Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 1 (7.1.1898)
- Article
- Wien [Nachricht]
- Date
- 1898-01-07
- Page
- 12 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite IS. jp*$w<r Nr. 1 t>etretnsnacJjtrtcIjten* SBttflt. Der „Hebräische Club" im Einzelvereine „Wien" deS „Zion", veranstaltet Samstag, den 8. d. M., abends 7 Uhr, den ersten hebräischen Discussionsabend. Herr M. Berkowicz wird über „das Verhältnis der hebräischen zur Jargon-Literatur" referieren. — Dienstag, den 11. d. M., 7 Uhr abends, findet im Bereinslocale (II., Rembrandstraße 11) ein Vortrag des hebräischen Schriftstellers Herrn R. A. BraudeS über „die Cardinalgrundsätze der reformatorischen Thätigkeit des Talmuds" statt. Gäste sind willkommen! Z «ritsch risten-Ruirds ch au. Das letzte Monatsheft des „vorriere Israelitioo" bringt eine Anzahl intercffanter Artikel und Nonzen, darunter einen Artikel von I. Marcou-Baruch „Ueber die Caraiten". eine ausführliche Besprechung der Monographie des Dr. Jsaac Segre über „die Hygiene in der Bibel und den rabbinischen Schriften" und einen Bericht über die Epcesse in Bukarest. Lesenswert ist die reichhaltige Rubrik über die zionistische Bewegung, insbesondere der Vortrag des Oberrabbiners Giuseppe Cammeo über den Zionismus und den Congress von Basel. ES ist nicht der erste Rabbiner Italiens, der die hohe Kraft und die ungeheure Tragweite des Zionismus erkannt hat und ihn sympathisch begrüßt. Auch der Nachrichtentheil „Aus aller Welt" ist sehr gut redigiert. Wir hoffen, dass Herr A. di S. Curiel den »Oorriere Israelitico“ auch weiterhin zu einer ebenso lehrreichen als intereffanten Zeitschrift gestalten wird. In der letzten Nummer des „Woschod" (Monatsschrift) macht Jacob Oettinger ausführliche Vorschläge über „die landwirtschaftliche Ausbildung". Seine Vorschläge, die hauptsächlich den russisch-jüdischen Berhältnisien angepasst sind, beziehen sich in erster Linie auf die rationelle Erziehung der jüdischen Jugend für den Ackerbau und sodann auf die theoretische und praktische Unterweisung der E rw achs en e n. Die Mittel, die nach seiner Ansicht bereits in der Schuljugend das Interesse Lr die Landwirtschaft erwecken könnten, sind: 1. Volksschulen mit Schulgärten. Die Beschäftigung der Schulkinder mit den Gartenarbeiten weckt in ihnen den Sinn für die Natur und fördert die Anhänglichkeit an den landwirtschaftlichen Beruf. Auch die Mädchen sollten diesen Arbeiten zugezogen werden, damit sie einmal ihre Männer beim Gemüse und Obstbau unterstützen können. 2. Specialfach-Abtheilungen bei den Volksschulen. In denselben soll den Schülern die Kenntnis von Specialculturen, wie Weinbau, Obstbau, Seidenraupenzucht beigebracht werden. 3. Ackerbauschulen für diejenigen, die die Volksschulen absolviert haben. Eine solche Ackerbauschule ist auch gegenwärtig in einer der jüdischen Colonien von Cherson (Bobrowy Kut) auf Beranlaffung des russischen AckerbauministeriumS und mit der Unterstützung der „Jewifs Colonisation Affocation" im Entstehen begriffen. Behufs Unterweisung der erwachsenen jüdischen Ackerbauer empfiehlt Oettinger die Errichtung von Bibliotheken und Anstellung von Wanderlehrern. Das bezieht sich jedoch nur auf die 50.000 bis 60 000 jüdischen Colonistcn KiewS, Podoliens, BeffarabienS u. s. f. Eine Heranziehung von neuen Elementen für die Landwirtschaft kann nur geschehen: 1. Durch Unterbringung von Prakticanten auf Gütern. 2. Durch Stipendien zum Besuche von Ackerbau- und Gartbauschulen, sowie durch die eingangs sud 1 und 2 angeführten Mittel. Dadurch glaubt der Verfasser, und das scheint auch der Endzweck seiner ganz systematisch aufgebauten Darstellungen zu sein, eine wichtige Garantie für die Einbürgerung deS Ackerbaues bei unserem Volke zu gewinnen und für die Colonisation in Palästina, sobald sie im großen wird betrieben werden können, hinreichende Elemente vorzubereiten. , Der „Jewish World" hat nunmehr vollständig ins zionistische Fahrwasser einge lenkt. Im Leitartikel „Toward Zionism", betont er seine entschiedene zionistische Gesinnung und fordert die englischen Juden