Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Article
- Herzl und die Siedlungsgenossenschaft
- Date
- 1914-07-03
- Page
- 678 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27 DIESgOELT 678 Deutschland, eine Veränderung, gegen die ich grundsätzlich keine Einwendungen hatte, wenn ich auch angebrachtermaßen das mir wohlbekannte Deutschland mit seiner weit höher geförderten Agrikultur und seiner weit intelligenteren Landarbeiterbevölkerung vorgezogen hätte. Aber das schien Herzl unerreichbar; schätzte er doch bereits die Schwierigkeiten überaus hoch ein, die Zionisten zu der Förderung eines Projekts zu bewegen, das zunächst mit Nichtjuden hätte gestartet werden müssen. Machte man das wenigstens in einem der jüdischen Zentren in Galizien, so seien vielleicht — sicher war er selbst dessen nicht — einige Zionisten als Privatleute dafür zu haben, für Deutschland keinesfalls. Daß der Zionismus offiziell als Bewegung dafür einstehen könne, stand für ihn wie für mich gar nicht erst zur Diskussion. Wir schieden mit der Hoffnung, bald zur praktischen Arbeit wieder Zusammentreffen zu können, die uns beiden immer wichtiger erschien als „prinzipielle" Reden und Programme. Aber als ich im Juli von einer mehrtägigen Bergtour ins Bernina-Gebiet nach Pontresina herniedergestiegen war, fand ich in einer alten Wiener Zeitung die unerhörte, unglaubliche Nachricht, daß Herzl, dieser junge Riese, tags zuvor begraben war. — Betrachtungen am zehnten Todestage Dr. Herzls Von Johann Kremenezky Von Zeit zu Zeit wird in so manchem das Bedürfnis rege, die ganze Tätigkeit Herzls so darzustellen, als wäre sie nur auf die Erreichung eines Charters, also auf etwas nicht mehr Aktuelles, auf etwas Bedeutungsloses gerichtet gewesen, im Gegensatz zu den aktuellen Bestrebungen der sogenannten „Praktischen Zionisten". Der wiedergekehrte Todestag unseres großen Führers soll uns zum Anlaß dienen, den richtigen Dr. Herzl besonders der jüngeren Generation in's Gedächtnis zu rufen und zu zeigen, daß Herzl nicht der Chartermann pur et simple war, jedenfalls nicht in dem engen Sinne, der dem Worte jetzt beigelegt wird. Dr. Herzl war, das wissen wir alle, insbesondere jene, die mit ihm gearbeitet haben, trotz seines großen Reichtums an utopistischen Ideen, ein durch und durch praktischer Politiker; er hat, wie unsere Väter, die sich mit der einen Hand gegen die Samaritaner verteidigten, und mit der anderen Jerusalem aufbauten, auf einer Seite mit aller Macht an der Erreichung des Charters gearbeitet und auf der anderen intensiv getrachtet, die praktischen Bedingungen zu schaffen, um die Entwicklung Palästinas nach allen Richtungen hin zu fördern. Es scheint mir beinahe schon notwendig, daran zu erinnern, daß seit Herzls Tod überhaupt nichts Neues in der Organisation geschaffen wurde, daß man nur an dem weiterarbeitet, was bereits unter ihm ins Leben gerufen war: so die Organisation, die Bank und ihre Filialen, der Nationalfonds, die Oelbaumspende, der Bezalel, dann die Arbeiten für die Siedlungsgenossenschaft, die Versuchsstation, das Palästinaamt, die technische Kommission zur Förderung von Industrie und Gewerbe, die Kommission zur Errichtung einer Universität in Jerusalem usw. Er hat nicht nur die Ideen dazu gegeben, sondern ausführliche, wertvolle Vorarbeiten dazu geschaffen und die geeigneten Personen gesucht und gefunden. Ihm haben wir die Heranziehung des Professor Warburg, des