Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-01-07 · 1 (7.1.1898) · p. 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
1 (7.1.1898)
Article
Ein Brief Nordaus
Date
1898-01-07
Page
9 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315744--03615-3356372
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 1. Seite ». Weltchronik. Ein Brief Nordaus. Die in Jerusalem erscheinende hebräische Zeitschrift „Haschkafa" veröffentlicht folgendes Schreiben unseres berühmten Parteigenossen: „Ich bin schon ein altes Schlachtross auf dem literarischen Kriegsschauplatz. Und doch, wenn ich jetzt diesen Brief schreibe, den ganz neue, unbekannte Menschen lesen werden, und wenn ich mir denke, dass dieser Brief in der Nähe der „Tempelwand" gedruckt und gelesen werden wird, da empfinde ich ein eigenartiges Gefühl, dasich weder schildern noch beschreiben kann. Aber dieses Gefühl, das mich bei der Erinnerung an Jerusalem erfasst, ist für mich das beste Zeichen, wie sehr alle Juden, mögen sie auch noch so weit vom lebendigen Judenthum entfernt sein, ihr Volk und ihr Vaterland lieben. Und ich, der daraus stolz war, ein deutscher Schriftsteller zu sein, der die deutsche Sprache seiner Mutter so liebgewanu, ich bin tief beschämt, dass ich diesen Brief erst ins Hebräische muss übersetzen lassen, während mein Vater ein guter Hebräer war und Schillers „Glocke" ins Hebräische übersetzte, die ich als zehnjähriger Knabe mit Entzücken las. Die Ursache liegt darin, dass die Antisemiten zu spät kamen, dass in uns jedes jüdische Gefühl erstarb, weil man uns in Ruhe ließ. Ich schäme mich, gestehen zu müssen, dass es mir leichter ist, meine Gedanken in lateinischer, als in hebräischer Sprache auszudrücken. . . . Wenn ich nun die ungewöhnliche Thatsache betrachte, dass die Juden, trotz aller Leiden und Verfolgungen, denen andere Völker erlegen find, leben; wenn ich sehe, dass hervorragende Juden auf ihre Abstammung und Geschichte stolz zu werden beginnen, da frage ich oft: Wieso ist das gekommen? Jetzt begreife ich die Ursache. Sie liegt in dem einzigen Balsam, den uns unsere Ahnen hinterlassen haben, der alle unsere Wunden heilt, der alle unsere Glieder zusammenzieht; ein Balsam, der die Juden nicht sterben lässt und das ist die Hoffnung auf den Messias, die Hoffnung auf die Wiedergewinnung ihres Landes. Das ist das Geheimnis der Unsterblichkeit des jüdischen Volkes." Fürst Bismarck und der Antisemitismus. Ein süddeutscher Politiker theilt der „Neuen Freien Presse" folgende Aeußerungen des Fürsten Bismarck über den Antisemitismus mit: Der Fürst beschränkte sich bei unserer Unterredung auf einige kurze Bemerkungen, die durchblicken ließen, dass ihm die Stöckerei unsympathisch und politisch unbequem gewesen sei, gieng es aber dann, als ein Herr der Tafelrunde ein hartes Urtheil über die Juden und ihre Eigenschaften fällte und die Frage streifte, ob es doch nicht zweckmäßig gewesen wäre, wenn der damalige Reichskanzler den ihm in den Achtzigerjahren überreichten antisemitischen Resolutionen irgendwie Folge gegeben hätte, eingehender auf das Thema ein und äußerste sich dabei nach meinen Notierungen, die, wenn auch nicht den Wortlaut, so doch den Sinn mit einiger Genauigkeit wiedergeben, folgendermaßen: Er halte die Beimischung des jüdischen Elementes zu dem germanischen für nützlich. Es stecke in den Juden etwas drin, was wir nicht hätten. Sie gäben der Bevölkerung, namentlich der großen Städte, ein Mousseux, das sonst fehlen würde, Antriebe und Beweglichkeiten, die sonst kaum in dem Maße vorhanden wären. Und dann sehe er auch, abgesehen von allen Erwägungen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, keinen Weg, auf dem die Ziele der Antisemiten zu verwirklichen wären. Wenn man sie nach der Ausführuug ihrer Pläne in der Wirklichkeit fragt, so gierige es ihnen ähnlich wie den Social-Demokraten, sie wüssten nichts praktisch Ausführbares vorzufchlagen; ihre Recepte seien im heutigen Staatsorganismus nicht anwendbar. Was könne man überhaupt machen? Maßregeln wie die Bartholomäusnacht oder die sicilianische Vesper würden die Antisemiten kaum selbst in Vorschlag zu bringen wagen. Ausweisen könnten wir die Juden auch nicht, ohne unseren Nationalwohlstand schwer zu schädigen. Andere Maßregeln, wie etwa die Ausschließung der Juden von richterlichen und anderen Staatsstellen, würde das Uebel, das die Antisemiten beseitigen zu müssen glaubten, nur verschärfen; denn dann würde sich diejenige jüdische Intelligenz, welcher sich die staatliche Carriere verschlösse, auch noch auf diejenigen Gebiete werfen, auf denen das Uebergewicht der Juden von den Antisemiten schon jetzt als unerträglich bezeichnet werde, nämlich auf die geschäftlichen. Der Fürst führte dann aus, dass seiner Ansicht nach die Judenbewegung in der Hauptsache weniger religiösen und auch nicht so sehr Raceninstincten entspränge, sondern doch mehr wirtschaftlichen Gründen. Er bezeichnete es als Thatsache, dass die Juden im Gelderwerb anderen Elementen der Bevölkerung vielfach überlegen seien. Die Ueberlegenheit beruhte auf