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Die Welt · 1914-07-17 · 29 (17.7.1914) · p. 752

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
29 (17.7.1914)
Article
Das Leben Theodor Herzls [Rezension]
Date
1914-07-17
Page
752 (sequence 2)
Language
German
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752 Nr. 29 D1E3^ELT In furchtbarer Erregung hatte der Führer in Wilna die östliche Judennot gesehen. Schwarz drängt sich das Volk in nächtlicher Stunde in den Straßen, die zum Bahnhofe führen, um den Wagen Herzls. Die Kosakenpeitsche saust nieder, Hilfe heischende Arme strecken sich dem enteilenden Retter entgegen. . Die Not und der Jammer umschweben seine Träume, als der Zug durch die russische Ebene dahinbraust. Sie wollen nicht aus seinem Empfinden weichen und veranlassen ihn, wieder und wieder den Brief zu lesen, der ihn während des Aufenthalts im Hotel St. George in Wilna erreicht hat.“ Dieser Brief betrifft das Angebot der englischen Regierung — es folgt die Ugandatragödie, und sie wird vom Autor gerecht und ergreifend weitergeführt bis zu jener letzten historischen Kampfsitzung im April 1904, die eine Versöhnung mit den „Neinsagern“ bringt, nach welcher aber unmittelbar Herzls Kampf mit dem Tode beginnt. Wiederholt hatte der Autor an früheren Stellen auf das Herzleiden hingewiesen und gezeigt, wie es sich durch übermenschliche Anstrengungen und Erregungen verschlimmerte. Ohne falsche Sentimentalität wird nun von Herzls letzten Tagen und Stunden erzählt. Um so inniger und ergreifender wirkt der Schluß, und bei der schlichten, wunderschönen Schilderung der letzten Edlacher Stunden wird es manchem Leser in den Augen tauen. Mit Nachdruck sei hervorgehoben, daß Friedemann jeder einseitigen, süßlichen Verhimmelung ferne bleibt. So ist beispielsweise deutlich zum Ausdruck gebracht, daß Herzl, als er Nationaljude wurde, „zunächst nicht einmal die nationalen Instinkte erkannte“, und die große Unvorsichtigkeit, die Herzl beging, als er am 3. Oktober 1898 in einem Londoner Massenmeeting die Verwirklichung seiner Pläne für nahe bevorstehend erklärte, wird nicht verschwiegen. Ein großes Stück mühsamer, ehrlicher Arbeit steckt in diesem schmalen Bande, dem im Anhänge hochinteressante Herzldokumente beigegeben sind, und sie kommt dem Leser bei der fesselnden Lektüre nicht zum Bewußtsein. Friedemanns „Leben Theodor Herzls“ ist ein Buch, würdig des Heldenlebens, das es beschreibt. Unsere Jugend wird es lieben und verbreiten und es wird durch alle Länder ziehen. Dr. O. A. Paul Weisengrün: Die Erlösung von Individualismus und Sozialismus. München 1914, bei Emst Reinhardt. Der Autor dieses wertvollen und reifen Buches hat sich längst einen guten Namen in der Soziologie erworben, indem er als einer der ersten die theoretischen Leitsätze und das ganze System des Marxismus einer gefährlichen und wirksamen Kritik unterzogen hat; seine Schriften „Das Ende des Marxismus“ und „Der Marxismus und das Wesen der sozialen Frage“ sind vielumkämpfte Sturmböcke im Kriege gegen den bis dahin unangefochtenen Marxismus gewesen. In diesem großangelegten Werke versucht nun Dr. Paul Weisengrün die „Skizze eines neuen, immanenten Systems der Soziologie und Wirtschaftspolitik" zu geben. Es soll darin aufgezeigt werden, daß weder die Methode der Naturwissenschaft noch die Betrachtungsweise der Philosophie an die Tatsachen weit des Gesellschaftslebens gelegt werden dürfe, sondern daß die Sozialwissenschaft von eigenen, ihr immanenten Gesichtspunkten aus betrachtet werden müsse. Erst auf der Unterlage der gereinigten und auf unmethaphysischem Wege ermittelten Begriffe kann die Sozialwissenschaft erbaut werden, denn das unfruchtbare Ringen zwischen Individualismus und Sozialismus, die beide der Metaphysik entstammen, ist im tiefsten Grunde verantwortlich zu machen für den schwankenden und unsicheren Charakter der Sozialwissenschaft und das Nichtvorhandensein eines der Gegenwart entsprechenden Systems. Die ungetrübte Anschauung der Wirklichkeit aber gibt uns den Begriff der Gruppe als Zelle der Gesellschaft; sie ist als „Erweiterung und synthetische Vervollkommnung