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Die Welt · 1898-01-07 · 1 (7.1.1898) · p. 16

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
1 (7.1.1898)
Article
Ulei [Nachricht]
Date
1898-01-07
Page
16 (sequence 1)
Language
German
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«eite 1«. Nr. 1. BLcherwrtt. Der Verlag „Ulei", der von unserem Gesinnungsgenossen Dr. M. Schlaposchnikow in Charkow geleitet wird, veröffentlicht soeben zwei Boschürcn in ruffischcr Sprache. Die eine enthält einen sehr ausführlichen Bericht über den „ersten zionistischen Wcltcongress in Basels die andere bildet das zweite Heft der nicht periodisch erscheinenden Sammelschrift „Wiestnik Siona". Wir finden darin sehr belehrende Artikel; u. A. eine Skizze «Das erlöschende Licht" von Eisenstadt, Uebersetzungen der Gordon'schen Gedichte, „Die Wiederbelebung der hebräischen Sprache" von C hissen, «Ausländerrecht nach Bibel und Talmud" von G r o ß m a n n u. s. w. In einem „Vae soli“, betitelten Aufsatze der Gegenwart, bespricht Max N o r d a u das Los des einsamen Schriftstellers in der Fremde; wir entnehmen dem Auffatze folgende Betrachtungen: „Es ist mir in der Thal immer auferlegt gewesen, ein Einsamer zu sein. Als der Sohn eines Preußen in Pest geboren, fand ich in der Stadt, wo ich meine Kinder- und Knabenjahre verlebt habe, niemals GemüthSanschluss, wuchs ohne Verkehr mit Verwandten und Kameraden auf, lernte meine Umgebung mit den Augen meines chauvinistisch, ja fanatisch deutsch gesinnten BaterS betrachten und fühlte nach dem Lande, das ich als meine eigentliche Heimat ansah, eine Sehnsucht, die mich gegen das Land meiner Geburt ungeduldig und ich fürchte, manchmal ungerecht machte. Zufällige Bedingungen des Broterwerbes, auf den ich angewiesen war, ließen mich dann meinen Wohnsitz in Paris nehmen, wo ich ebenfalls nothwendig ein Fremder war und bis zum heutigen Tage geblieben bin. weil ich die Opfer an Selbstgefühl und persönlicher Würde nicht bringen wollte, die der Preis sind, um den allein der Fremde die etwas herablaffende und durch allerlei geheime Vorbehalte eingeschränkte Aufnahme in die Kreise der Eingesessenen erlangen kann. Einsam hatte ich in Pest gelebt, einsam lebe ich in Paris. Die oberflächlichen Kameradschaften der Schule riffen ab, als ich Pest verließ, neue knüpft man nicht mehr leicht an, wenn man der Schule entwachsen ist und infolge beständiger Vereinsamung von der Geburt an niemals gelernt hat, leicht aus sich herauszutreten, und so hatte ich ein für alle Mal auf die Bortheile der Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu verzichten, mit der man zusammen den Kampf ums Dasein beginnt, mit der man zu Angriff und Verteidigung Schulter an Schulter steht, und mit der man zusammen durch gegenseitige mehr oder minder kräftige Handreichung zu Theil- oder Gesammterfolgen gelangt." „Ich rechnete mir vor, um wie viel leichter Andere es haben, die von den Verhältnissen mehr begünstigt sind, um wie viel erfolgreicher mein eigenes Schaffen wäre, wenn es nicht mein Ausnahmegeschick eines überall Fremden gegen sich hätte, und ich war nahe daran, ein weichliches, schwächliches: „Schade um mich!" zu seufzen. Aber ich überließ mich nicht lange dieser Entmuthigung, sondern kam nach genauer Erwägung meines Falles zu der Ueberzeugung. dass meine Vereinsamung mir in geistiger und sittlicher Hinsicht von größtem Nutzen war und dass sie eigentlich die ideale Lebens- und Schaffensbedingung eines jeden Schriftstellers und Künstlers ist, der höheren Zielen als bloßer Befriedigung der Eitelkeit nachstrebt. Vielleicht ist diese Anschauung aus dem tiefsten Grunde des Unbewussten hervorgewachsen und nichts anderes als eine Aeußerung jenes Anpaffungsdranges alles Lebenden, welcher bewirkt, dass man sich mit dem Unabänderlichen, und wäre es noch so schmeizlicki, nicht nur abfindet, sondern ihm sogar gute Seiten abgewinnt. Aber ich bin dessen keineswegs sicher, glaube vielmehr wirklich, dass meine Behauptung