Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 31 (31.7.1914)
- Article
- [Kommentar]
- Date
- 1914-07-31
- Page
- 792 (sequence 1)
- Language
- German
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792 Nr. 31 - D1E XyKE LT REVUE DER PRESSE \ j Ueber den Brief Jacob H. Schiffs an den „American Hebrew“ schreibt „Hazephira“ in ihrer Nr. 153 vom 17. d. M.: „Daß der Brief des Herrn Jacob Schiff eine Detonation Berliner Ursprungs ist, kann nicht zweifelhaft sein. Darauf weist die ganze Tonart des Schreibens hin, die der bekannten antizionistischen „Erklärung“ entlehnt ist. Jene „jüdischnationalen Kreise“, deren Beteiligung an den Arbeiten des Kuratoriums Herrn Schiff so wertvoll war, daß er sie im Januar d. J. dringend ersuchte, in das Kuratorium wieder einzutreten, sind plötzlich nach Ablauf eines halben Jahres zu einer „winzigen Gruppe Jüdischnationaler“ geworden, die Ansprüche an die „internationale Judenheit“ erheben und von ihr „Mithilfe für ihre palästinensischen Arbeiten“ fordern. Den Schuß aus Berlin merkt man auch an den Bemühungen des Herrn Schiff, „der Wahrheit die Ehre zu geben“, daß nicht etwa Herr Dr. Schmarja Lev in, sondern Dr. Paul Nathan ihn zum Eintritt ins Kuratorium veranlaßt hat. Aber reizvoller als dies ist das „philanthropische“ Bekenntnis, das Jacob Schiff aus diesem Anlaß ablegt. Er beginnt mit einer zornigen Attacke auf die Zionisten und schließt mit einer grimmigen Bestrafung Palästinas. Nicht die Zionisten allein trifft seine Ungnade, sondern auch ihr Palästina und ihre hebräische Sprache. Diese „kleine Gruppe“ hat bekanntlich Palästina entdeckt und den Juden suggeriert, daß dieses Land berufen sei, dereinst wie in der Vergangenheit die Heimstätte des jüdischen Volkes zu sein. Nun erkühnt sich diese jüdischnationale Gruppe gar, an die „internationale Judenheit“ mit der Forderung heranzutreten, „ihr in allen Zweigen der Palästinaarbeit Beihilfe zu leisten“, ja, „sie scheut vor keinem Mittel zurück, um ihre eigenen Ziele zu erreichen“. Was mögen dies nur für verwerfliche und gefährliche Ziele sein? — Die Vorherrschaft der hebräischen Sprache im Lande der Hebräer, der Auszug aus dem Galuth fremder Kulturen in einem Lande, wo die Juden von jedem fremden Einfluß frei sein können; mit anderen Worten, den Worten der amerikanischen Kuratoren: die Forderung, daß das Hebräische die Unterrichtssprache für sämtliche Lehrgegenstände im Technikum sein soll. Verdient das Palästina der Zionisten wegen dieser großen Sünde, deren sich in einem kritischen Moment Herr Schiff selber schuldig gemacht hat, eine so harte Strafe, daß „die internationale und besonders die amerikanische Judenheit es sich lieber ernstlich überlegen sollte, wieweit es überhaupt ratsam sei, ihr Interesse und ihre Unterstützung den Palästina-Unternehmungen und -Projekten zuzuwenden?“ Eine schöne Mission jhatte Herr Jacob Schiff vor einem halben Jahre übernommen, als er in seinem eigenen und im Namen seiner amerikanischen Kollegen forderte, daß der Friede wiederhergestellt werde und die hebräische Sprache den ihr gebührenden Platz wieder erlange. Aber recht sonderbar ist diesmal die Rolle des Herrn Schiff als eines Sprachrohrs für die .Berliner Bogenschützen und als eines Schutzpatrons der „internationalen Judenheit“, die der „nationalistischen Gruppe“ ins Garn geraten ist (die Arme!) und nunmehr von der bösen Gruppe ins Land der Zionisten verschleppt wird. Diese sonderbare Rolle wird den Ruhm, den sich Herr Schiff in unserer jüdischen Welt mit Recht erworben hat, gewiß nicht vermehren.