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Die Welt · 1898-01-07 · 1 (7.1.1898) · p. 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
1 (7.1.1898)
Article
[Ohne Titel]
Date
1898-01-07
Page
3 (sequence 2)
Language
German
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Nr- 1. PK&Wtf Seite 3. Ehedem richteten sich die Gedanken solcher Stiefkinder Europas auf das freie Amerika. Nun aber regt es sich auch dort. In Kurzem wird man jenseits des Atlantischen Oceans über eine Bill berathen, welche die Einwanderung in die Vereinigten Staaten gesetzlich beschränkt. Nach einem Jnterwiew mit den Mitgliedern der gesetzgebenden Körperschaften scheint es zweifellos, dass diese Bill zur Annahme gelangt. Und Jedermann in Amerika weiß, dass diese Bill fick hauptsächlich gegen die Juden richtet. „Wir leben in einem freien Lande", sygen die Bürger der Union sehr stolz. Die Menschenrechte von Gleichheit und Brüderlichkeit sind dort in schönster Blüthe. Nun aber wird cs heißen: „Wir leben in einem freien Lande — aber Ihr dürft nicht hinein!" Braucht sich das alte Europa zu schämen, wenn das freieste Land der Erde seiner Staatsgrundgesetze vergisst? Wir leben, scheint cs, in einer Epoche, in der es modern ist, unter den Völkern, die Grundgebote der Verfassung zu verletzen. Der getretene, der misshandelte und verachtete Jude, den die Verzweiflung übers Meer getrieben, und der an den Gestaden Amerikas sein Menschenthum wirderzufinden hofft, muss sich nun einen anderen Boden suchen. Die großen Pforten, durch die man in die Freiheit und Selbstachtung eingieng, schlagen nun klirrend vor ihnen zu, und so stehen sie, ausgeschlossen und obdachlos, zwischen der alten und der neuen Welt. Ganz verurtheilen kann man die Beschlüsse Amerikas nicht, denn sie lassen sich theilwcise begreifen. Dort, in dem freien Staatenvereine tobt der wüthendste Kampf ums Dasein. Um jeden Fußbreit Boden wird dort erbittert gerungen, und jeder Tag bringt ganze Schiffsladungen armer Menschen, neue Feinde, neue Kämpfer und Concurrenten. Die Plätze in der Welt sind eben schon vertheilt. Es gibt keinen jungfräulichen Boden mehr, kein herrenloses Gebiet, kein Gewerbe, das nach Arbeitern verlangt. Ucberall verrammeln sich die Menschen und fürchten vom Futtertrog verdrängt zu werden. Und auf diesem Erdkreis, auf dem er überall von Schwelle zu Schwelle verstoßen wird, sehnt sich der Jude nach seinem Daheim. Wo immer er es auch, der unmenschlichen Behandlung zu entgehen, irrend sucht, er wird früher oder später darauf gelenkt, nach jenem heiligen Fleckchen Erde hinzustreben, wo er sich dann endlich sagen kann: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein!" „Arabische Märchen." Bon Tr. Max Nordau Auf den in unserer heurigen Nummer auch an anderer Stelle besprochenen Artikel des Dr. Glaser hat Dr. Nordau dem „Berliner Tageblatt" folgende Entgegnung zugeschickt: „Wir Zionisten würden die Bezeichnung „Zionstrunkcne", „Schwärmer", „Träumer", „Phantasten" u. s. w., mit denen Herr Dr. Eduard Glaser uns freigebig beehrt, vollauf verdienen, wenn wir den politischen Kannegießer-Roman, den er in der Dicnstag-Morgennummer Ihres Blattes zum besten gegeben hat. einer ernsten Erörterung unterziehen würden. Herr Dr. Glaser hat lange im Morgcnlande gelebt und sicher den Märchenerzählern in den türkischen Cafss und arabischen Bazaren gelauscht. Offenbar hat er an ihren hübschen Geiftesspiclcn Geschmack gefunden und etwas von ihnen in seine Denkweise ausgenommen. In seinen Betrachtungen über die politische Seite des Zionismus ist mehr von „Tausend und einer Nacht", als der Gegenstand rechtfertigt und gestattet. Wir, die „Schwärmer", „Träumer" u. s. w. — siche oben — würden über die Hirngespinste des nüchternen, mit der Wirklichkeit rechnenden Herrn Dr. Glaser lediglich lächeln, wenn er sich darauf beschränkt hätte, seine