der Horde“ anzusehen. Weisengrün unterscheidet sich hier von den mehr anthropologischen Anschauungen des vor wenigen Jahren verstorbenen Glumplowicz, indem er vor allem den sozial-psychologischen, synthetischen Charakter betont und das Vorhandensein von Bewußtseinsvorgängen in der Gruppe. Von hier ist der Uebergang zur Nation viel leichter zu gewinnen, die über die Form der blutsverwandten Organisation hinausreichend auch einen seelischen Absonderungsprozeß bedingt, wenn auch der Zusammenhang zwischen Gruppe und Nation nicht ganz gradlinig verläuft. Keinesfalls aber ist die Klasse ein Urelement der Gesellschaftsentwicklung, ihr fällt nur die Rolle eines äußerst wichtigen Faktors zu. Und wenn bis zu uns .dem Staate die nur halbaktive Aufgabe des großen wirtschaftlichen Vermittlers und Versöhners von Klassen und Schichten gestellt war, so soll der kommende „schöpferische“ Staat, die Entwicklung zum Sozialismus bringen, der aber ohne Zuhilfenahme ideeller Prozesse und psychischer Faktoren nicht gedacht werden kann, da er eine allmähliche synthetische Umformung des gesamten gegenwärtigen Lebens will; in einem solchen Prozeß, der neue seelische Kräfte und Werte schafft, wird auch der wahre Herd des schmerzvollen sozialen Krankseins herausgeschnitten. Diese zusammenfassende Wiedergabe der Ideen des Weisengrünschen Buches vermag nicht eine volle Vorstellung von dem Gedankenreichtum und der Anregungsfülle des Werkes zu geben. Von nicht zu überschauender Bedeutung aber ist die weite Perspektive der Grundidee von der Immanenz der soziologischen Gesetze samt den sich daraus ergebenden Folgerungen für den Begriff des Staates und der Nation. Von speziellem Werte ist für uns Zionisten die scharfe Auseinandersetzung mit der Kausalitätsmanie der Naturwissenschaften und die feine Herausarbeitung des Nationalitätsbegriffes. Richard A. Bermann: Irland. (Hyperion-Verlag, Berlin 1914.) Dieses außergewöhnlich kluge und frische Buch verdient unser Interesse, weil es seine Reiseeindrücke nicht impressionistisch nebeneinandersetzt, sondern dem Studium eines bedeutenden Problems unterordnet: Es untersucht die Assimilation an ihrem mächtigsten Beispiel, am kulturellen Anglisierungsprozeß, den England mit so großem äußeren Erfolg durch seine Kolonialpolitik über den ganzen Erdball leitet. Vornehmlich erweckt es die Neugierde des Autors, wie sich die nächstgelegene Kolonie Englands, Irland, gegen die Assimilationsversuche seiner Beherrscher wehrt. Von London aus unternimmt er die Reise in das wenig bekannte, traurige, von England ausgesogene Land. „London ist die größte Assimilationsmaschine der Welt. Indische Provinzen und russische Juden werden in den Trichter geschüttet; unten kommen zwar nicht angelsächsische Weltbeherrscher heraus, aber indifferente Wesen mit dem Stempel: made in England.“ Und gegen dieses kaum eine halbe Tagereise entfernte Zentrum der Assimilation hat Irland seine nationale Kultur zu verteidigen. Der Autor stellt denn auch eine sehr ungünstige Prognose für die Zukunft. Der Ire hat zwar seinen keltischen Rassencharakter, seine historische Tradition (deren Romantik Bermann wohl mit Unrecht belächelt), sein Land, seine gaelische Volkssprache, an deren Wiederbelebung jetzt erfolgreich gearbeitet wird, — ein eigenes Volkstum aber kann der Autor dennoch in all dem nicht erblicken. „Was ist. irisch? Eigentlich nur der nationale Jammer Irlands, die Sehnsucht nach dem verschwundenen Volkstum.“ Und Bermann meint nun, daß gerade mit der Gewährung von Homerule. der nationalen Autonomie, diese Sehnsucht ihren einzigen Gegenstand verlieren, daß ein freies Irland keinen anderen Weg mehr vor sich haben wird als den ins Briten tum. — Ob diese geistreiche Hypothese Recht behalten oder ob die nationale Autonomie Irlands zu einer wahrhaft irischen, unbritischen Kulturschöpfung führen wird, bleibt abzuwarten. Der Wert des Buches liegt natürlich nicht in seinen Prophezeiungen, sondern in der Fülle neuen gutgesehenen Materials, welches zum Assrmilationsproblem beigebracht wird. Der Vergleich der irischen Emanzipa-

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