Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 2 (14.1.1898)
- Article
- Der Pufferstaat
- Date
- 1898-01-14
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite S. Nr. 9. hat jahrhundertelang alle Unannehmlichkeiten des Anpralles von zwei Seiten zu ertragen gehabt. Assyrer, Babyloner, Perser und Griechen drangen nacheinander gegen Aegypten vor, und da der Weg jedesmal über Palästina führte, so ist das Land selten zu Frieden und Ruhe gekommen. Das ist eine geschichtliche Thatsache, und wir haben nicht die geringste Veranlassung, ihre Bedeutung beschönigen oder abschwächen zu wollen. Zu den fortwährenden Kämpfen zwischen Aegypten und der jeweiligen vorderasiatischen Macht wurde das Jordanthal immer wieder der Schauplatz barbarischer Verwüstung, und das Volk von der traurigen Wahl zwischen der einen und der andern Fremdherrschaft in Alhem gehalten. So war es vor dreitausend Jahren, und so wird es, sagt unser Prophet, wieder sein, wenn unser Traum in Erfüllung geht, und ein jüdisches Staatsgebäude sich auf den Trümmern Jerusalems und Samarias erhebt. Statt der Assyrer und Babyloner werden uns im Norden Kosaken, statt der Aegyptcr britische Rothjacken im Süden bedrängen — das ist der ganze Unterschied, sagt der Prophet. Ganz richtig: das ist der ganze Unterschied. Wir wollen auf den Gedanken eingehen und uns die immerhin recht ferne Zukunft ausmalen, da Russen und Engländer die Theilung der Erde unter sich vornehmen, ohne dass eine andere Macht die Kraft oder den Willen haben wird, etwas von der Beute zu verlangen. Der Fall ist nicht undenkbar, sowcir Asien und Afrika in Betracht kommen. Die Engländer sind schon jetzt die unmittelbaren Nachbarn der südpalästinensischen Stämme, und wir wollen unserer Phantasie die Anstrengung zumuthen, sich die Russen als die Herren von Kleinasien zu denken; wir wollen ihnen auch Cypern geben — es kostet uns ja nichts. Der palästinensische Judcnstaat würde also dann thatsächlich einen Keil bilden oder, sagen wir, einen Puffer zwischen dem russischen und britischen Reich. Warum nicht? Allerdings meinen wir nicht einen „Pufferstaat", wenn wir „an die neutrale, stille Niederlassung" denken, die der Zionismus für die Juden verlangt. Aber selbst angenommen, es käme zu einem solchen Pufferstaat. Ich für meinen Tbeil muss gestehen, dass der Gedanke eines Pufferstaates mir nicht nur keinen Schrecken einflößt, sondern mich mit den besten Hoffnungen für die fernste Zukunft erfüllt. Freilich denke ich mir die Zukunft anders als unser antizionistischer Prophet. Es ist unmöglich, die Zukunft aus dem Alterthum zn erschließen; cs gibt keine geschichtlichen Analogien, die Geschichte wiederholt sich nicht. Naturereignisse kehren wieder, dieselben Verhältnisse mögen eintrcten, das mag im Völkcrleben eintreten, sowie im Leben eines einzelnen sich Ereignisse und Umstände wiederholen. Aber so wenig ein Erfolg derselbe ist für den Greis, der er für den Jüngling war, so wenig bedeutet ein Zusammentreffen von gleichen Umständen heute und vor dreitausend Jahren mehr als eine zufällige Erscheinung. Die Umstände mögen die gleichen sein, die Menschen sind andere geworden. Es gibt schon jetzt keine Raubkriege im Sinne der alten Welt, und man braucht nicht gerade an ein tausendjähriges Reich zu glauben, um davon überzeugt zu sein, dass die Zukunft noch mehr als die Gegenwart dem Frieden, nicht dem Kriege gehört. Ucbervölkerung, Hunger, Rassenhass, Herrschsucht, Ucbcrmuth — alle die großen uud kleinen Ursachen des männcrmordenden Krieges gellen heule nur noch zwischen barbarischen Staaten, zwischen Völkerfragmenten in weltentrückten Gebieten. Raub- und Vernichtungskriege zwischen großen Völkern sind uns heute schon undenkbare Begriffe, und wir gehen friedlicheren Zeiten entgegen. Alles weist darauf hin, dass wir in der Entwickelung des Völkerlcbens einer ähnlichen Stufe entgegengehen, wie wir sie in der Gesellschaft eines jeden civilisierten Volkes bereits erreicht haben. Der Kampf ums Dasein wird nicht mehr