Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 1 (7.1.1898)
- Article
- Abrechnung
- Date
- 1898-01-07
- Page
- 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 8. Nr. 1. einen Selbstmord begehen würde, wenn sie seinen Bestrebungen entgegenkäme; in Paris und Petersburg hinwiederum soll der Glaube genährt werden, dass ein künftiger jüdischer „Pufferstaat" in Palästina die russischen Absichten auf Indien, die französischen auf Syrien und Aegypten durchkreuzen würde. So armselig und dabei so heuchlerisch ist diese politische Logik, dass auf sie nicht einmal die ironische Wendung des Teufels passt: „War' der Gedank' nicht so verflucht gescheit, man war' versucht, ihn herzlich dumm zu nennen." Jawohl, die Hoffnung des Zionismus beruht auf dem Entgegenkommen des Großherrn in Conftantinopel, aber nickt mit Hintergedanken irgendwelcher Art, sondern mit der Loyalität einer großherzigen Idee wird um dasselbe geworben. Das weiß man am Bosporus, und man wird sich dort schwerlich von Herrn Eduard Glaser eines Anderen belehren lassen, falls man nicht etwa diesen ungebetenen Warner verkennt, der sich selbst herabsetzt, indem er die Ziele des Zionismus herabzusetzen trachtet. Und wenn es leider richtig ist, dass es Mode geworden, auf jeder Bierbank im continentalen Europa gegen das perfide Albion zu donnern, so mag es ja nicht ganz ausgeschlossen scheinen, dass die confuse Salbaderei des politischen Arabisten von der Münchener Tannstraße Gläubige findet, welche bei der Vorstellung erschaudern, als könnte es wegen des Zionismus zur Wiederaufrollung der orientalischen Frage und zu einem welterschütternden Ringen Frankreichs und Russlands mit England kommen. Ader wahr ist nichts von alledem, vielleicht nicht einmal, dass Herr Eduard Glaser selbst es für wahr hält. Und da wird der Zionismus verdächtigt, ein englisches Werkzeug zu sein — da wird der künftige jüdische „Pufferstaat" zum Mittelpunkte einer ebenso böswilligen wie albernen Phantasmagorie gemacht! Was wahr ist, wollen wir Herrn Eduard Glaser sagen, aber nicht, weil wir Wert darauf legen, ihn zu belehren, sondern weil uns jede Gelegenheit willkommen ist, den Zionismus vor Missdeutungen zu bewahren. Der Zionismus will das jüdische Volk aus seiner Erniederung befreien; dafür findet er bei den Türken mehr Verständnis und bei den in nationaler Selbstachtung erzogenen Engländern mehr Sympathie als — Gott seis geklagt! — bei den „assimilierten" Juden des Continents, die doch am eigenen Leibe spüren sollten, wie traurig und wie verächtlich die Rolle ist, die sie spielen. Und Palästina ist das Ziel der zionistischen Bewegung, weil Palästina die Heimstatt der Juden ist, ihre historische Wiege, das Land ihrer Verheißung, das seit zweitausend Jahren ihnen im Gebet des Morgens und des Abends den erschütternden Schrei einer unauslöschlichen Sehnsucht entlockt. Kein politischer Ehrgeiz, kein thörichtcr Größenwahn trübt diese Sehnsucht; das Geschwätz vom „Pufferstaat", der gewaltige Mächte auseinanderhalten soll, hat mit der schlichten Einfachheit des zionistischen Gedankens nichts zu schaffen. Nur soviel soll wahr werden, dass die Juden, wenn ihnen die gesicherte Heimstatt in Palästina beschieden, mit rechtschaffener Culturarbeit sich selbst genügen und dass sie von Europa eine Schmack abwaschen, indem sie sich selbst von ihr befreien. Manchen Juden mag das menschlich Große an diesem Ziele klein erscheinen, das Ehrgefühl, aus dem es geboren, fremd sein; wir überlassen sie dem traurigen Behagen an den Segnungen der „Assimilation", die ihnen unter Demüthigungen und unter Fußtritten täglich verabreicht werden. Die Woche. Wien, 4. Jänner 1898. Die Affaire Dreyfus ist erledigt, — „der Jud' muss brennen", in der Tropensonne aus der Teufelsinsel. Das ist das Ende des ganzen Spectakels, wie es sein Anfang gewesen. Alle sind sie nun still geworden, die in den letzten Tagen so laut für den Entfernten gesprochen, der sich nicht vertheidigen kann, und