Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 30 (24.7.1914)
- Article
- Die bevorstehenden galizischen Landtagswahlen
- Date
- 1914-07-24
- Page
- 772 (sequence 2)
- Language
- German
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772 Nr. 30 DIE^KELT Am 17. d. Mts. hat das Zentralkomitee der Zionisten Galiziens einen Aufruf erlassen, in dem die national gesinnten Juden aufgefordert werden, sich für den Wahlkampf zu rüsten. In den Ortschaften der jüdischen Wahlbezirke sollen zionistische Wahlkomitees eingesetzt und Wahlfonds gesammelt werden. Der Aufruf bezeichnet die Aussichten der jüdisch-nationalen Partei als nicht ungünstig, vorausgesetzt, daß alle nationalen Juden ihre Pflicht erfüllen. Rußland Drohende Ausweisung von zehntausenden Juden aus Kiew Nach einer neuerdings getroffenen behördlichen Verfügung werden voraussichtlich acht- bis neuntausend jüdische Familien, insgesamt etwa vierzigtausend Seelen, die Stadt verlassen müssen. Dabei handelt es sich um zwei besonders privilegierte Kategorien von Juden, deren Wohnrecht seit Jahrzehnten unbestritten ist. Als nämlich die russische Regierung unter dem liberalen Alexander II. die Verbreitung der Bildung unter den Juden besonders fördern wollte, da erließ sie ein Gestez, wonach alle diejenigen Juden, die ihre Kinder in die Unterrichtsanstalten Kiews schickten, unbehelligt am Orte wohnen durften. So wohnen gegenwärtig etwa zweitausendfünfhundert jüdische Familien in Kiew nur auf Grund der Erziehung ihrer Kinder in staatlichen Schulen. Da sind nun plötzlich die russischen Verwaltungsbehörden auf den Gedanken gekommen, das seit Jahrzehnten bestehende Privileg ohne jegliche Sanktion seitens der gesetzgebenden Körperschaften umzustoßen! Neben dieser Kategorie soll aber noch eine weit größere, diejenige der Handwerker, schon in den nächsten Wochen der Ausweisung verfallen. Denn in Kiew gibt es nicht weniger als sechstausend alteingesessene jüdische Handwerkerfamilien, die also plötzlich in großes Unglück gestürzt werden. Und womit begründen die Behörden diese Grausamkeit? Sie haben vor einigen Jahren in dem jüdischen Ansiedlungsrayon sämtliche Handwerkerinnungen mit Ausnahme derer von Odessa, Berditschew, Kischinew und Kertsch geschlossen und von den Juden, die als Handwerker in Kiew wohnen, die alljährliche Beibringung eines Zeugnisses einer Innung verlangt, durch die der Befähigungsnachweis erbracht wäre. Nunmehr gehen die Behörden noch einen Schritt weiter. Sie verlangen von jedem, der ein solches Zeugnis beibringt, den Nachweis, daß er seinerzeit, sei es vor zwanzig oder dreißig oder noch mehr Jahren, in diesen Orten seine Lehrzeit durchgemacht habe. So absurd auch diese Forderung ist, daß plötzlich sämtliche jüdischen Handwerker Rußlands, wenn sie vom allgemeinen Wohnprivileg Gebrauch machen wollen, den Nachweis erbringen sollen, daß sie ihre Lehrlingszeit an einem der genannten vier Orte zugebracht hätten, so sehr dies natürlich auch dem Gesetz widerspricht, so ist doch die Gefahr vorhanden, daß die Kiewer Verwaltung die widersinnige Katastrophe heraufbeschwören wird. Schon sind zahlreiche jüdische Handwerkerfamilien auf Grund der erwähnten Verfügung ausgewiesen worden und die anderen erwarten von Tag zu Tag das gleiche Schicksal. So werden wohl etwa vierzigtausend jüdische Seelen Kiew verlassen müssen! Die geplante Massenausweisung bedeutet eine Heraufbeschwörung von Elend, wie es selbst in Rußland nicht alltäglich ist. Sollte die Menschlichkeit nicht noch im letzten Momente siegen, so wird Kiew damit einen der schrecklichsten Pogrome erleben. Diese Ausweisungen bedrohen aber nicht nur die Existenz der Kiewer Juden, sondern auch die gesamte Wirtschaft des russischen Südwestens. Forschungen zur jüdischen Ethnographie Der bisher sehr wenig erforschten Ethnographie der