mit Schwert und Lanze geführt. Jedes menschliche Individuum hat heute noch wie vor Jahrtausenden um Licht und Luft, um Leben und Liebe zu kämpien;. aber der Besiegte wird nicht mehr auf dem Altäre geopfert wie einst, es ist nicht mehr wie in der Thierwelt, wo eines das andere verschlingt. Das sind Gemeinplätze; gewiss. Aber was innerhalb einer einzelnen Volksgemeinschaft zum Gemeinplatz geworden ist, warum ist das in der Völkergemeinschaft eine Utopie? Die Geschichte der letzten hundert Jahre hat eine Anzahl von Staatswesen geschaffen, die sich als Pufferstaaten vortrefflich bewähren. Die großen Nachbarn und die zwischen sie eingekeilten Pufferoölker haben sich über die Einrichtung durchaus nicht zu beklagen. Das Ideal Comtess und aller Positivisten geht vor unseren Augen in Erfüllung. Die kleinsten Volkseinheiten kommen nach jahrtauscndlangcr Unterdrückung zu ihrem Rechte in culturcller, vielfach auch in staatlicher Beziehung, und eine ganze Anzahl ethnographischer Probleme drängen mit Naturnothwendigkeit dieser Lösung entgegen. So sehen wir die Zukunft der Welt und in derselben die Zukunft unseres Volkes auf seinem eigenen Boden. Die wsche. Wien, 11. Jänner 1898. Ein Antisemitenblatt erzählt unter dem Titel „Die Affaire Dreyfus", dass jetzt in Paris kleine Juden aus Pappe verkauft werden, deren Nasen sich komisch verlängern, wenn man an einem Schnürchen zieht. Das ist alles, was in jener Zeitung über den unglückseligen Prozess berichtet wird. Mit keinem Wort geschieht der skandalösen Einzelheiten Erwähn nung, die jetzt täglich aus dem Verfahren gegen Dreyfus bekannt werden. Von all den ungeheuerlichen Phasen, welche diese Angelegenheit durchzumachen hat, weiß man in diesem Blatte nichts. Nur über die Papierjuden ist man genau unterrichtet. Das Ernsthafte an dieser Geschichte einer Verurtheilung wird nicht der Rede wert erachtet, blos der Scherz, den sich die Franzosen jetzt mit den Juden erlauben, muss schon, weil er so gelungen ist, zum Besten gegeben werden. „Die Affaire Dreyfus" — das ist eine Spielerei, in der die Juden lange Nasen bekommen. Nun, dieser Scherz wird jetzt in Paris, in der Vaterstadt der Pointen, um einige lustige Wendungen bereichert. Das Kriegsgericht, das sich jetzt in Liebenswürdigkeiten gegen Walsin-Esterhazy ergeht, rst der merkwürdigste Witz, den die witzigste aller Nationen je zustande gebracht hat. Mit Trommelwirbel, präsentierten Gewehren und militärischem Gepränge spielt man jetzt der aufgeregten Oeffentlichkeit in voller Galauniform die Komödie der Gerechtigkeit vor. Verhöre, Zeugen, Anklage und Vcrtheidigung, es ist Alles so, wie wenn es Ernst wäre, und was die Illusion vergrößert: die Scene spielt in demselben Local, von dem aus man früher einen Verurtheilten auf die Teufelsinsel geschickt hat. Ist nicht Frankreich das Land der unblutigen Duelle? Ist nicht der Parc Monceau irgendwo in der Nähe des Palais Recamicr? Jener Park, von dem aus die unversehrten aber nicht unversöhnten Gegner mit ihren Secundanten und Aerzten zum Frühstück fahren, um die durch ein wenig Schießpulver wieder hergcstellte Ehre zu begießen? Die Pistolen, mit denen man auf Esterhazy feuert, sind nicht geladen, und cs wird überhaupt nur geschossen, damit man dann wieder in aller Eintracht zusammen frühstücken kann. * * Herr Walsin-Esterhazy erklärt, „er habe in seinem privaten Leben gewiss manches gethan, was er jetzt aufrichtig bedauert". Dass er eine Serie von Brandartikeln gegen die jüdischen Ofsiciere in der „Libre parole“ geschrieben, und so den Dreyfus-Process wirkungsvoll vorbereitet hat, war gewiss nur eine Handlung seines „privaten" Lebens, dass er als Mitarbeiter der antisemitischen „Libre parole“ einem jüdischen Kameraden — Secundantendienste leistete, war ebenfalls ein privater Vorgang, dass er dann endlich für diesen Dienst verlangte, der Baron Rothschild und andere reiche Juden mögen ihm ein Trinkgeld geben, ist schließlich auch eine private Angelegenheit des Herrn Major Walsin-Esterhazy. SOfrm müsste