auf, sich unter der nationalen Fahne zu sammeln. DaS Blatt, das in immer weitere Kreise dringt, erscheint vom Neujahr mit einen grünen Umschlag und einer symbolischen Vignette. „The Australian Jewish Herold“ beschäftigt sich eingehend mit dem Zionismus und berichtet zum Schlüsse, dass auch unsere Antipoden durch den Congress für den zionistischen Gedanken gewonnen wurden. Leuilleton. Dir kodkr Frau. Novellettc von H. York-Steirrer. „Na, na, verwihr'n könnt's ös eahm net!" „Ja, siehst es, Burgermoasta, i Han d'r's aber allerweil g'sagt, häft'n net zuaständi g'macht bei uns!" „„Dös is all'soans, zuaständi oder net, an Platz muass er krieg'n für sein Wei zun begrab'n."" Der dies sagte, war ein stämmiger Mann mit glattrasiertem Gesicht, derben Lippen, kräftiger Nase und vorstehender Stirn. Er rauchte eine Cigarre, zum Unterschiede von seinen übrigen bäuerlichen Genossen, die aus dicken Holzpseifen einen beizenden Rauch qualmten. Er nahm die Cigarre in den Mund, machte bedächtig einige Züge und legte sie wieder neben sich. Hierauf wendete er sich, mit den Augen zwinkernd, an den ihm gegenübersitzcnden Pfarrer, einen jovialen, alten Herrn, dessen gutmüthiges Gesicht von Zufriedenheit und Behaglichkeit erzählte. „Jatzt Han i g'red't und 's andre wird schon der Hochwürd'n-Herr mach'n! Lasst's'n Schönwalder einerkummer." Die Thüre wurde geöffnet. Durch den finsteren Gang, der von der Straße hereinführte, näherten sich schwere Tritte und dann tauchte ein breitschulteriger Mann auf. Das blonde, etwas krause Haar sorgfältig gescheitelt, den hellen Schnurrbart in die Höhe gerichtet, sorgsam gekleidet, mit weißem, steif gebügeltem Hemd und schwarzer Cravattc, so machte der Mann gegenüber den nachlässig gekleideten Bauern einen feierlichen Eindruck. Die Augen allerdings waren vom Weinen geröthet und um die breite Unterlippe zuckte es hie und da, wie ein Wetterleuchten inneren Schmerzes. „Guten Abend, Herr Burgermaster, guten Abend, Hochwürden, guten Abend, meine Herren", so begrüßte er die Versammlung. Er wartete augenscheinlich, dass man ihm einen Platz anbieten würde, aber dies geschah nicht. Es lag etwas Kaltes, Abweisendes in den Blicken der Männer und nur der Pfarrer sah milden Auges nach dem Eingetretcnen. „Mir hab'n uns die G'schicht' überlegt" , . . „ös künnt's enger Weib da aufm Freithof begrab'n!" Wie ein freudiges Blitzen fuhr es über das Gesicht des Angesprochenen, die blauen Augen füllten sich mit Thranen, mit Thränen der Wehmuth. „Ich dank' schön, Herr Burgermafter, und auch Ihnen, Hochwücden, werd' ich's im Leben nicht vergessen, was Sie mir da für eine Wohlthat amhun! Es war' halt doch schrecklich g'wesen, wenn ich in dem Ort, wo ich von Jugend auf gelebt Hab' und wo ich mit so viele befreundet bin, nicht amol a Platzl 'für mein Weib ihre letzte Ruh' hätt' finden können!" „Is schon Recht" meinte der Bürgermeister kurz. „Aber gelt's, Schönwalder, ös macht's m'r kan Auffeg'n im Ort mit der Leich', so schön geg'n Abend . .." Schönwalder nickte. „Und den Platz, bitt' schön, welchen Platz kriag' i denn?" „Na, halt links vom Eingang, bei die Akaziebam', hinter der Heck'n." „Hinter der Heck'n? Aber dort — dort is ja das Platzl, wo m'r die Falloten einscharrt, die Zigeuner, die Selbstmörder! Das is ja nicht möglich!" Die acht Männer, die um den Tisch saßen, senkten die Blicke, sie wagten es nicht dem Trauernden in die Augen zu sehen. Nur den Bürgermeister beirrten diese weit ausgerisfenen, schmerzersüllten Augen nichr, er sah Schönwalder an und meinte: „Ja, s'Gsetz sagt nur, a Platzl musst d' krieg'n, aber wo, dös b'stimmt die G'moan, na und in a g'weichte Erd'n, dös wirst ja selber einseg'n, kunnt' schon der Herr Pfarrer a Jüdin net leg'n lass'n." Schönwalder näherte sich dem geistlichen Herrn und bat mit demüthiger Miene: Oh, ich bitt' schön. Hochwürden, thun's m'r das nicht an! Schau'ns, sie war ein brav's Weib, mein Frau, sie hat gar nimmer recht g'wusst, dass sie a Jüdin is! Bei ein jeden Frohnleichnam hat's die Fenster auf'putzt und Kerzen hat's 'nausg'steckt und Blumen und beim Umgang am Char-