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Die Welt · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. 693

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Article
Erinnerung
Date
1914-07-03
Page
693 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 27 LT 693 ERINNERUNG Von Hermann Bahr Als ob es gestern gewesen wäre, sek' ich mich noch, frohgemut und ungebärdig, mit meinem Leibburschen durch die Stadt flanieren und, wie wir in die Wollzeile bogen, auf einen rasch schreitenden, hoch gewachsenen, dunklen Jüngling stoßen, der, unsere blauen Mützen erblickend, unwillkürlich stehen blieb, meinen Begleiter erkannte und ohne seine Verlegenheit bemerken zu wollen, ihn spöttisch gnädig ansprach, um uns nach einigen gleichgiltigen Worten huldvoll wieder zu entlassen. Mir machte die große, wenn auch fremdartige Schönheit des stolzen jungen Mannes einen starken Eindruck, auch wunderte mich die Befangenheit meines Gefährten, der sonst dreist und herausfordernd war. Ich erfuhr von ihm, daß dieser Theodor Herzl unserer Verbindung angehörte, wohl gelitten als ein fröhlicher, herzhafter, sprudelnder Geselle, jetzt inaktiv, um sich aufs Examen vorzubereiten; und nun, setzte mein Leibbursch, halb bedauernd, halb resigniert, hinzu, wird es ihm aber ja wohl auch an den Kragen gehen! Um diese Zeit drang nämlich der Antisemitismus allmählich in die österreichischen Burschenschaften ein, zunächst ohne besonderen Nachdruck, es wollte nun aber doch keine hinter der anderen Zurückbleiben. Einige Tage später erhielt denn auch Herzl wirklich ein Schreiben, worin ihm das Band abgefordert wurde, weil er eben nun einmal kein Deutscher sei. Man hatte das bisher nie bemerkt und er selber auch nicht. Ich hörte dann erst nach einigen Jahren wieder von ihm, in Berlin, wo er für das „Tageblatt" Feuilletons schrieb, von der glänzenden, schäumenden, perlenden, anspruchsvoll nichtigen Wiener Art, die dort damals noch ganz neu war, die einen erschreckte, die anderen betörte und ihm Bewunderung, Neid und Feindschaft eintrug. Die Frauen schwärmten ihn an, ein Lustspiel von ihm wurde aufgeführt, das man voll Geist, voll Laune, nur doch für den Sinn der damals noch sehr ernsthaften, ja pedantischen Stadt zu leicht fand, es schien mit ihm ein neuer Paul Lindau heraufzukommen. Wir begegneten uns aber zu jener Zeit niemals, und erst nach Jahren, als ich, von einer Wiener Zeitung nach Paris geschickt, um ihr über den Panamaskandal zu berichten, eines Tages in die Joumalistenloge der französischen Kammer trat, fand ich ihn wieder: in der ersten Bank die geschäftigen Kollegen überragend, erkannte er mich gleich, hielt mir die Hand hin, und schon war ich wieder im Bann seines großen, strengen, dunklen Blicks, der so still auf einem ruhte, nicht ohne Wohlwollen, doch auch nicht ohne Mißtrauen, immer einer neuen Enttäuschung gewärtig. Er hätte sich inzwischen völlig entwienert, eher hätte man ihn für einen spanischen Diplomaten halten können. Doch am stärksten empfand ich, wie vor zehn Jahren in der Wollzeile neben meinem Leibburschen mit der blauen Mütze, auch jetzt wieder unter den eilig um ihn schwatzenden, skribelnden, witzelnden, zankenden und raschelnden Kollegen hier, wie fremd er immer in seiner Umgebung stand, fremd und vereinsamt. Und dann kam eine Zeit, wo wir fast Freunde wurden. Wir waren beide wieder in Wien, wohnten uns nahe, und er holte mich auf dem Heimweg aus seiner Redaktion gern in der meinen ab, an schönen Abenden sind wir oft eine Stunde lang immer um die Votivkirche herumgegangen. In jenem Wiener Ton, der nichts ernst nimmt, sich nichts nahegehen läßt und vor nichts Respekt hat, begann das Gespräch meist. Aber wenn man ihn reden ließ, verriet er sich. In Monologen war er ein ganz anderer Mensch. Wer nur, aus der Redaktion oder von Premieren her, den Feuilletonisten, den gelinde wehmütig charmanten Spötter, den Weltmann Herzl kannte, der macht sich wohl gelegentlich über den Herzl lustig, den die polnischen Juden im Herzen tragen. Ich aber habe den Herzl der jüdischen Herzen persönlich gekannt, er ist mit mir leibhaftig um die Votivkirche gegangen. Da hat er mir auch einst erzählt, wann dieser Herzl geboren wurde. Das war in Paris, als Dreyfuss, der Verräter, degradiert wurde. Er stund dabei! Auch er zweifelte damals nicht an der Schuld des Kapitäns. Er ging nur hin, um für sein Blatt darIV. er zu berichten; es gab vielleicht ein hübsches Feuilleton. Das Verfahren der Degradation ist nicht sehr artig. Als Journalist darf man aber ja nicht empfindlich sein. Franzosen machen sich auch aus allem gern ein Theater; in der Aufregung sind sie nicht zärtlich. Und schließlich war es ein infamer Verräter! Nur auf eins, erzählte Herzl, war er nicht gefaßt gewesen: auf diese Freude! Freude, namenlose Freude, nichts als einen wahren Freudenrausch sah er in allen Augen, als dem Kapitär: iie Zeichen von der Schulter gerissen wurden. Ein Verräter! Aber war der Unselige nicht ein Mensch? Und unter allen diesen so ritterlichen, leicht aufwallenden, jeder edlen Empfindung offenen Franzosen keiner, dem ein leidender Mensch leid tat? Nur diese Freude, jauchzend, und eine unersättliche Gier, ihn noch mehr zu peinigen, und immer noch mehr, in allen rachetrunkenen Augen? Denn es sah keiner einen Menschen leiden, sie sahen alle nur den Juden! „Da war mir, erzählte Herzl, als wäre mein Platz bei ihm, bei dem Verräter dort, was immer er auch verraten hätte, und ich schämte mich unter den ritterlichen Franzosen, in denen uns der Haß auflauert, jedem von uns, und seitdem bin ich Jude!" Nun ist es zehn Jahre her, daß ich hörte, Herzl sei krank. Um eben diese Zeit war gerade der Tod an mir vorübergegangen; ich wußte noch gar nicht, ob er schon vorbei war. In dieser Erwartung traf mich die böse Nachricht. Herzl lag in Edlach, ich fuhr mit Josef Redlich hinaus, die Rosen blühten. Herzl lag im Garten, von den Seinen und Freunden umgeben. Er lag eingehüllt, in einen Lehnstuhl hingestreckt. Sein stolzes Gesicht hatte sich kaum verändert, nur durch seinen starren schwarzen Bart schlichen weiße Fäden. Wir sollten ihn nicht aufregen, so scherzten wir, bangen Herzens. Als es Abend wurde, begann er zu frösteln und ließ sich ins Haus tragen. Als er zu Bette war, holte man mich: er wollte mich noch einmal sehen. Da stand ich nun an seinem Bett. Er saß aufrecht, das gelbe Gesicht mit dem schwarzen Bart im weißen Linnen. Aller Spott war von ihm gewichen, in seinen Augen stand, daß er es wußte. „Wir wollen uns noch einmal die Hände reichen, sagte er, wir waren uns gute Freunde!" Nach drei Tagen starb er. Dann war sein Begräbnis, das einer Heerschau glich'. Salzburg, 8. Mai 1914.

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