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Die Welt · 1914-07-10 · 28 (10.7.1914) · p. 722

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
28 (10.7.1914)
Article
[Kommentar]
Date
1914-07-10
Page
722 (sequence 1)
Language
German
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722 DIESqKELT Nr. 28 REVUE DER PRESSE Die Weißen Blätter (Leipzig). In Nr. 9 (Mai) dieser hervorragenden Zeitschrift, welche die führenden Köpfe der jungen Literatur in Deutschland vereinigt, spricht der Philosoph Max Scheler, dessen Darstellung einer neuen Ethik auf Grundlage phänomenologischer Untersuchungen vielfach für bahnbrechend angesehen wird, über „Die Zukunft des Kapitalismus“. Bei Erwähnung der bekannten Untersuchungen Theilhabers gedenkt er der zionistischen Bewegung mit den Sätzen: . . die von Theilhaber kürzlich aufgewiesene Tatsache des Aussterbens der deutschen Juden, und zwar im Maße, als sie innerhalb des Kapitalismus führende Stellungen gewannen und gleichzeitig aus der geheimnisvollen Schutzsphäre der jüdischen Familientradition heraustraten. An diesem jüdischen Typus — der tapfere und edle Zionismus stellt ihm mit dem innersten Rechte der Erhaltungswürdigkeit des großen, begabten Volkes heute einen anderen schroff entgegen und bedrängt ihn bis tief in seine Ehre und sein Gewissen hinein, blutig oft und doch gerecht — vollzieht sich zeitlich zuerst und im kleinen das tragische Geschick, das sich am bourgeoisen Typus überhaupt vollziehen wird.“ — Es ist nicht unwesentlich, diesen Ausspruch zu registrieren. So stellt sich also der Kampf, den die Zionisten gegen die Gleichgültigkeit führen und der namentlich in letzter Zeit vielfach als „zu schroff“, „zu rücksichtslos“ bezeichnet wurde, in den Augen eines unbeteiligten Nichtjuden und bewährten Beobachters ethischer Tatsachen dar: als ein gerechter Kampf. Im vorangegangenen Heft derselben Zeitschrift gibt Max Brod eine Darstellung der zionistischen Ideenwelt unter dem Titel „Vom neuen Irrationalismus“. Zur Einstellung der Galvestonemigration schreibt das „Frankfurter Israel. FamiHenblatt“ (Nr. 26): Vor einigen Wochen besprachen wir an dieser Stelle den beachtenswerten Artikel eines der Führer der russischen Territorialisten, in dem dieser seine Parteigenossen zur Auflösung der Organisation und Wiederanschluß an den Zionismus aufforderte, da die Ito bisher nichts Positives habe zu leisten vermocht und es sich erwiesen habe, daß ihre Ziele unrealisierbar seien. Dieser Tage nun kommt eine Nachricht, die die volle Berechtigung der mutvollen Erklärung des russischen Itoistenführers beweist, indem sie den Zusammenbruch der letzten, ja der einzigen positiven Aufgabe meldet, deren Erfüllung die Ito in den letzten Jahren ihre gesamte Tätigkeit gewidmet hat: in der letzten Woche ist von Rußland die 100. Emigrantengruppe nach Galveston abgefahren, die auch zugleich die letzte ist, da die Ito mit dieser Gruppe die Leitung und Regulierung der Galvestonemigration einstellt .... Diese Einstellung der Galvestonemigration ist von einer Bedeutung, die weit über den Rahmen der tatsächlichen Wirkungen, die sie nach sich ziehen wird, hinausgeht. Zunächst bedeutet sie den Zusammenbruch der einzigen positiven Tätigkeit der Ito. Diese steht nunmehr da als eine Organisation, die de facto nicht das geringste positive Programm hat, sondern darauf wartet, bis ihr von irgendwoher das leere, für die Lösung der Judenfrage geeignete Land zufallen werde. Ihr Mißerfolg bei der Galvestonemigration aber — und darin ruht die allgemeine symptomatische Bedeutung dieser Angelegenheit — wird ihr bewiesen haben, daß ein solches Gebiet in keinem der Kulturstaaten zu finden ist; daß alle Einwanderung