Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 29 (17.7.1914)
- Article
- Studenten für Palästina
- Date
- 1914-07-17
- Page
- 741 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 29 DIE LT 741 solche Studentenreisen mit speziellen Aufgaben verbunden werden. Die bisherige jüdische Palästinatouristik bewegt sich viel zu sehr auf ausgetretenen Pfaden, und große Teile des Landes sind nichtnurv o n der Kolonisation unberührt geblieben, sondern auch fast niemandem unter uns bekannt. Es könnte nichts schaden und würde auch den Anreiz zu solchen Reisen wesentlich erhöhen, wenn studentische Gruppen, denen sich leicht palästinensische Juden anschließen werden, in das allgemeine Programm einer solchen Gruppenreise den Besuch eines noch wenig bekannten Gebietes einschließen. Abgesehen von den Beobachtungen der Teilnehmer (die, wie erwähnt, zum Teil auch landeskundig sein werden) würde schon der photographische Apparat viel wertvolles Material herbeischaffen In einem weiteren Sinne sollten studentische Ferienreisen möglichst auch für die sonstige Verbesserung der Kenntnisse von Judentum und kolonisatorischen Möglichkeiten verwendet werden. Der deutschjüdische Student wird beispielsweise aus bloßer Kenntnis des Landes noch keinen Ueberblick über dessen Eignung für jüdische Ansiedlung gewinnen.- Er müßte dazu auch einen Einblick in die Lebens Verhältnisse der Juden — besonders in den Auswanderungsländern — gewonnen haben. Ferner würde ein Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse von Palästina klimatisch usw. ähnlichen Ländern uns wesentlich fördern können. In diesem Sinne wäre es sehr gut, wenn gelegentlich studentische Ferienreisen nach Süditalien, Sizilien, Spanien, den Balearen, Nordafrika usw. stattfänden. Was uns so ganz besonders fehlt, ist, was ich „zionistische Nationalökonomie“ zu nennen pflege. Nicht nur, daß wir kaum Anfänge einer jüdischen Nationalökonomie haben, es fehlt auch an einer Nationalökonomie des Orients und ganz gewiß an der Kombination beider, nämlich an den wissenschaftlichen Grundlagen für die jüdische Orientkolonisatioin. Wenn wir nun betrachten wollen, welcher Studiengang sich für an Palästina interessierte Studenten ergeben würde, so kommen wir zu sehr vielartigen Resultaten. Der Lehrberuf bietet ein großes Feld. Ebenso das Studium der modernen orientalischen Sprachen und besonders auch der arabischen Sprache und Literatur. Solche Studien würden nicht nur zu einer Tätigkeit in Palästina, sondern auch zu einer solchen im türkischen Schulwesen und in gewissem Umfang auch überall in der Welt befähigen. Das weite Gebiet der Naturwissenschaften (Geologie, Klimatologie usw.) bietet ein großes Feld. Auch die Ausbildung jüdischer Tierärzte würde einem wachsenden Bedürfnis Entgegenkommen. Die Landwirtschaft ist ebenfalls ein Studium, das jn Palästina vorzügliche Aussichten böte. Die Landwirtschaft im allgemeinen beginnt eben erst sich von der Primitivität früherer Zeiten zu befreien. Die Landwirtschaft der allernächsten Zukunft ist eine Sache, die auch von den Arbeitern ein hohes Maß geistiger Fähigkeit neben manueller Fertigkeit verlangt, und die Anleitung für diese neuen Formen der Bodenwirtschaft bietet fähigen Leuten mindestens so gute Chancen wie irgend ein anderes Studium. Agrartechnik und Agrarchemie, Wasserbautechnik, Schädlingsbekämpfung usw. bieten ein fast unermeßliches Feld. Die tropische und subtropische Landwirtschaft sind noch viel weniger erforscht und systematisiert als die gewöhnlichen Formen der Bodennutzung in den Kulturländern. Schon aus dem, was in klimatischer Hinsicht Palästina ähnliche