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Die Welt · 1914-07-31 · 31 (31.7.1914) · p. 791

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
31 (31.7.1914)
Article
Erwiderung Schmarja Levins auf den Brief von Jacob Schiff
Date
1914-07-31
Page
791 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 31 DIE2KKELT 791 Erwiderung Schmarja Levins auf den Brief von Jacob Schiff „The American Hebrew" veröffentlicht in seiner Nummer vom 17. d. M. folgende Erwiderung von Dr. Schmarja Levin auf das bekannte Schreiben des Herrn Jacob H. Schiff: „Erst nach meiner Ankunft in New York erfuhr ich von dem Rücktritt der amerikanischen Kuratoren des Haifaer Technikums. Die amerikanisch-jüdische Presse folgert daraus, wie sie in ihren Berichten über diese Vorfälle äußerte, daß dieser Rücktritt den unbilligen Forderungen der Zionisten zuzuschreiben sei. Ich konnte nicht verstehen, wie man zu diesem Entschluß gekommen war. Denn nachdem wir das Kompromiß, das von den amerikanischen Kuratoren selbst vorgeschlagen worden war, akzeptiert hatten, ist kein einziger Schritt seitens der Zionisten unternommen worden, der die Beteiligten in irgend einer Weise hätte reizen können. Mr. Jacob H. Schiff hat es auch für notwendig gehalten, in seinem offenen Briefe an den „American Hebrew" die Zionisten zu tadeln, daß sie der Verwirklichung des Technikums Hindernisse in den Weg gelegt und durch ihre verwerfliche Taktik das Bestehen der Anstalt aufs Spiel gesetzt hätten. Der größte Teil dieses Tadels soll mich treffen, und Mr. Schiff versucht — im Vorbeigehen — zu zeigen, daß nicht ich, sondern Herr Dr. Paul Nathan in Berlin, es gewesen ist. der sein Interesse für das Technikum wachgerufen habe. Vor allem habe ich niemals irgend einem Menschen gegenüber mein« Meinung geäußert, wer Mr. Schiff in der Technikumangelegenheit beeinflußt hat. Wenn jemand Mittel für eine Institution gibt, so wird seine Gabe gewöhnlich ihm selbst zugeschrieben. Doppelte Buchführung tut in solchen Fällen nicht gut, und ich bedauere aufrichtig, daß Mr. Schiff so kleinlichem Geschwätz Gehör schenkte. Ich habe eine zu hohe Meinung von unseren Philanthropen, als daß ich glauben könnte, daß sie von Personen und nicht von Ideen und Idealen beeinflußt werden. Denn für Ideen und Ideale gibt es kein Copyright-Gesetz, sie sind für alle frei. Ganz besonders aber verletzte es mich, daß Mr. Schiff den Anschein erwecken will, als ob ich es war, der meine Kollegen, Achad Haam und Dr. Tschlenow, die mit mir ihr Amt niederlegten, beeinflußt hat. Ich verdiene diese Ehre nicht und bin verpflichtet, sie zurückzu weisen. — Achad Haam! und Dr. Tschlenow sind der jüdischen Welt zu gut bekannt, als daß sie meines Lobes oder meiner Empfehlung bedürften. Jeder von ihnen ist auf seine Weise ein Führer, und es wäre anmaßend von mir, auch nur zu versichern, daß nicht mein Einfluß zu ihrer Tat geführt hat. — Die Wahrheit ist, daß Achad Haam und Dr. Tschlenow nur in der Absicht so in den Hintergrund gedrängt werden, damit alle Angriffe auf mich gerichtet werden können. Ich bin erstaunt, daß ein so erfahrener Mann wie Mr. Schiff diese Taktik nicht durchschaut hat. Nun zur Sache selbst. Am Fuße des Karmel in Haifa wurde ein Technikum für unsere jüdische Jugend erbaut. Russische, amerikanische und deutsche Juden reichten einander zum erstenmal die Hand, um ein allgemeines Institut für die gesamte Judenheit zu schaffen. Jeder jüdische Patriot — dieser Ausdruck wird hoffentlich niemand kränken — sollte sich darüber freuen. Tausende unserer jungen Männer und Frauen, die nach Bildung dürsten, werden wie Bettler von Land zu Land getrieben und finden überall geschlossene Türen. Wir sehen sie in Italien; man trifft sie selbst in Spanien und Portugal. Für einige dieser Ausgestoßenen sollte dieses Technikum erbaut werden. Das Projekt entwickelte sich ruhig bis zu der Zeit, da man die ersten