Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1914-07-10 · 28 (10.7.1914) · p. 727

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
28 (10.7.1914)
Article
Anwachsen der jüdischen Presse
Date
1914-07-10
Page
727 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316625-3316653-3355587--61671-3355666
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 28 727 DIE3§KELT In England ist auch noch Raum, für eine populär geleitete jüdische Wochenschrift. Nicht weniger als viertausend Exemplare der amerikanischen jüdischen Wochenschriften werden jede Woche in Whitechapel und in den anderen großen osteuropäischen jüdischen Siedelungen in der Provinz verkauft. Diese amerikanischen Wochenschriften, die zum Preise von zwei oder gar drei Pence verkauft werden, haben nicht den besten Einfluß auf die Massen, und es wäre zu wünschen, daß in England selbst eine gute jüdische Wochenschrift gegründet würde. Im letzten Jahre ist zwar ein Versuch in dieser Richtung gemacht worden, aber weil die Herausgeber und die Redakteure der vor einem Jahre gegründeten und bald wieder eingegangenen Wochenschrift es nicht verstanden, den Schwerpunkt auf einen guten Informationsdienst zu legen, mußte der Versuch scheitern. Ist doch auch der „Jewish Chronicle“ so mächtig, weil er in erster Reihe ein gutes Informations¬ und Lokalblatt ist. Auch für eine gut geleitete hebräische Wochenschrift wäre noch in England Raum. Seit dem Tode des Herausgebers des „Hayehoody“ ist England ohne jede hebräische periodische Zeitschrift. Die Freunde. und Verehrer des „Hayehoody“ haben sich die größte Mühe gegeben, die eingegangene hebräische Wochenschrift wieder ins Leben zu rufen, aber ohne Erfolg. An einer Wochenschrift, wie der alte „Hayehoody“ haben die modernen Hebraisten kein Interesse und für ein modernes hebräisches Organ, etwa wie der „Haolam“, gibt es in England zu wenig Leser. Bis jetzt ist es nicht gelungen, die beiden Richtungen auf ein Programm zu einigen. Da aber die Hebraisten in Whitechapel kein hebräisches Organ entbehren können, haben sie mit dem Herausgeber des „Jüdischen Journal“ ein Abkommen getroffen, dem zufolge das „Jüdische Journal“ dem Verein Hebräischer Lehrer an einem bestimmten Tag in der Woche einige Spalten für hebräische Publikationen zur Verfügung stellt. Damit ist aber den Hebraisten in England nicht ganz gedient, denn diese hebräische Abteilung im „Jüdischen Journal“ bringt nur Mitteilungen für die pädagogischen interessierten Kreise. Wie verlautet, sollen die Verhandlungen zwischen den verschiedenen Hebraistengruppen in England zum Zwecke der Wiederbelebung der eingegangenen hebräischen Wochenschrift wieder aufgenommen werden. Hoffentlich verlaufen diese Verhandlungen nicht wiederum resultatlos. Italien Die „wissenschaftliche“ Civiltä Cattolica über die Ritualmordlegende (Von unserem Berichterstatter) 1. — Nach den Hetzen der „politischen“ Organe des Vatikans gegen unser Volk ist nun die Reihe an dem „wissenschaftlichen“ Organ des heiligen Stuhls, der Monatsrevue „La Civiltä Cattolica“, die in ihrer letzten Mai-Nummer einen ausführlichen Artikel über den „Ritualmord“ im allgemeinen und über den Beilis-Prozeß im besonderen bringt. Die „Civiltä“ beteuert, sie wolle die reine Wahrheit darüber sagen und behauptet, ihre Meinung sei die Meinung der alleinseligmachenden Kirche! Aus der langen „wissenschaftlichen“ Darlegung begnügen wir uns mit einigen charakteristischen „Argumenten“. Nachdem sie die alten abgedroschenen Phrasen über den „christenfeindlichen“ Talmud hervorgeholt hat, führt die „Civiltä Cattolica“ einige „Dokumente“ an, die den Ritualmord wissenschaftlich feststellen sollen. Dabei kommt sie auf den bekannten Pater Pranaitis zu sprechen, der im Beilis- Prozeß eine so große Rolle gespielt hat, und behauptet, was der Pater gesagt und geschrieben habe, sei die reine Wahrheit und decke sich vollständig mit den Lieberzeugungen der katholischen Kirche. Nun ist aber der bekannte Briefwechsel Rothschild-Merry del Val da, der das Gegenteil zu