Dozenten Dr. Franz Oppenheimer, wie noch vieler anderer Fachleute in unserer Bewegung zu danken. Als eminent praktischer Politiker hat er nichts unterlassen, was zu einem großen Aufbau notwendig war. Er hat in ganz richtiger Erkenntnis nach einer Seite hin den Standpunkt vertreten, daß wir offiziell keine Emigration nach Palästina betreiben dürfen, insolange man uns dort einen Widerstand entgegensetzt und wir nicht die Mittel haben, die Einwanderung rationell zu leiten und auch mit gutem Gewissen zu verantworten. Daß dieser Standpunkt der richtige war, wird durch das Verhalten des jetzigen A. C. und des Nationalfondsdirektoriums bewiesen, denen man sicherlich nicht die Sehnsucht nach einem schnelleren Tempo in der Einwanderung und Vergrößerung der jüdischen Bevölkerung in Palästina absprechen wird; denn die Einwanderung von auch nur jjanz kleinen Gruppen ist ohne größere Mittel zur Seßhaftmachung derselben nicht tunlich und insolange mit großer Verantwortung verbunden, als nicht mehr Arbeitsgelegenheit für Einwanderer im Lande geschaffen ist. Nur um vorbereitende Arbeit konnte es sich handeln. Dafür aber gab es im Lande vorläufig Juden genug, und zu diesen hätten sich diejenigen energischen Elemente gesellen können, die auf eigene Faust und mit eigenen Mitteln hingehen wollten. Für diese im Lande bereits Ansässigen sollten die Institute in Palästina geschaffen und alles Lebensfähige von diesen Instituten gefördert werden. Denn nach dem seinerzeit noch bestehenden System der Unterstützung seitens der „Administration" konnte nicht länger gewirtschaftet werden. Herzl nahm den Standpunkt ein, daß man durch Schenken einem Volke nicht helfen könne, und tatsächlich hat sich auch nur dasjenige in Palästina als gesund und lebensfähig erwiesen, was auf streng wirtschaftlicher Basis aufgebaut war. So ist es auch jetzt noch, und diese Erfahrung dürfte auch für die Zukunft Basis und Richtschnur bleiben. In wirtschaftlicher Beziehung konnten zunächst wohl nur die Banken das Bestehende fördern, die gesunde Privatinitiative befruchten. Viel anderes kann auch jetzt nicht gemacht werden und wird auch in Zukunft schwerlich gemacht werden können. Das war die praktischpolitische Arbeit Herzls. Man kann eben nicht an dem wirtschaftlichen Schicksal eines Volkes bauen, ohne an eine gesicherte Zukunft zu denken, ohne systematisch vorzuarbeiten; ebensowenig wie man an der Politik eines Volkes arbeiten kann, ohne vorher eine gesunde wirtschaftliche Basis zu schaffen. Die Politik würde sonst in der Luft hängen und die Wirtschaft auf Sand gebaut sein. An beiden hat Dr. Herzl, wie die bestehenden Tatsachen beweisen, gleichzeitig energisch gearbeitet, und es ist daher müßig, die Zionisten einerseits in Herzische oder „politische", andererseits in „praktische“ unterscheiden zu wollen. War die oben gekennzeichnete Arbeit, die von Herzl unter Uebereinstimmung aller Zionisten geschaffen wurde, praktisch, so finde ich es geradezu absurd, die Zionisten gewaltsam in Politische und Praktische einteilen zu wollen. Es mag eine Gruppe von Zionisten geben, die finden, daß ein Teil unserer politischen Arbeit vernachlässigt, nicht genügend gepflegt wird. Deswegen sind diese Zionisten noch lange nicht unpraktisch. Auch umgekehrt mag dies der Fall sein. Ich meinerseits glaube, daß alle Zionisten, die nach Möglichkeit und Fähigkeit zu der einen oder zur anderen der bezeichneten Arbeiten das