Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 29 (17.7.1914)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1914-07-17
- Page
- 745 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 29 745 Dl HÄKELT Ueberraschung zuteil. Die philosophische Fakultät der Budapester Universität genehmigte die Habilitierung des Oberrabbiners in Keszthely Dr. Alexander B ü c h 1 e r zum Privatdozenten für die Geschichte der Juden in Ungarn. Es ist dies der erste Fall, daß in Ungarn, abgesehen von den christlichen theologischen Fakultäten, für eine jüdische Disziplin ein Lehrstuhl geschaffen wird. Es wäre allerdings zu wünschen, daß die Dozentur auf die allgemeine Geschichte der Juden ausgedehnt wird. Oberrabbiner Dr. Büchler, der mehrere Werke über die Geschichte der Juden in Ungarn veröffentlicht hat, hielt bereits seine Antrittsvorlesung. Von der „Hassafah“. Im Herbst d. Js. soll der hebräische Sprachverein „Hassafah“ definitiv konstituiert werden. . Das vorbereitende Komitee eröffnete aber bereits im Frühjahre einen hebräischen Sprachkursus für Kn'e , de bei der Prüfung große Fortschritte zeigten. Um das Ge ingen haben sich Herr Dr. Alexander Lederer, Gesinnungsgenosse Lehrer Wachsberger und N. Roth verdient gemacht. Für die Sabbatruhe. Der neue Gesetzentwurf über die Sonntagsruhe enthält Bestimmungen, welche diejenigen Juden, die den Sabbat heiligen, überaus schwer treffen. Der Vorstand der Pester Kultusgemeinde will zur Wahrung der jüdischen Interessen eine Landesaktion e’.nleiten, und hat s ch in einem Aufrufe an sämtliche jüdischen Gemeinden des Landes gewandt. Mit diesem Beschluß ergreift die Pester Gemeinde die ihr gebührende Führerrolle. Daß dies bisher nicht der Fall war, wurde auch an dieser Stelle getadelt. Das Eisenstädter Ghetto abgebrannt. Vor einem Jahre wurde bekanntlich das Ghetto in Preßburg ein Raub der Flammen; jetzt wurde das historisch denkwürdige Ghetto in Kismarton (Eisenstadt) von demselben Schicksal ereilt. Zahlreiche Gebäude wurden eingeäschert, darunter das Geburtshaus des Rabbi Akiba E g e r. Nur mit großer Mühe gelang es, den Brand auf seinen Herd zu beschränken. Bulgarien Die Gemeindewahlen in Bulgarien (Von unserem Berichterstatter.) Ri. — Wie ich Ihnen bereits mitteilte, hat die ganze Frage der Demission des Großrabbiners Dr. Ehrenpreis den Anschein einer Komödie. Die Angelegenheit hat greifbare Formen bekommen, nachdem Dr. Ehrenpreis das Ministerium ersucht hat, die Gemeindewahlen und die Wahlen für den Gemeindekongreß binnen drei Wochen auf ein und denselben Tag festzusetzen. Es wurde dabei auf die vermeintliche Schwäche der zionistischen Organisation nach dem Kriege spekuliert, ln dem Organ des Großrabbiners „La Luz" wurden feierliche Versicherungen veröffentlicht, daß die Demission des Dr. Ehrenpreis unwiderruflich sei, andererseits wurden in derselben Zeitung und in einer anderen ad hoc begründeten, „La Defensa“, die der bulgarischen Judenheit drohenden Gefahren geschildert für den Fall, daß Dr. Ehrenpreis das Land verlassen sollte. Man sprach von Judenpogromen, die nur dank dem Einflüsse des Dr. Ehrenpreis nicht Vorkommen können und suchte auf diese Weise die Bevölkerung einzuschüchtem, um eine Wahl zustande zu bringen, die das Verbleiben von Dr. Ehrenpreis sichern sollte. Die zionistische Organisation Bulgariens hat aber diese Pläne durchkreuzt. Der erste Schritt der Zionisten war, im Ministerium vorzusprechen, um eine Verschiebung des Termins für die Gemeindewahlen zu verlangen, diese von den Wahlen für den Gemeindekongreß zu trennen und, was das wichtigste ist, gewisse Garantien für eine unparteiische Durchführung der Wahlen px erlangen. Die Gemeindevvahlen wurden daraufhin für den 7. Juni und die Wahlen zum Gemeindekongreß für