Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 2 (14.1.1898)
- Date
- 1898-01-14
- Page
- None (sequence 1)
- Language
- German
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Jänner wurde im Carl-Theater das vieraktige Schauspiel „Das neue Ghetto" von Theodor Herzt zum erstenmale aufgeführt und vom Publicum beifällig ausgenommen. Wir unterlassen es, auf dieses Stück näher einzugehcn, da wir es unseren Lesern vollständig vorlegen werden. Die schon im Einführungsprospcct der „Welt" angckündigt gewesene Publication wird in einer der nächsten Nummern beginnen. Die Redaction. Der Pufferstaat. Boir Leo RafoelS. Es ist bei der größten Friedfertigkeit nicht möglich, dem kriegerischen Bilde auszuweichen. Weit mehr noch, als das siegreiche Vordringen des zionistischen Gedankens, erinnert das Zurückweichen der Gegner an Kampf und Krieg. Seit Jahr und Tag ist die jüdische Frage im weitesten, weltgeschichtlichen Sinne des Wortes ein ideales Schlachtfeld, auf dem eine überzeugte und zielbewusste Minderheit einer an Zahl weit überlegenen, aber rath- und führerlosen Majorität gegenübcrsteht. Im Laufe der letzten zwei Jahre haben die Gegner des ' jüdischen Volks- und Staatsgedankcns Dutzende von Einwendungen, wie Schanzen und Festungen, dem Vordringen der zionistischen Bewegung cntgcgcngestellt, und jeden Tag kommt zu den alten Einwänden irgend ein neuer dazu. Derjenige aber, der das Entstehen und Wachsen dieser Vcrtheidigungsmittcl aufmerksam verfolgt, kann sich einer merkwürdigen Wahrnehmung nicht verschließen. Die Eiuwände gegen den zionistischen Gedanken treten nie auf einmal auf, die alten werden fallen gelassen, so oft ein neuer erscheint und der neue wird mit der größten Geschwindigkeit einem neuern und dieser wieder bereitwilligst einem allcrncucsten zum Opfer gebracht. So hieß es zuerst, der Zionismus sei das Hirngespinst müßiger Köpfe, eine angebliche Rettung, wo es gar nicht der Rettung bedürfte; bald darauf gab man die Noth im Osten von Europa zu, aber ein zeitlich und räumlich beschränktes Uebel sei noch kein Grund, um durch die zionistische Utopie die moralischen und materiellen Errungenschaften der westlichen Juden leichtsinnigcrweisc zu gefährden." Der nächste Einwurf schloss den Westen vom Judenelend nicht mehr aus, leugnete also nicht mehr die Nothwendigkeit eines die Gesammthcit umfassenden Rettungsversuches, erklärte aber einen solchen Versuch für unausführbar — aus hundert inneren Gründen. Wir hörten bei dieser Gelegenheit von tausend Mängeln unseres Volkes, unter anderen von solchen, welche merkwürdigerweise bis jetzt selbst den Falkenaugen unserer Feinde verborgen geblieben sind: „Es fällt den Juden nicht ein, nach Zion zu gehen!" So ungefähr fasste man die hundert Gründe in ein kurzes Ergebnis zusammen. Und wieder nach einiger Zeit war die Unaussührbarkeit des zionistischen Versuches aus inneren Gründen vergessen, und die Berechtigung der Judenstaatsidee wurde mit Erwägungen bestritten, welche die Natur und Lage außeracht ließen und sich nur mit dem erstrebten Ziele befassten. Es sei undenkbar, sagte man, das gelobte Land sür die Juden zu bekommen. Und wieder wurden dafür hundert Beweise erbracht. Es ist undenkbar, hieß es unmittelbar darauf, auf dem mageren, unfruchtbaren Boden eines winzigen Ländchens einen Staat mit sieben Millionen Menschen zu gründen. Diese kurze Aufzahlung ist weit davon entfernt, die Liste der Einwände gegen den Zionismus zu erschöpfen. Aber sie ist erschöpfend genug, um die sehr erfreuliche Thatsache zu beweisen, dass die Gegner des zionistischen Gedankens heute die Position aufgeben, die sie gestern errichtet haben, um eine neue zu schaffen, die sie morgen im Stich lassen werden. Jeder neue Einwand bedeutet eine Niederlage der planlosen Majorität und ein Zugeständnis an unsere Idee; jeder neue Einwand ist ein neuer Markstein auf dem Siegesmarscheeines erlösenden Gedankens. Die Fruchtbarkeit unserer Gegner in der Erfindung von immer neuen Einwänden hat eine verzweifelte Ähnlichkeit mit der übergroßen Fülle von Beschuldigungen, welche Heiden und Christen seit mehr als zweitausend Jahren gegen uns Juden, aber nie auf einmal, nie zu gleicher Zeit erheben. Das war mir immer eine innere Beruhigung und ein unfehlbarer Trost. Die Feindschaft gegen uns Juden hat alle fünfzig Jahre eines neuen Borwandcs bedurft, um sich theoretisch am Leben zu erhalten, und zwar hat jeder neue Vorwand seinen Vorgänger erdroffelt. Der neueste Einwand, den man jüdischcrscits gegen Palästina als Heimat des Gesammtvolkes erhebt, schiebt alle früheren Bedenken als kleinlich und belanglos zur Seite und stellt sich breitspurig, mit diplomatischer Wichtigthuerei dem Zionismus in den Weg. „Ein Judcnstaat in Palästina ist als Pufferstaat zwischen den zwei feindlichen Mächten der Gegenwart und Zukunft, zwischen England und Russland, von vornherein dem Untergänge geweiht." Dieses neue Dogma klingt so staatsmännisch, so weitausschauend, dass es sich verlohnt, einige Worte darauf zu entgegnen, bevor es von der nächsten Kundmachung umgcbracht wird. Der Gedanke, dass Syrien und Palästina einst den Keil bilden werden zwischen einer ungeheueren asiatischen und einer nicht rnindcrgioßcn afrikanischen Macht, ist die Wahrsagung eines Propheten, der die Zukunft aus der Vergangenheit verkündet. Palästina war ein Pufferstaat und