“ Sehr scharfe Töne schlägt „The Jewish Gazette“, die größte jüdische Tageszeitung Amerikas, gegen das Vorgehen Mr. Schiffs an. Das Blatt schreibt u. a.: „Die Sprache Mr. Schiffs ist die des Philanthropen mit dem Scheckbuch in der Hand. Wenn man nach seinem Willen handelt, unterstützt er das gute Werk, andernfalls versagt er seine Beihilfe. Er kann es schlechterdings nicht begreifen, wie Jüdische Schnorrer, für die man eine Erziehungsanstalt errichten will, es wagen können, ein Mftbesthnmungsrecht für sich in Anspruch zu nehmen und Forderungen hinsichtlich der Gestaltung des Unterrichts auszusprechen. Der Geist der modernen hebräischen Kultur, der unsere Jugend beseelt und der sie zur Hingabe von Gut und Blut für das Ideal der kulturellen Unabhängigkeit des jüdischen Volkes begeistert, ist ihm völlig fremd und unverständlich. Als großer Finanzmann ist Mr. Schiff ein Mann von eminent praktischem, aller Ideologie abholdem Sinne. Wenn jüdische Massen offenkundige Wohltaten, die man ihnen erweisen will, leichtfertig ausschlagen, wenn sie das fertige Technikum, das! man ihrer Jugend anbietet, um phantastischer Forderungen willen, — wie es die hebräische Unterrichtssprache ist —, zurückweisen, so muß ihm dies als etwas Unerhörtes erscheinen. Als echter Galuth Philanthrop schlägt er empört auf das Scheckbuch und ruft: „Es lohnt sich nicht, Geld in einem wohltätigen Unternehmen zu investieren, wo die Empfänger wegen solcher Lappalien einen Skandal provozieren.“ Behalten Sie getrost Ihr Scheckbuch, Mr. Schiff! Das jüdische Volk bedarf seiner nicht. Einem Volk kann mit Almosen nicht geholfen werden. Die Geschichte kennt kein Beispiel, daß sich ein Volk mit Hilfe seiner Philanthropen befreit hätte. Das jüdische Volk wird sich selber befreien, und es wird auch Sie aus den geistigen Fesseln des Galuth befreien, Mr. Schiff, mögen Sie sich noch so sehr mit Ihrem Scheckbuch dagegen wehren.“ „Jewish Chronicle“ beschäftigt sich in seiner jüngsten Nummer mit der Angelegenheit des Haifaer Technikums. Das Blatt führt u. a. aus: „Wir haben bereits über die mißliche Lage des Haifaer Technikums berichtet, die durch die Streitigkeiten innerhalb der leitenden Körperschaft hervorgerufen worden ist. Wir veröffentlichen heute den Bericht eines Korrespondenten, der den augenblicklichen Stand der Dinge in ein noch ernsteres Licht zu setzen scheint. Unser Korrespondent gibt zu verstehen, daß es schwierig sei, aus dem Schwall von widerstreitenden Berichten die wirklichen Tatsachen zu erfahren. Es ist aber ersichtlich, wie er sagt, daß die gegenwärtige Lage sehr kritisch ist und daß es höchste Zeit sei, die Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit ernstlich auf die Angelegenheit zu richten. Das Institut ist weder das Produkt einer Partei noch einer Landmannschaft. Es ist das Kind der ganzen Judenheit, die sehnsüchtig auf eine neue Zeit im gelobten Lande hofft. Wir protestieren daher mit allem Nachdruck gegen die Zerstörung der Schule durch den höchst verabscheuenswerten Geist von Hader und Zwietracht, und wir fordern hn Namen der jüdischen Sache und des jüdischen Volkes, daß den gegenwärtigen Verwicklungen rücksichtslos ein Ende gesetzt werde. Es ist erstaunlich, so tüchtige Männer, wie Mr. Jacob H. Schiff und Dr. Paul Nathan . . von denen man hätte erwarten dürfen, daß sie die gegenwärtigen Schwierigkeiten in einer großzügigen, vernünftigen, geschäftsmäßigen Weise beseitigen würden, in diese häßliche Geschichte verwickelt zu sehen . . . Dem jüdischen Volk ist es gleichgültig, ob die Schuld den Hilfeverein trifft, der, wie man sagt, die jüdischen Inter- 4853485353539023234848535323230023