Vorbereitungen zur Eröffnung des Instituts traf. Die Frage entstand, in welcher Sprache die Schüler unterrichtet werden sollten. Die Palästinenser meinten: Wir haben die kritische Zeit der Kindheit hinter uns und haben unsere Sprache bis zu solchem Grade entwickelt, daß die Abiturienten palästinensischer Schulen an den großen Universitäten Europas und Amerikas ohne Schwierigkeiten aufgenommen werden. Es sollte möglich sein — meinten sie —, ein hebräisches Tech nikum zu besitzen. Zugegeben, daß während der ersten wenigen Jahre Schwierigkeiten zu überwinden sein werden. Die Schaffung des hebräischen Gymnasiums zu Jaffa war ja auch keine leichte Aufgabe! Die Lage der zionistischen Kuratoren wurde tragisch. Unsere ganze Sympathie war mit der jungen, schaffenden Generation in Palästina; aber die Umstände zwangen uns, ein Kompromiß vorzuschlagen. Und worin bestand unser Kompromiß? Was verlangten wir für den Anfang? Wir Zionisten forderten, d,aß von 43 Unterrichtsstunden im Technikum 2 Stunden oder wenigstens 6 Stunden in hebräischer Sprache gegeben werden sollten. 36 oder 32 Stunden pro Woche würden für den Unterricht in deutscher Sprache bleiben. Das waren die maßlosen Forderungen der gefährlichen zio nistischen Agitatoren! Man verweigerte uns nicht nur diese sechs Stunden von den, fünfundvierzig, sondern selbst in den Vorbereitungsklassen, wo von der Unzulänglichkeit der hebräischen Sprache keine Rede sein konnte, glaubte man uns ein besonderes Entgegenkommen, eine Gnade zu erweisen, indem man uns zugestand, die hebräische Sprache in den Stunden für Zeichnen, Musik und Schönschreiben zu gebrauchen! Hierauf begann der Kampf. Zunächst in Palästina und später in der ganzen Welt, wo auch nur das geringste Interesse für unser Land und unsere Sprache besteht. Ich möchte nicht auf die einzelnen Vorfälle in diesem Kampfe eingehen. Ich hoffe, daß er in kurzer Zeit auf wahrheitsgetreuer Basis, und nicht mit Hilfe willkürlicher Dokumente, beschrieben sein wird, und daß die jüdische Welt alsdann wissen wird, daß dieser Kampf einer der schönsten Momente in unserer Geschichte gewesen ist. Es ist bedauerlich, daß gerade jetzt, da nichtjüdische Denker und Staatsmänner beginnen, das neue jüdische Leben in Palästina nach Gebühr zu würdigen, da die besten und einflußreichsten Blätter Europas ihrer Bewunderung über die Wiedergeburt Palästinas Ausdruck geben, daß zu dieser Zeit von jüdischer Seite gegnerische Stimmen laut werden. Wir hoffen aber, daß unsere derzeitigen Gegner ihre Ansichten ändern werden, denn wir zweifeln nicht an ihrem guten Willen; sie sind eben die Opfer falscher Informationen in dieser Angelegenheit. Mr. Schiff fühlte sich veranlaßt, seinen Brief gerade zu einer Zeit, als ich in New York war, zu veröffentlichen. Dadurch zwingt er mich, auf den Sprachenkampf zurückzukommen, obwohl ich beabsichtigt hatte, es nicht während meines diesmaligen Besuches zu tun. Was mich dieses Mal nach Amerika führte, ist von viel größerer Bedeutung als das Haifaer Technikum. Das Technikum ist nur eine Phase der Bewegung. Mr. Schiff hätte aber des Ausspruchs aus dem Perek eingedenk sein sollen: Ihr Weisen, seid vorsichtig mit euren Worten! Die zionistische Bewegung ist von zu hoher Bedeutung für das jüdische Volk, als das sie in dieser Weise behandelt werden dürfte. Ihre Kraft liegt darin, daß sie die Juden zu neuem Leben erweckt, und niemand sollte es wagen, gerade jetzt mit neuen Schlafmitteln zu kommen. Das jüdische Volk kennt die Wirksamkeit dieser Schlafmittel und wird, hoffe ich, unbeeinflußt von ihnen bleiben. Führer in öffentlichen jüdischen Angelegenheiten sollten nicht zweierlei Maß haben. Sie sollten auf der einen Seite nicht „biegsam wie ein Rohr" und auf der anderen „hart wie eine Zeder" sein, denn ein Gebäude, das nur auf einer Seite festen Grund hat, muß stürzen."

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