beweisen scheint. Aber die „Civiltä“ meint, Merry del Val habe in seiner kurzen, „trockenen“ Antwort nur die Bestätigung von der Existenz eines Dokuments, „das gar nichts mit dem Ritualmord zu tun habe“, gegeben und übrigens kein Sterbenswörtchen vom Ritualmord gesagt. Das betreffende Dokument des Papstes Innozenz wolle ja die Juden gar nicht von der Ritualmordklage reinwaschen, es wolle sie nur gegen andere wirklich unbegründete Anklagen in Schutz nehmen . . . Die Kirche bleibe aber indessen bei ihrer Ueberzeugung und könne keinesfalls den Ritualmord ableugnen . . . Die „Civiltä“ ergreift die Gelegenheit, um Lord Rothschild zu beschimpfen, weil er es gewagt habe, einen so hochgestellten und ehrwürdigen Mann wie Merry del Val für seine Glaubensgenossen zu bemühen und über einen so „bedeutenden“ Priester, wie es eben Pranaitis sei, in spöttelndem Tone zu sprechen. Nun folgt ein „väterlicher Rat“: Ein solches Eintreten von großen jüdischen Kapitalisten für das jüdische Volk könne diesem nur zum Schaden gereichen. Denn der einfache Christ, der davon liest, gewinne die Ueberzeugung, daß bei den Juden das „goldene Kalb“ wirklich eine große Rolle spiele . . . Dies alles genügt der wahrheitsliebenden „Civiltä“ nicht. Da sie ein „wissenschaftliches“ Organ ist, sucht sie in ihren „Forschungen“ möglichst vollständig zu sein. Und so hat sie denn auch berechnet, wie viel den Juden die Befreiung von Beilis gekostet habe. Nach ihren Informationen haben die Juden während des Beilis-Prozesses rund siebzehn Millionen Rubel ausgegeben — nicht mehr und nicht weniger! Diese Summe zeigt natürlich, welch eine gefährliche Macht sie bilden, da sie, um nur einen einzelnen Juden zu retten, eine so hohe Summe in einer so kurzen Zeit aufgebracht haben! Ein Teil dieses Geldes sei für die Bestechung der zweihundert Korrespondenten der großen Zeitungen, die am Prozesse teilnahmen, verwendet worden, und wirklich hätten fast alle Zeitungen falsche Berichte gebracht, wie es eben der Präsident des Geschworenengerichts beklagte. Nun folgen Statistiken über die Beteiligung der Juden an der internationalen Presse, wodurch das Christentum in allen Ländern gefährdet sei. Einen Trost findet die „Civiltä“ in den antisemitischen Zeitungen Deutschlands und Frankreichs, den einzigen, die gegen die jüdischen Giftmischer ankämpfen. Dies heißt Wahrheit und Wissenschaft nach den Prinzipien der römischen Jesuiten. Griechenland Neue griechisch-jüdische Konflikte in Saloniki R.- Seit der Ankunft der griechischen Armee in Saloniki erscheinen in der griechischen Presse fortgesetzt heftige Angriffe gegen die Juden. Diese antisemitische Preßkampagne hat in der letzten Zeit einen ernsten Charakter angenommen, da die griechischen Blätter fast keinen Tag und keine Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne die unglaublichsten Verleumdungen gegen die Juden auszusprechen, und dadurch die griechischen Massen aufzuhetzen. Der kleinste Verstoß eines Juden genügt ihr, daraus die schwersten Anklagen gegen alle Juden zu konstruieren, und sie als Staatsverräter hinzustellen, die die türkische Herrschaft wieder hersteilen wollen. Ein geringfügiger Streit, der z. B. vor einigen Tagen zwischen griechischen und jüdischen Arbeitern einer hiesigen jüdischen Lohgerberei ausbrach, und der seinen Grund nur in Arbeitsdifferenzen hatte, wurde von der griechischen Zeitung „Makedonia“ als der Ausbruch ernster politischer Gegensätze dargestellt; die Schuld an dem Streit sollten natürlich nur die Juden tragen. Ein anderes Blatt berichtet, daß ein Jude, dessen Namen es nicht nennt, einem Griechen gegenüber geäußert hätte, die türkische Flotte würde nicht zögern, in unserm Hafen vor Anker zu gehen — und so werden täglich ähnliche Albernheiten erzählt, die aber trotzdem die griechische Bevölkerung sehr erregen. Einige griechische Zeitungen machen immer wieder darauf aufmerksam, daß eine Anzahl Juden noch immer den Fez trägt und schließen aus dieser aus alter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.