der sich nicht vertheidigen durste, als er vor seinen Richtern gestanden. Die lauten Ruse nach Gerechtigkeit und Wahrheit sind verstummt. Die Macht der Juden, von der so viele Legendm in Umlauf gesetzt werden, hat nicht einmal hingereicht, das scandalöse Dunkel dieses Prozeffes aufzuhellen. Es bleibt finster, es muss finster bleiben. Eine „höhere" Staatsraison hat allen, die um der Menschlichkeit und um Gottes Willen für den Gepeinigten zu reden begannen, tiefes Schweigen auferlegt. Man hat eingestanden, dass die Revision des Prozesses eine Schande für Frankreich sein würde, dass das Verfahren gegen den Capitän eine ausgiebige Beleuchtung zu scheuen hat. Man hat zugegeben, dass die Ehre der französischen Gerechttgkeit, die Ehre der französischen Armee auf dem Spiele steht. Und so muss denn jeder gute Patriot ruhig sein, und der ausgestoßene.jüdische Officier muss im fernen Ocean weiter leiden und dulden, im Interesse Frankreichs, er muss sterben für die Ehre der Nation und der Armee. Vielleicht hätte er es gerne gethan, wenn man es ihm aufrichtig gesagt hätte, vielleicht auch hätte er das traurige Heldenthum verweigert. Man frage doch einmal den Grafen Walsin-Eßterhazy, der für Frankreichs Ruhe Briefe fälscht, ob er für die Ehre der Armee sein Leben fern von den Spielsälen und Boulevardtheatcrn auf der Teufelsinsel zum Opfer gebracht hätte. Aber die Franzosen verlangen von dem Juden Dreyfus und den Seinen mehr, als sie von einem der Ihren gefordert hätten. Um das Schicksal des Sündenbockes zu besiegeln, sollen jetzt auch seine Gattin und seine Brüder der „Bestechung" angeklagt werden. Sic sollen es im Gefängnis büßen, dass sie den Todgeweihten retten wollten. Die ganze Sippe muss mit ihrem Gut und Blut herhalten, weil die Ehre der Armee auf dem Spiele steht. Wahrlich, das Vaterland dieser „Heimatlosen" ist ein wenig unbescheiden in seinen Ansprüchen. Nun ist auch Wette Guilbert unter die Antisemiten gegangen. Wette, die superbe Chansonnettcnsängcrin, die musterhafte Interpretin des herrlich unzüchtigen Xanrof. Wenige Wochen erst sind es her, da trat sie für die Unschuld Dreyfus ein, — das war in Brüssel. Nun sie wieder in Paris ist, hat sie ihre antisemitische Gesinnung entdeckt, denn es ist sehr unpopulär, auf der Seite des „Syndicates" zu stehen. So lässt man sich gerne von Allem überzeugen, wenn der Applaus auf dem Spiele steht. Das öffentliche Auftreten verdirbt die Glaubenstreue, der Ehrgeiz nach dem Klatschen der Gallerien schwächt den Mulh der eigenen Meinung. Im Senat konnte man das bemerken, in der Kammer, — warum nicht auch im Tingel-Tangcl? Rumänien steht übrigens hinter Frankreich nicht zurück. Die Judenverfolgungen, die kürzlich dort zur Belustigung des Pöbels und der patriotischen Studenten von Bukarest, Galatz und Jassy arrangiert wurden, haben nachträglich noch einige Opfer gefordert. Man hat die Plünderung und Massacrierung der Juden durch ein einfaches Mittel eingedämmt, indem man nämlich — ein paar Juden über die Grenze spedierte. Die antisemitische Hctzpresse blieb von jeder Maßregelung verschont. Allein einen jüdischen Redacteur ergriff man, obwohl er zur Zeit der Gewaltthaten abwesend war, obwohl er in dieser blutigen Angelegenheit nicht eine Zeile geschrieben. Man sperrte ihn ein paar Tage ein, gab ihm 50 Francs mit auf den Lebensweg und warf ihn zum Königreich hinaus. Und doch ist der Mann in Rumänien geboren, seine Familie seit Generationen auf rumänischem Boden ansässig. Wo ist nun sein Vaterland? Wohin gehört er, den Schutz welcher Gesetze genießt er,. da sein Geburtsland ihn ausgewiescn und ihn mit 50 Francs in die Welt gestoßen? Wo kann er sich eine Existenz gründen, da die Existenz, die er sich in seiner Vaterstadt gegründet, auf amtlichem Wege vernichtet werden konnte? Darf man ihn nicht überall davonjagen, von Land zu Land? Wie ein Paradigma des Judenthums steht dieser Mann da. Und wer Verstand hat, kann aus diesem Excmpel declinieren lernen.