russischen Juden wendet sich neuerdings die Aufmerksamkeit ernster Forscher zu, was tun so mehr zu begrüßen ist, als die schnelle Umgestaltung aller wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse der russischen Provinz vielen Traditionen jüdischer Kreise den Untergang bereitet. Auf Anregung des jüdischen Ethnographen Rapoport ist nun eine großzügige Erforschung der Judensiedelungen eingeleitet worden; eine Stiftung Baron Wladimir Günzburgs in Kiew sichert die Hälfte und verschiedene kleinere Beiträge decken den Rest der bisher auf 20 000 Rubel geschätzten Kosten. Eine Expedition unter Leitung Rapoports hat bisher in den Gouvernements Wolhynien und Podolien 65 Ortschaften besucht und bereits ein so reiches Material zusammengetragen, daß man den weitern Ergebnissen und der systematischem Bearbeitung mit größtem Interesse entgegensehen darf. Es wurden ungefähr 2000 Märchen und Volkssagen aufgezeichnet, ebenso viele Volkslieder, zu denen 1200 Melodien grammophonisch aufgenommen wurden, 600 Urkunden, die zur Geschichte der Juden bedeutsam sind, konnten ans Licht gezogen werden, darunter die Akten eines bisher unbekannt gebliebenen Ritualmordprozesses, der 1751 in der polnischen Stadt Josefsgrad eingeleitet wurde. Ein halbes Hundert hebräischer Manuskripte gibt Einblicke in das Geistesleben dieser stark abgeschlossenen Gemeinden. Etwa 600 Gegenstände, von denen etwa die Hälfte das häusliche Leben und die ausgestorbenen Volkstrachten, die andere Hälfte Kult-Ueberliefe rum ge n illustrieren, bilden den Grundstock eines künftigen jüdischen Museums; es sind beachtenswerte Kunstwerke aus dem 15. und 16. Jahrhundert dabei, auf denen die jüdischen Künstler auch die Darstellung von Menschen nicht scheuten. Mehr als tausend photographische Aufnahmen ergänzen nach jeder Richtung hin das Material. Italien Die Hetze gegen Ernesto Nathan und die italienische Regierung (Von unserem Berichterstatter) 1.— Die Schwarzen haben seit einiger Zeit kein Glück. Ihre Feldzüge gegen * führende jüdische Persönlichkeiten der italienischen Politik scheitern kläglich. Lange Zeit hatten sie jetzt keine cause celebre gehabt, die sie für ihre Zwecke gründlich ausschlachten konnten. Da kam ihnen, wie ein Geschenk aus dem Himmel, die Ernennung des früheren Bürgermeisters von Rom, Ernesto Nathan, zum bevollmächtigten Gesandten der italienischen Regierung für die Panama-Ausstellung zu Hilfe und der darauffolgende Lärm in der päpstlichen Presse Amerikas. Aber selbst konservative Blätter, wie die „Tribuna" und der „Giornaled’Itali a“, die zu den entschiedensten Gegnern der Nathanschen Politik zählten, sehen sich genötigt, energisch gegen die Treibereien der klerikalen Yankeepresse aufzutreten. Der „Fall Nathan" ist nun vorige Woche vor den italienischen Senat durch eine Interpellation des klerikalen Senators S a n t i n i gebracht worden. Der Minister des Aeußeren, Marquis di San Giuliano beantwortete die Interpellation. Er fand Worte der höchsten Genugtuung für die Wahl Nathans, die, wie er sagte, nicht glücklicher hätte ausfallen können. Die amerikanische Kampagne sei der Aufmerksamkeit der italienischen Regierung nicht wert, da sie von gewissen Schreiern gemacht werde, die sich vom Zeit zu Zeit für verpflichtet halten, die Wiederherstellung des päpstlichen Reiches zu verlangen .... nicht mehr und nicht weniger. Es sei kleinlich, diesen Stimmen irgendwelche Bedeutung beizumessen. Dagegen — erklärte der Marquis di San Giuliano — habe die Ernennung Nathans bei den zuständigen Stellen volle Genugtuung hervorgerufem. In Amerika sei er überall aufs wärmste empfangen worden. Die Regierung in Washington, ebenso die Lokalbehörden von San Francisco, das eine katholische Stadt sei (!), haben ihn mit der größten Sympathie empfangen und ihm besondere Ehrungen zuteil werden lassen.