nach Amerika wohl die wirtschaftliche Not de. Emigranten lindern, aber die Judenfrage auch nicht um einen Schritt ihrer Lösung näher bringen kann, weil die Bedingungen für die Assimilierung dort ebenso vorhanden — ja in weit stärkerem Grade vorhanden — sind wie in ihren bisherigen Heimatländern .... Vielleicht, daß die Einstellung der Galvestonemigration, die ja an sich im Interesse der jüdischen Emigranten des Ostens aufs lebhafteste zu bedauern ist, das eine Gute bewirken wird, daß sie die Führer der Ito und mit ihnen auch manche führende Persönlichkeit unter den jüdischen Philanthropen, von der Unmöglichkeit überzeugen wird, in einem anderen Lande als Palästina die Voraussetzungen für eine starke jüdische Immigration zu schaffen, wobei den Einwanderern die Möglichkeit zu einem volljüdischen Leben gegeben ist. Der Mißerfolg der Galvestonemigration stellt nur einen der vielen Beweise für die alleinige Berechtigung des Zionismus als des einzigen Weges zur Lösung der Judenfrage dar. Die „Vossische Zeitung“ veröffentlicht einen Artikel von Prof. Dr. Hermann Guthe über „Die Zukunft Palästinas“. Der Verfasser, ein guter Kenner des Landes und Autor eines der besten Palästina-Werke, konstatiert vielfache Fortschritte insbesondere auf landwirtschaftlichem Gebiete und in Verbindung mit der deutschen und der jüdischen Kolonisation. Daneben aber berichtet er auch über Auswanderung, zunehmende Unsicherheit und Mangel an Zutrauen zur politischen Zukunft des Landes. Einigermaßen naiv klingt folgender Satz: „Daß die Christen um der Liebe willen für die Bewohner des Heiligen Landes tätig sein wollen, geht dem Muslim nicht ein; er sieht dahinter politische Absichten und hat sich längst die Frage vorgelegt, wessen Herrschaft er am liebsten in Palästina ertragen würde.“ Weiter heißt es dann: „Durch die jüngsten Ansiedlungen der Juden werden endlich deren Schutzmächte, abgesehen von der Türkei, besonders Rußland und Oesterreich, wieder in ganz anderer Richtung für Palästina in Anspruch genommen.“ — Rußlartd als Schutzmacht der Juden ist hübsch gesagt. Schließlich proponiert Professor Guthe die Ausscheidung Palästinas aus den politischen Wirrnissen durch Gewährung einer Selbstverwaltung unter dem Schutz der europäischen Großmächte ä la Libanon und die eventuelle politische Neutralitätserklärung. Hiervon verspricht sich der Verfasser „dauernden Frieden für das Land, das für drei Religionen hervorragende Bedeutung hat und deshalb (!) oft der Schauplatz erbitterter Kämpfe gewesen ist“. Er ist allerdings Professor, der Theologie. Andere werden sich Mazedoniens erinnern und seiner verhältnismäßigen Friedlichkeit zur guten alten Türkenzeit, und werden gegen eine Libanonisierung auch das einzuwenden haben, daß in Palästina die Christen an Zahl und Einigkeit weit hinter den Moslems und den Juden zurückstehen. Es ist auch mehr als fraglich, ob eine „europäische“ Verwaltung die in der Auffassung von der „Liebe“ recht heftig differierenden Christenheiten so erfolgreich wird auseinanderhalten können, wie es den türkischen Wachen bisher noch in der Hauptsache gelungen ist. Die „Frankfurter Zeitung“ vom 26. Juni enthält einen interessanten Beitrag zu dem Thema: „Juden und Deutsche“. Es heißt dort in einer Korrespondenz aus Rumänien (unter dem Titel: Deutschlands Kulturpolitik und die Judenfrage, und unter Bezugnahme auf einen Aufsatz von Professor Karl Lamprecht): „. . . . Während der wirtschaft- ..«..ie Eir"uß Deutschlands wuchs, wuchs gleichzeitig der moralische Einfluß Frankreichs. Nichts, was zwischen Rumänien und Deutschland geistige Beziehungen hersteilen konnte, wurde ^19652163729085688871^5^

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