Schachpartie ohne Gegner mit den Großmachtfigurcn harmlos vorder belustigten Oeffentlichkeit zu spielen. Aber er hat sich Unterstellungen erlaubt, gegen die sofort und nachdrücklich Einspruch erhoben werden muss. Er stellt uns als Marionetten hin, deren Drähte von England gezogen werden. Er deutet auch an, dass dies vielleicht nicht einmal unbewusst geschieht, sondern dass wir mit vollem Bewusstsein nach geheimen Abmachungen handeln, dass wir die uns vertrauenden, die uns folgenden Juden mit Absicht und Berechnung irrcführen, um sie zu Werkzeugen — und in naher Zukunft zu Opfern — selbstsüchtiger englicher Anschläge zu machen. Weshalb wir solche teuflische Ränke unternommen haben sollten, spricht Herr Dr. Glaser wohlweislich nicht aus. Der einzig mögliche Grund liegt nahe genug, dass er es auch dem kurzsichtigsten Leser ruhig überlassen kann, ihn selbst zu entdecken. Wir können nur in britischem Solde stehen und unsere jüdischen Stammgenossen um Gold verkaufen, wenn wir nicht etwa Thoren sind, die nicht wissen, was sie thun. Wir sind an Verleumdungen gewöhnt. Unsere Ziele und unsere Beweggründe sind von allem Anfang verdächtigt worden; niemals von Christen, nicht einmal Antisemiten, das sei gleich bemerkt; immer nur von der Sorte Juden, die ihre Abstammung als Schande cmpsinden, welche sie thöricht verheimlichen zu können oder feige entschuldigen zu müssen glauben, und die es den anderen Juden nicht verzeihen können, dass sie mehrtausendjährigcs Unrecht nicht länger ertragen, dass sie nicht länger schweigen und sich ducken wollen, dass sie den Kopf und die Stimme erheben, dass sie entschlossen sind, ihre Kraft und ihr Leben an die Durchsetzung ihrer vollen materiellen und idealen Menschenrechte zu wagen und lieber unterzugehen, als noch länger die Verkennung dieser Rechte zu dulden. Gegen die Verleumdung schützen uns aber unser Charakter und unsere Handlungen. Wir haben die Zuversicht, dass sic verstummen wird, wenn erst ein längerer Abschnitt unserer Thätigkeit vor den Augen der Welt dalicgt. Einstweilen können wir sie nur festnageln, um sie später zu unseren Trophäen zu hängen. Wir kennen die Schwierigkeiten des begonnenen Werkes besser als Herr Dr. Glaser, denn er denkt sie sich nur aus, wir aber sind schon im Raume hart mit ihnen zusammengestoßen. Sein politischer Roman ist eine Kindcrstubengcschichte neben, den Möglichkeiten, die wir bekümmerten Gemüthes vor uns sehen und mit verantwortlichen Männern an entscheidenden Stellen in allen ihren denkbaren Entwicklungen durchgesprochen haben. Wenn uns diese Möglichkeiten, deren Gewaltigkeit Herr Dr. Glaser nicht einmal ahnt, trotzdem nicht erschreckt und gelähmt haben, so ist cs, weil wir bei wirklichen Staatsmännern — nicht morgenländischcn Märchenerzählern — immer die eine Uebcrzeugung und Anerkennung vorgefunden haben, dass unsere Bewegung nicht das kleinste Element von „Anti"-dies oder „Anti"-jcncs in sich schließt, dass wir „gegen" niemanden, nur „für" den jüdischen Stamm arbeiten, und dass wir niemals einen Schritt thun wollen, ohne der Zustimmung Europas, ganz Europas, und mit in erster Reihe Russlands, das in jeder Hinsicht am nächsten dazu da ist, vollkommen sicher zu sein. Das möge Herr Dr. Glaser sich gesagt sein lassen. Mehr zu sagen habe ich nicht die Pflicht. Herr Dr. Glaser hatte nicht das Recht, auch nur soviel zu erfahren." Unter jüdischen Proletariern.*) Don Dr. S. R. Landau. in. Boryslaw. (Schluss.) Das ist auch die Hoffnung, au die sie sich klammern Ihre einzige Hoffnung, die sic tröstet, aufrichtet und erhält. Denn die jüdischen Arbeiter von Boryslav leiden nicht nur als Proletarier, sondern auch als Juden. Neben den Auswüchsen der modernen Productionswirtschaft, die die arbeits- (.*Bergl. die Nr. 3, 24,26, 28 und 31 der „Well", Jahrg. 1897

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