den 4. Juli anberaumt. Alle Wahlmodalitäten, die von den Zionisten seit Jahren verlangt wurden und in Dr. Ehrenpreis den heftigsten Gegner fanden, wurden vom Minister als gerechtfertigt und selbstverständlich anerkannt. Einen solchen Kongreß brauchte Dr. Ehrenpreis nicht. Er bemühte sich und es gelang ihm auch, die Wahlen für den Gemeindekongreß auf November verschieben zu lassen. Jetzt blieb ihm noch die einzige Hoffnung auf die Gemeindewahlen. Würden sie günstig, d. h. mit einer überwältigenden Majorität für seine Anhänger ausfallen, dann konnte noch die „unwiderrufliche“ Demission rückgängig gemacht werden. Darum sind alle Hebel in Bewegung gesetzt worden, um das Resultat der Wahlen in diesem Sinne zu gestalten. Das Resultat der Wahlen hat jedoch erwiesen, daß die jüdische Bevölkerung den richtigen Sachverhalt kennt und sich von den Wahlmachinationen unserer Gegner nicht verführen läßt. Obwohl die Partei des Dr. Ehrenpreis im Wahlkampfe vor keinem Mittel der Gewalt und der List zurückschreckte, ist das Endergebnis für Dr. Ehrenpreis recht kläglich. Die Zionisten hatten vor den Wahlen nur drei Gemeinden auf ihrer Seite, jetzt haben sie deren zehn. Schon aus der einfachen Addition der abgegebenen Stimmen ergibt sich, daß die Zahl der zionistischen Stimmen (266) die der Gegenpartei übertrifft. Wie wäre erst das Resultat ausgefallen bei einem ehrlichen Kampf seitens unserer Gegner? Dies ist also das Fazit der 14 jährigen Tätigkeit des Dr. Ehrenpreis als Großrabbiner in Bulgarien. Er, der diese ehrenvolle Stellung auf Empfehlung Dr. Herzls und mit Hilfe der bulgarischen Zionisten erlangt hatte, stellte sich von Anfang an auf die Seite einer prinzipienlosen Partei der Notabein, die nichts von einer Volksvertretung in den Gemeinden, nichts von nationalen Schulen wissen will. Vierzehn Jahre lang wurden diese zionistischen Grundsätze von Dt. Ehrenpreis bekämpft. Nunmehr hat die jüdische Bevölkerung Bulgariens das Urteil gesprochen: Die Majorität der bulgarischen Judenheit hat sich klipp und klar von Dr. Ehrenpreis losgesagt. Will er trotzdem seine Stellung als Großrabbiner in Bulgarien behalten, so muß er auch diejenigen Mittel gutheißen, welche seine Parteigänger in Sofia und Philippopel angewendet haben, d. h. Wahlfälschungen, Bestechungen von Juden und Nichtjuden, bewaffnete Ueberfälle und vieles andere. Man mag unter diesen Umständen gespannt sein, wie Dr. Ehrenpreis es mit seinem „unwiderruflichen“ Rücktritt nunmehr halten England Fortschritte der hebräischen Sprachbewegung in London (Von unserem Berichterstatter) xyz.— Die hebräische Bewegung in London, die noch bis vor kurzem auf das East End beschränkt war, greift auch in weiteren und einflußreichen jüdischen Kreisen des Westens um sich. Vor einigen Tagen hat Herr Arthur Frank- 1 i r» vom Bankhause Montague and Co., eine der einflußreichsten Persönlichkeiten des Londoner Westjudentums, der Preisverteilung in einer hebräischen Mädchenschule beigewohnt und bei dieser Gelegenheit eine Rede gehalten, die vielen eine Ueberraschung war. In seiner Ansprache erklärte sich Herr Franklin als ein Freund des Hebräischen und der neuen hebräischen Unterrichtsmethode. Er wußte viel Lobendes über die hebräisch-nationale Erziehung der Kinder an der betreffenden Anstalt zu sagen, und als Zeichen seiner Sympathie mit dieser rein hebräischen Schule spendete er 2000 Mark zur Deckung des diesjährigen Defizits. Eine ihm verwandte und ebenfalls sehr einflußreiche Dame spendete 400 Mark für die gleiche Schule. Daß eine so einflußreiche Persönlichkeit wie Herr Arthur Franklin für die hebräische Sprachbewegung in London gewonnen wurde, wird ohne Zweifel nicht ohne günstige Folgen für die Entwicklung und Ausbreitung dieser Bewegung bleiben.