem Schlüsse kommen, dass für diesen wackeren Mann kein Grund vorlag, einen Vcrrath zu begehen". Der Vcrthcidiger könnte noch viel mehr sagen, wenn er nicht in der - angenehmen Lage wäre, sich's bequem zu machen. Nun, das Kriegsgericht wird zu diesem Schlüsse gelangen, und der „wackere Mann" wird wieder in Paris spazieren gehen, noch che diese Zeilen die Presse verlassen. Das Kriegsgericht ist conseqnent. Ein Mann, welcher das Recht verwirkt hat, als Gentleman angesprochen zu werden, gilt vor ihm als über jeden Verdacht erhaben. So ist es denn nur natürlich, wenn Dreyfus, der sein Lebtag' nichts Schlimmes begangen, der in behaglich geordneten Verhältniffcn gelebt hat, Drcysus, von dem cs bekannt wurde, dass ihm die deutsche Regierung dreimal den Eintritt in das Elsaß verweigert, dringend verdächtig war, ein Hochvcrräthcr zu sein. * * Die öffentliche Meinung in Frankreich ist nicht minder conscquent, wie das Kriegsgericht. Eßterhazy, der tiesdunkle Ehrenmann, gilt ihr als guter Soldat. Der Mann, der den Wunsch ausgesprochen, als Eroberer in Paris cinzuzichen, als vortrefflicher Patriot. Da muss denn Zola ein Schurke sein, der biedere Scheurcr-Kestncr ein Vcrräther, der tapfere Oberst Piquard ein Verleumder, Bernhard Lazare, Mathieu Dreyfus und die anderen unbescholtenen Leute alle Hallunken. Nur Eßterhazy bleibt ein Biedermann „Sage mir, wen du verdächtigst, und ich werde dir sagen, wer du bist." Wieder sind die Thüren zum Kriegsgericht geschlossen worden, und man hat es wieder hören müssen, dass die Verthcidigung des Vaterlandes diese Geheimnisthuerci verlange, um die „Ehre der Armee". Man sollte sich hüten, zu erklären, es sei möglich, dass die Ehre der Armee so wenig Licht vertrüge. Man nehme sich in Acht, denn eines Tages werden die Leute doch daran zu glauben .ansangen. Jetzt begrüßen sic allerdings Eßterhazy noch mit Hochrufen. Die Ossicicre ehren ihn durch Entblößen ihres Hauptes. Man weiß cs ja längst, dass er sreigcsprochen werden muss, Die Armee ist wieder einmal gerettet und mit ihr das Land. Der Verleumder Piquard wird angeklagt werden, und der General Gonse, dessen Gedächtnis und Urberzeugung so sehr i zu rechter Zeit eine Wandlung durchgemacht hat, wird weiter \ als eine Zierde der Armee gelten. Auch Paty du Clam, der bekannte tadellose Untersuchungsrichter in der Affaire Dreyfus bleibt weiter ein Officier, auf den die Armee stolz ist. Das bischen Wortbruch und Parteilichkeit, das man ihm öffentlich vorwirft, wird er ebenso siegreich überdauern, wie Eßterhazy seine „privaten Angelegenheiten". Und die Leute werden wieder schreien: „Vive Farmte! Yive la France!“ Auf den Boulevards, in den Casehäusern und in den Foyers der Theater kaufen die luftigen Leute die billigen kleinen Juden aus Papier und zupfen zu ihrem Amüsement an dem actuellen Nasenstrippchcn. Voila, l’affaire Dreyfus! Ein harmloses Vergnügen, das niemandem schadet, als armen Nasen, die nicht lang genug werden können. Aber der Mann, der diesen Scherz erfunden, hat damit auch ein sinnreiches Symbol für die Lage der heutigen Juden gegeben. Und der Vorsitzende des Kriegsgerichtes, der Herrn Mathieu Dreyfus so neckisch zu zupfen und zu zausen verstand, hat die Pariser gelehrt, wie man jene Spielerei gründlich betreiben müsse. Was sagte doch unser Antisemitenblatt von der papierenen Affaire Dreyfus? „Sie wird massenhaft gekauft!" Zionismus.*) Unter dem Scheine des Wohlwollens für diejenigen Bestrebungen, welche die in verschiedenen Ländern Europas bestehende politische und sociale Nothlage der Juden durch eine vernünftige Colonisierung zunächst der proletarischen Judenmassen beheben möchten, hat der Arabienreisende Dr. Glaser an dieser Stelle („B.T.") gegen den Zionismus einen Hieb zu führen versucht. Das „Berliner Tageblatt" steht unseren zionistischen Bestrebungen nicht freundlich gegenüber. Dennoch erwarte ich von Ihrer Courtoisie, dass Sie den nachstehenden Erklärungen Raum gewähren. Dr. Glaser, der die proletarischen Judenmassen ebenfalls ansiedcln möchte, allerdings nicht da, wo sie es wollen, sondern dort, wo er es will, nämlich in Arabien, Dr. Glaser wünschte in guter Logik vor allem die palästinensische Colonisation zu untergraben, und er scheint zu glauben, dass sein isolierter Gedanke sich den Vertretern der Judenhcit dann von selbst aufnöthigen würde. Zu diesem Zweck erzählt er nun der Welt seine sehr arabischen Märchen. Die Zionisten sollen im Dienste der englischen Politik stehen, sie sollen die „erste wirkliche Zerschneidung und Theilung des türkischen Reiches" beabsichtigen, er sieht schon die „eventuelle jüdische Landarmee", die freilich „wegen ihrer geringen Zahl weder den Franzosen noch sonst jemandem imponieren wird", an der Seite der englischen Landarmee gegen die „zu Lande von Norden her vordringendcn Russen und Franzosen" ins Feld ziehen. Wenn man Herrn Dr. Glaser bittet, erzählt er vielleicht auch gleich den Hergang der Schlacht, in welcher die „eventuelle jüdische Landarmce" natürlich den Kürzeren zieht, weil sie nicht nach dem Glaserschen Rathe sich seitwärts in die arabischen Gebüsche geschlagen hat. Erfordert das noch eine gründliche Widerlegung? Das sind Geschichten, bei denen man stehend einschläft. Aber wir Juden haben von Blut- und anderen Märchen schon so viel auszustehen gehabt, dass uns die Erfahrung gebietet, die schädlichen Märchen zu erdrosseln, so lange sie noch jung und klein sind. Die Wahrheit ist, dass die Zionisten ebenso wenig eine „rein englische" als eine „antifranzösische, antirussische oder antitürkische" Politik machen. Die Zionisten wollen ganz einfach das, was sie sreimüthig auf dem Baseler Congress in den Programmsatz gefasst haben: „Die Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für diejenigen Juden, die sich an ihren jetzigen Wohnorten nicht assimilieren können oder wollen." *) Unter diesem Titel schrieb Dr. Theodor Hcrzl im „Berliner Tageblatt" vom 4. Jänner a. c. dir obige Entgegnung ans den Artikel des Arabienreisenden Dr. Eduard Glaser: „Der Zionismus. Eine Wiederaufrollung der orientalischen Frage." Wir bringen diese Eulgegnurrg hier in extenso wieder. Die Redaction.

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