Stammeseigenschaften, die, ob sie uns nun gefielen oder nicht, durch staatliche Mittel nicht zu beseitigen seien. Die Juden wären infolge natürlicher Veranlagung in Geldsachen meist klüger und geschickter als die Christen. Auch wären sie, wenigstens so lange sie noch nicht zu Vermögen gelangt seien, wenn auch vielleicht nicht arbeitsamer, so doch genügsamer und sparsamer als ihre christlichen Mitbewerber. Dazu komme, dass der Jude, um einen geschäftlichen Vortheil zu erlangen, leichter einmal etwas riskiere und in der Anwendung seiner Mittel zum Zwecke mitunter auch wohl etwas weitherziger verfahre als sein christlicher Concurrent. Das alles gäbe ihm geschäftlich einen Vorsprung, der sich gesetzlich nicht beseitigen lasse. Auch die Antisemiten hätten bisher nichts vorzuschlagen gewusst, was diesen Vorsprung und denen Wirkung auf das wirtschaftliche Leben der Nation paralyfire. Was sie hisher vorgeschlagen hätten, wäre unwirksam, und es würde sich keine Regierung finden, die das ausfüsren könnte. Es sei auch durchaus widerräthlich, dem jüdischen Triebe nach Erwerb und Vermögensbildung von staatlicher Seite Hindernisse in den Weg zu legen, denn dadurch würden die übrigen Bevölkerungs-Elemente ebenso betroffen, und der Nationalwohlstand würde zurückgehen. Man brauche sich die Juden daßhalb nicht über den Kopf wachsen lassen oder sich financiell von ihnen in einem Maße abhängig zu machen, wie dies in manchen Staaten der Fall sei. Bei seinen eigenen Beziehungen zur 8aute finance als Minister sei immer diese, niemals er der verpflichtete Theil gewesen. Nach einer Abschweifung auf ein anderes, mit der Judenfrage im Zusammenhänge stehendes Gebiet, das hier nicht interesiiert, kam der Fürst wieder auf das ursprüngliche Thema zurück und resümierte sich gleichsam selbst in etwa folgender Weise: Er halte die Juden für nützliche Mitglieder des heutigen Staates und finde es unklug, sie zu beunruhigen. Namentlich der reiche Jude pflege ein sicherer Steuerzahler und guter Unterthan zu sein. Schließlich sprach der Fürst über sein persönliches Verhältnis zu den Juden und äußerte dabei unter anderem: Eigentlich habe er Undank von ihnen geerntet. Kein Staatsmann habe mehr für ihre Emancipation gethan, als gerade er. Trotzdem hätten ihn gerade diejenigen fortschrittlichen und radicalen Blätter, die in jüdischen Händen seien, immer am heftigsten angegriffen. Aber er nehme das nicht so tragisch; das liege wohl mehr daran, dass die Eigenthümer der Blätter es ihrem Liberalismus oder Radicalismus schuldig zu sein glaubten, die Erinnerung daran, was sie als Juden ihm zu verdanken hatten, keinen Einflluss auf die Haltung ihrer Organe ihm und seiner Politik gegenüber zu gestatten. Anderseits habe er auch manchen Zug jüdischer Dankbarkeit erlebt. So habe er, als er noch in Pommern sein Gut bewirtschaftet habe, wie alle dortigen Grundbesitzer seinen Hofjuden gehabt. Eines schönen Tages sei derselbe in Concurs gerathen und sei zu ihm gekommen, um ihn zu bitten, er möge eine Forderung, die er an ihn habe, nicht mit anmelden, dann käme er ohne Bestrafung davon. Er (der Fürst) habe es ihm versprochen und seine Forderung ausfallen lassen. Der alte Mann habe seine Dankbarkeit später so geäußert, dass er, nachdem er sich in seinen Verhältnissen gehabt habe, ihm alljährlich Abzahlungen gemacht hätte, zu denen er kaum noch verpflichtet gewesen sei, und dies so lange fortgesetzt habe, bis er (der Fürst) aus der Gegend weggezogen sei und ihm gesagt habe: „Nun ist es genug, streichen wir den Rest." Eugen Richter antisernitelt. Diesen Gefühlsumschwung des bekannten deutschen Abgeordneten meldete die antisemitische Presse mit einer bcsondrren Gcnugthuung. In einem polemrschen Artikel gegen ein Berliner freisinniges Blatt verwendete Eugen Richter den Schlusssatz: „Was soll also dieses ganze Geseire." Im Anschluss an diesen dem Antisemitenorgan entnommenen Ausdruck schreiben die Dresdener Nachrichten: „Es scheint wirklich, als ob Herr Richter im Punkt der unbedingten Judenfreundlichkeit nicht mehr ganz „koscher" sei. Schon vor Jahren wurde in eingeweihten Kreisen gemunkelt, der freisinnige Führer betreibe mit seinem Judenschutz nur nur eine vermeintlicher Nothwendigkeit, an der jedoch sein H-rz gänzlich unbetheiligt sei. Man wollt? wißen, Herr Richter finde den orientalischen Typus und orientalische Wesen im großen genommen unausstehlich und freue sich wenn er persönlich mit den Vertretern dieses Typus nicht zu verkehren brauche. Dem mag so oder so sein, Thatsache ist jedenfalls, dass in manchen freisinnigen Volksparteikreisen eine dem Judenthum keineswegs freundliche Stimmung herrscht." Die antisemitischen Schneider. Sonntag 26. December fand im Wiener Rotundensaale der Gartenbaugesellschaft eine Versammlung der Kleidermachergehilsen statt. Die versammelten Herren bemängelten an der Socialdemokratie den nicht genügend betonten Judenhass und fassten den Beschluss, sich um die antisemitische Fahne Bielohlaweks und Axmanns in möglichst Hellen Haufen zu scharen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.