objectiv richtig ist. Gewiss ist es" persönlich angenehmer, in einem warmen, weihrauchduftendrn Luftkreis von Bewunderung und Sympathie zu leben, aber dem Schaffen gereicht cs nicht zum Heile. Der Künstler gesellt die Vorstellung eines neuen Werkes mit derjenigen neuer Lobeserhebungen, ja BegeistcrungSausbrüche, deren er wenigstens in dem ihn unmittelbar umgebenden Kreise sicher ist, und er gelangt leicht dazu, das Verlangen nach diesen schmeichelhaften Kundgebungen mit dem organischen Bedürfnis künstlerischer Aeußerung zu verwechseln. Er arbeitet dann nicht, weil in ihm etwas ist, was gebieterisch Form verlangt, sondern weil ihm der schwelgende Borgenuss der Lustgefühle eines gewissen und leichten Erfolges die Feder, den Pinsel oder Spatel in die Hand drückt. Auf diese Weise entstehen Werke, die Kunst und Schriftthum nicht bereichern, weil sie keiner inneren Nothwendigkeit ihr Dasein verdanken. Das Schaffen wird zu einer Gewohnheit. Der Schaffende wiederholt sich selbst und wird sein eigener Nachahmer. Von keiner üblen Erfahrung gewarnt, verliert er sich in Manier, auch wenn er ursprünglich Eigenart hatte. Dieser Gefahr ist der Einsame nicht ausgcsctzt. Der Schriftsteller — um nur bei diesem zu verweilen — der in Berhältnifsen. gleich den meinen lebt, redet gleichsam in einen Fernsprecher. Er sieht das Gesicht des Widerparts nicht, an den er seine Worte richtet; er beobachtet keinen wohlwollenden Blick, kein fteundlichcs Mienenspiel als Wirkung seiner Rede, die seine Selbstgefälligkeit erfreuen und ihn fortzufahren anregen würde. Er sagt deshalb nur das unbedingt Notwendige und verlängert das Gespräch nicht einen Augenblick um des bloßen Schwatzvergnügens Der Einsame, der fern von seiner natürlichen Zuhörerschaft lebt und wirkt und deshalb aus den psychologischen Gründen, die mein Freund in seinem Briefe in feiner Analyse dargelegt hat, alle kritischen Feiglinge gegen sich und weder Streber und Schranzen, noch gedankenlose Nachschwätzer, noch Kameraden, Bekannte und Freunde für sich hat, dieser Einsame weiß, sofern er einige Einsicht besitzt, dass jedes seiner Werke nur eins von diesen beiden Geschicken haben kann: entweder das Publicum gleichgiltig zu lassen und von der Presse todtgeschwiegen zu werden, oder die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen und der Presse, die es dann nicht todtschweigen kann, einen Vorwand zu neuen persönlichen Angriffen und verleumderischen Lügen zu bieten — Eins wie das Andere wenig geeignet, als Lockung zu wirken. Die sichere Aussicht, entweder seine Zeit und Kraft in den ungehörten Selbstgesprächen eines lächerlichen Predigers in der Wüste zu vergeuden oder sich Beschimpfungen und Ehrcnkränkungen auSzusetzen, die er nicht abwehren kann, wird ihm den Wunsch eingeben, stumm zu bleiben, so lang er irgend kann. Er wird daS Wort nur ergreifen, wenn er dem Drange dazu schlechterdings nicht mehr widerstehen kann. So oft er ein neues Buch in die Welt sendet, wird er wissen, dass für ihn wieder Monate, vielleicht Jahre einer niederträchtigen Hetze beginnen und er wird sich dieser Widerwärtigkeit gewiss nicht aussetzen, wenn er nicht unter einem inneren Zwange, in Erfüllung eines harten, ja grausamen, aber unerbittlich Gehorsam heischenden Gebotes handelt. Eins ist sicher: die Werke, die so entstehen, können keine Schablonenarbeit sein. Sie sind der Ausdruck einer subjectiven Nothwendigkeit. Was sie objectiv wert sind, das hängt dann von der geistigen Bedeutung des Schriftstellers ab. In Wiederholungen wird er jedenfalls nicht verfallen und gewohnheitsmäßige Bielschreiberci zur Ausbeutung errungener Erfolge ist bei ihm ausgeschlossen. In meinem Falle kann ich daS mit Zahlen verdeutlichen. Mein erstes Buch erschien am 1. Mai 1878. Seitdem find fast zwanzig Jahre verflossen. In dieser Zeit habe ich dreizehn weitere Werke veröffentlicht, wobei ich die 92 Seitchen eines Bändchens der Reclam'schen Universal- Bibliothek, drei wenig umfangreiche Schauspiele und eine