Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Article
- Betrachtungen am zehnten Todestage Dr. Herzls
- Date
- 1914-07-03
- Page
- 679 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 27 679 DIES^ELT ihrige beitragen, praktische Politiker sind. Diejenigen aber, die "an allen Straßenecken schreien „wir müssen praktische Arbeit leisten!“ ohne selbst die Hand in kaltes Wasser zu tun oder in die Tasche zu greifen, werden fälschlich die „Praktischen“ genannt. Ich möchte sie lieber (ich glaube mit mehr Berechtigung) die „politisch Praktischen“ nennen. Hätten wir unter uns etwas mehr solche „praktische“ Zionisten, die nur annähernd die Opferwilligkeit des „politischen“ Zionisten Herzl für praktische Arbeit hätten, so wären wir jetzt um viele, viele Meilen weiter. Wir besäßen in Palästina viel mehr Land, unsere Bank hätte ein viel größeres Stammkapital und einen anderen Stand an Depots. Dann hätten wir im vergangenen Jahre ganz anders in die Speichen der Geschichte eingreif en können, statt schmerzvoll-müßige Beobachter zu bleiben! Seien wir aufrichtig und sagen wir die Wahrheit; beräuchem wir uns nicht gegenseitig und besingen wir nicht fortwährend die Opferwilligkeit der Zionisten. Unsere Opferwilligkeit ist im Verhältnisse zu den Opfern anderer Völker an Gut und Blut geradezu erschreckend gering. Wenn wir in diesem langsamen Tempo verharren, so laufen wir Gefahr, nur die Pioniere für andere gewesen zu sein und, nach der salbungsvollen Auslegung mancher unserer Frommen, allerdings eine „Mission“ erfüllt zu haben — natürlich — wieder für andere! — — — Unsere Banken haben segensreich gewirkt, aber bis jetzt in verhältnismäßig bescheidenem Maße. Sie haben keine Verluste erlitten; alles wird pünktlich zurückgezahlt. Ihr Kapital jedoch hat sich nur sehr wenig erhöht. Wir haben es bis jetzt mit unserer „praktischen“ Arbeit noch immer nicht so weit gebracht — um kein krasses Beispiel anzuführen — in Jaffa oder Haifa ein eigenes kleines jüdisches Hotel aufzubauen. Wir haben eben „praktische“ Zionisten unter uns, die das Heil von einer Universität erhoffen, für die wirtschaftliche Erschließung Palästinas aber momentan keinen Sinn haben. Leider wollen die jüdischen Kartoffeln und was man sonst noch dringend zum Leben in Palästina -braucht, auf das Singen der Hatikwa allein nicht wachsen. Die Verhältnisse sind jetzt in Palästina für uns Juden so günstig, anderseits werden wir in manchen anderen Ländern so erbärmlich drangsaliert, daß man sich nicht genug darüber wundem kann, wie wenig die jüdische Privatinitiative diese Umstände berücksichtigt. Unsere befähigten, mit Erfahrungen und Mitteln versehenen jüngeren Leute sollten die Situation benützen, Industrie, Gewerbe und Handel nach Palästina zu tragen, sich selbst dort eine angenehme Zukunft zu sichern, unseren fleißigen Arbeitern aber Erwerbsgelegenheiten zu schaffen. Es gilt, unseren Freunden zu zeigen, was wir leisten können, und unseren Feinden, daß wir nicht die Parasiten sind, zu welchen sie uns gerne stempeln möchten, Leute, die nur auf dem Rücken anderer Völker gedeihen könnten. Die Dinge entwickeln sich jetzt sehr schnell. Wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn wir nicht eventuell die letzte Ueberfuhr versäumen wollen. Wir müssen nicht nur unter uns Frieden halten, sondern auch alle dem Judentume nahestehenden Korporationen und einzelne Personen, die uns helfen können, heranziehen, denn auch dann