Länder bereits heute bieten, ließen sich die Resultate unserer landwirtschaftlichen Kolonien vervielfachen. Ein spezielles Studium und eine spezielle Praxis für und in Palästina würde noch viel bessere Resultate bieten. Daneben wäre auch der Kolonisation anderer Völker, der Kolonisation der Juden in andern Ländern und der bisherigen Kolonisationstätigkeit von jüdischer und nichtjüdischer Seite in Palästina Aufmerksamkeit zuzuwenden. Bei den meisten dieser Studien kommen übrigens nicht nur eine Verwertung im jüdischen Kreise und in Palästina, sondern auch außerhalb desselben und nicht zum wenigsten im türkischen Staatsdienst in Betracht. Das türkische Schulwesen wird auf Jahrzehnte mehr Kräfte brauchen als verfügbar sind, und dasselbe gilt für die medizinischen und technischen Fächer. Bezüglich des technischen Studiums halten wir ja vor wichtigen Entwicklungen, und niemand zweifelt, daß das Technikum in Haifa seine Studenten nicht nur für das jüdische, sondern auch für das nichtjüdische Palästina und im weitern Sinne für die ganze Türkei ausbilden wird, zu großem Nutzen für die allgemeine jüdische Position im Orient. Studien solcher Art werden natürlich auch dazu führen, daß wir Dissertationen über derartige Themata in größerer Zahl als bisher bekommen. Ohne den Wert solcher Arbeiten allzu sehr zu überschätzen, bringen sie doch das mit sich, daß die Verfasser sich intensiver als es sonst geschehen würde, mit dem Gegenstand zu befassen haben. Aber es brauchen durchaus nicht immer palästinensische Themata im engeren Sinne des Wortes zu sein. Wenn heute ein Student aus der Schweiz eine Arbeit über gewisse schweizerische Hausindustrien oder die ökonomische Lage der darin Beschäftigten liefern wollte, so könnte uns das auch für Palästina und unsere Kolonisation wichtiger sein als die eingehendste Behandlung manches palästinensischen Spezialthemas. Wichtig wäre auch die Vorbereitung möglichst Vieler für den jüdischen Verwaltungsdienst in Palästina, der mit der Zunahme unserer Institutionen bald eine recht große Zahl fähiger Kräfte wird brauchen können. Vor allen Dingen wichtig ist aber die „E r - Ziehung der Augen für palästinensische Möglich k e i t e n". Je mehr junge Leute sich derart in Palästina hineindenken, daß sie alles wie durch eine palästinensische Brille betrachten, um so besser wird es für unsere dortige Arbeit sein. Schließlich bietet sich unseren Studenten eine große Aufgabe in der Verbreitung der Kenntnis Palästinas auch unter den andern Bevölkerungsschichten. Wie früher die Propaganda für die Idee vielfach von den Studenten geleistet wurde, so sollte es jetzt bei der Propaganda für die praktische Durchführung gehalten werden. Studenten könnten durch Propagierung solcher Bestrebungen wie die der „Jüdischen Gesellschaft für sanitäre Interessen in Palästina“ mehr leisten als wohl jede andere Gruppe. Sie könnten für die „A c h u s a“ - Bewegung, für die Popularisierung von Palästina-Reisen, für die Verbreitung der Kenntnis vom jüdischen Volkstum usw. usw. außerordentlich viel tun. Hierzu bieten unter anderem Vortragsabende und Festlichkeiten zahlreiche Gelegenheiten. Auch die Verbreitung von Büchern und Bildern, die der Kenntnis Palästinas dienen, wäre eine Aufgabe für unsere Studenten. Zum Schlüsse wäre noch etwas von der jüdischen Studentin zu sagen. Aber hier können wir uns darauf beschränken, daß für sie alles gelten sollte, was vorher im allgemeinen gesagt wurde, vielleicht sogar noch mit einer Ergänzung in der Richtung einer speziellen Schulung für soziale Betätigung, die allein schon ein außerordentlich großes Gebiet erschließt.