Sammlung „Ausgewählter Pariser Briefe" mitrechne. Das ergibt einen durchschnittlichen Abstand von ungefähr anderthalb Jahren zwischen jedem Buche. Ich weiß, dass ich ohne Anstrengung das Dreifache hätte leisten können. Ich hätte es wahrscheinlich gethan, wenn ich angenehmere Erfahrungen gemacht batte, und wer weiß — ich hätte möglicher Weise Unrecht gehabt. Thatsächlich nahm ich mir beinahe nach jedem Buche ernstlich vor, dass dies das letzte sein sollte und am festesten nach jenen, die am meisten gelesen und besprochen wurden, also den stärksten sogenannten „Erfolg" hatten. Ich blieb wiederholt — so nach den „Paradoxen", nach der „Krankheit des Jahrhunderts", nach „Entartung" — vier und fünf Jahre lang meinem Vorsatze treu, bekämpfte meine Neigung zu neuen Arbeiten, unterdrückte energisch in meinem Geiste zahlreich aufwuchernde Keime von Büchern und trat erst wieder mit einem Werke hervor, wenn einerseits die Erinnerung an erlittene Bubenstreiche in mir ein wenig verblasst war, anderseits ein Gedanke mich dermaßen beherrschte, dass ich ihn aussprechen musste, auf die Gefahr hin, mich neuen Gemeinheiten oder mindestens Ungerechtigkeiten auszusetzen. Die Lehre, die ich aus meiner Erfahrung ableite, ist also, dass der Schriftsteller seine größten Anstrengungen nur macht und sein Allerbestes nur gibt, wenn er sich keine Gunst zu versprechen hat und das Erscheinen einer jeden neuen Buches aus seiner Feder als ein neuer Martyrium empfinden muss. Ganz ohne Lustgefühle kann man freilich auf die Dauer nicht leben und schaffen. Aber die fehlen dem Einsamen nicht, wenn sie auch anderer Natur sind, als die der Begünstigten, die von Sympathien getragen werden. Die Arbeit selbst, die unter solchem Drange entsteht und gedeiht, wird als köstliche Entspannung des Geistes und Gemüthes empfunden und lässt die tröstliche Ueberzeugung zurück, dass man nichts Ueberflüffiges gethan habe. Und hat man dann trotz aller Anfeindungen gewirkt, erlangt man durch den Augenschein die Gewissheit, dass man das Denken der Zeit mit beeinflusst, so wird man von einem Kraftbewusstsein erfüllt, wie man es nie erlangen würde, wenn man sich zweifelnd ftagen müsste, ob man seine Erfolge nicht etwa der kameradschaftlichen Reclame, der von dieser erzeugten Tagesmode verdanke! Vae soli? Nein. Die Einsamkeit hat ihr Gutes. Für den Schaffenden ist sie fruchtbar. Ihre strenge Zucht tobtet das Schwächliche schon in seinem Werden. Was sie leben lässt, das ist aller Wahrscheinlichkeit nach lebenskräfttg," „L&ttre d’un Sioniste“ par Elie Caleb, Paris 1897. Ein offener Brief, den unser Gesinnungsgenosse an alle Welt, insbesondere an die Juden richtet. Ausgehend von den anttsemitischen Scandalen in Frankreich, die in der Drcyfus-Affaire culminieren, bespracht der Verfasser den crassen Unterschied zwischen den Principien der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, die angeblich in Frankreich zur Herrschaft gekommen sind, und den antisemitischen Enunciationen der französischen Presse und namentlich der französischen Studentenschaft. Der ganze zornige Schmer; eines grundlos verletzten tapferen Herzens, die ganze Liebe eines tief empfindenden Gemüthes spricht aus dec Abwehr dieser Bestrebungen und aus der Antwort, die der Versasser zu geben hat. Sie lautet: „Poar quiconque veut etre homme et juif, il n’y a de vie possible qu’en Sion!“ Und diejenigen, die noch zweifeln sollten, verweist er auf den Baseler Congress, auf die hohe Begeisterung, die dieser bei der Masse der Juden, und die respectvolle Anerkennung, die er bei den unparteiischen Angehörigen anderer Völker gefunden hat, auf die rasche Entwicklung des Zionismus und auf die unermüdliche Arbeit der Führer der Zionisten. „Höre Israel", so beginnt der Verfasser. Wir hoffen, dass viele ihn gerne hören werden. —w— Herausgeber: y*al Unsch«»«,. Verantwortlicher Redactenr: D». SlegmnnS Verne,. Druck von Jacob Dur Wien. VIII., Laudougaffe Nr. 57.

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