sind wir noch sehr schwach, um die ungeheuren Schwierigkeiten, die sich vor uns auftürmen, zu überwinden. Tun wir das nicht, dann sinken wir zu einer unvermögenden exklusiven kleinen Kaste herunter, die eine fürchterliche Verantwortung vor der Geschichte auf sich ladet, sich dem Vorwurf aussetzt, den richtigen Moment. verpaßt und nicht alles aufgeboten zu haben, das Judentum wieder auf seinen alten Mutterboden zu verpflanzen, daß es sich wieder seiner natürlichen Veranlagung gemäß entwickele, nicht in feindlicher Umgebung verdorre. Den zehnten Todestag Herzls wollen wir dazu benützen, mit Hilfe der bis jetzt in Palästina geschaffenen Vorbedingungen ein schnelleres Tempo in die Entwicklung zu bringen, ihm, der sein Herzblut für die Bewegung hergegeben hat, in der Opferwilligkeit wenigstens einigermaßen nachzueifem. Ich glaube, der beste Dank, den wir ihm heute abstatten können, wäre der, sein Werk, die Befreiung unseres Volkes, energisch zu fördern. Das zionistische Problem bei Micha Josef Berdyczewski Von Dr. Hugo Qergmann Im Leben eines Volkes sind zehn Jahre kaum ein Augenblick. Wenn wir heute, zehn Jahre nach Herzls Tode, uns seine Gestalt vor die Seele führen, so dürfen wir uns nicht unterfangen, unter sein Lebenswerk den abschließenden Strich zu ziehen. Noch ist er lebendig unter uns, und der Kampf um sein Werk geht im Judentum, aber auch innerhalb des Zionismus unablässig weiter und wir alle sind an diesem Kampfe beteiligt. Unser Blick kann noch nicht rückwärts gewendet sein. Wenn wir dennoch in einer heiligen Stunde des Erinnems Einkehr halten, so kann dies nur den Sinn haben, daß wir uns tiefer und eindringlicher auf die treibenden Kräfte besinnen, von denen das Werk Herzls Gestaltung empfangen hat und weiterhin empfangen soll. In diesem Sinne scheint es mir wichtig, daß die Zionisten mehr, als es bisher geschehen ist, auf die Analyse und Kritik achten, welche der Zionismus in der hebräischen Literatur gefunden hat. Achad Haams Gedanken beginnen langsam auch im Westen zu wirken. Sein großer Antipode in der hebräischen Literatur, Micha Josef Berdyczewski', ist in weiten Kreisen nur als Herausgeber der „Sagen der Juden“ bekannt geworden. Von seinen bedeutsamen theoretischen Aufsätzen weiß man nichts. Selbst in der hebräischen Literatur, wo sie eine Zeitlang vom Lärm der Aktualität umrauscht waren, ist es still geworden. Ich will im folgenden versuchen, einige der tragenden Gedanken aus Berdyczewskis Werken herauszuheben. Ich halte mich dabei vor allem an die elf kleinen Büchlein, die Berdyczewski in dem „Verlag der Jungen“ herausgegeben hat und die in der Reinheit des Suchens und Ehrlichkeit des Bekennens zum Erquickendsten gehören, was die moderne hebräische Literatur besitzt. x) I. Herzl kannte das jüdische Volk kaum, als er in sein Geschick eingriff. Dennoch war er sich der revolutionären Bedeutung des Zionismus bewußt. Er verstand, daß der Kampf um den Zionismus der Kampf um eine Entscheidung im jüdischen Volke war, und er hat dies oft ausgesprochen. Aber er sah nicht deutlich, wo die Entscheidung zu fallen hatte. Er sah nur die Scheidung von Jude und Manschet, von Die Bändchen — jedes kostet einen halben Rubel — heißen: I. Al em haderech. II. Erchin. III. AI haperek. IV. NemuSoth V. Din udwarim. VI. Bachomer uwaruach. VII. Mijme hamaasse. VIII. u. IX. Mijmin umismol. X. Arbajim. XI. Choreb. Ich zitiere im folgenden die Schriften nach den römischen Ziffern.