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Die Welt · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. 661

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Article
Theodor Herzls "Einfälle zum Judenstaat"
Date
1914-07-03
Page
661 (sequence 2)
Language
German
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661 DIES^ELT Nr. 27 „Vielleicht mache ich im Buch typographisch den Unterschied zwischen den zwei Traumwelten die durcheinanderrauschen bemerkbar, indem ich die Phantasien mit anderer Schrift drucken lasse. So werden die Liebhaber gleich sehen, wo und wie das Gras wächst — andere werden es hören — und die übrigen erkennen die soliden Pflastersteine. Die parallelen Fältchen der Epidermis eines Künstlers in der Bronze." — — Bei der Beurteilung Herzls, wie er sich in diesen Einfällen zum Judenstaat darstellt, darf man nicht vergessen, daß sehr viele seiner sozialen Gedanken damals entweder ganz neu oder doch nur Eigentum Weniger, Auserlesener waren, während sie heute teils Gemeinplätze der Theorie geworden sind, teils praktische Verwertung gefunden haben. Ehe Einrichtung von staatlichen Arbeitsvermittlungsämtem (um nur e i n Beispiel anzuführen) hat England erst der jetzigen liberalen Regierung zu verdanken. Nur ein Teil der „Einfälle" wurde für den „Judenstaat" verwertet; von den übrigen wird der Kenner von Herzls Lebenswerk manche im „Altneuland“, manche sogar in den Feuilletons wiedererkennen. Wohlverstanden. Nicht eine einzige Aufzeichnung wurde einfach hinüber genommen, abgeschrieben. Nur als Keime der späteren Schöpfung sind die „Einfälle" anzusehen. Herzl warf die ersten Gedanken wie Schlagworte, wie Kapitelüberschriften aufs Papier. Das sieht man an dem Fehlen der Interpunktion, auf die er sonst die größte Sorgfalt zu verwenden pflegte. Vielleicht vergönnte er sich auch nicht die Zeit. Später kommt er mit dieser Kürze nicht mehr aus; und wie er ausführlicher wird, erhalten die Aufzeichnungen fast literarische Form. Die Zeit für einen vollständigen Abdruck dieser „Einfälle" ist noch nicht gekommen; noch ist die Gestalt Herzls im Gedächtnis vieler Zeitgenossen zu sehr mit irdischen Unvollkommenheiten behaftet, noch ist sein Wollen nicht ganz den Tagesinteressen entrückt. Aber einige Proben seien an dieser Stelle gestattet Die Auswald ist natürlich subjektiv, aber alles Gebotene ist bis auf den Buchstaben getreu wiedergegeben. 1. 5. VI. Arbeitscentrale. Da wird über Skadenzen der Arbeit so Buch geführt wie in Banken über Wechselskadenzen. Ein Großackerbauer telegraphiert: Bitte morgen 1000 Arbeiter (gehen militärisch mit Zug ab) ein Schneider braucht Gehilfen ein Schusterbub sucht Lehre Alles das Größte wie das Kleinste lauft da zusammen Reservoir der Arbeit Secretär Goldschmidt 2. So wieder ein Anregungsamt für Kapitalien. Geld wird dort u. dort gebraucht Dort gibts keine Zuckerfabrik Dort gibts Petroleum Und in diesem Amt laufen die Anträge der Geldsucher wie der Unternehmungslustigen zusammen Vielleicht Form einer amtlichen Publikation Ueberall dem Wucher Vorbeugen 3. Wehe den Schwindlern, die sich an der Judensache bereichern wollen. Wir werden für sie härteste Ehrenstrafen, Verlust aller politischen u. Aufenthaltsrechte einführen. Sie zu incapaces der Immobilienerwerbung machen. 4. 5. VI. Die Jugend (auch die arme) bekommt englische Spiele: Cricket, Tennis, Lyceen im Gebirge. 7. VI. Dreizehn Jahre hats mindestens gebraucht, bis ich diesen einfachen Gedanken hatte. 6. Jetzt sehe ich erst, wie oft ich nahe daran vorübergekommen bin. Die „Arbeitshilfe"1) war mir sehr wichtig. 8. VI. Ehe Juden unter einen Hut zu kriegen, wird eine Sauarbeit sein, obwohl oder vielmehr weil sie alle einen Kopf haben. 7. 8. VI. Eine Section für Erfindungen. Correspondenten in Paris London etc sofort alles neue melden, das dann auf seine Verwendbarkeit hin geprüft wird Sectionschef muß oft erneuert werden, damit kein Routinebeamter aus ihm werde 8. 8. VI. Mich vor Selbstüberschätzung, Hochmuth u. Narretheien hüten, wenns gelingt Wenn’s mißlingt, hilft mir die Literatur miris von der Seele zu schreiben 9. EHplomaten werden am schwersten zu rekrutiren sein, weil wir in der Gefangenschaft die Haltung verloren 10. Luftzonen zwischen Städten machen. Jede Stadt gleichsam großes Haus das im Garten liegt In den Luftzonen darf es nur Ackerbau, Wald etc Dadurch verhindre ich hypertrophische Großstädte u. die Städte sehen früher bewohnt aus 11. 8. VI. Abends bei Schiffs2) diniert. Ihre Schwägersleute aus Wien waren da. Wohlhabende gebildete gedrückte Leute. Sie stöhnten leise über den Antisemitismus, auf den ich fortwährend das Gespräch brachte. Der Mann erwartet eine neue Bartholomäusnacht. Die Frau meint, daß es nicht mehr schlecher werden könne. Sie stritten, ob es gut oder schlecht sei, daß Luegers Wahl zum Bürgermeister von Wien nicht bestätigt werde. Sie haben mich mit ihrer Mattigkeit ganz verzagt gemacht. Sie ahnen es nicht, aber sie sind Ghettonaturen, stille, brave, furchtsame. So sind die Meisten. Werden sie den Ruf zur Freiheit und Menschwerdung verstehen? Beim Weggehen war ich ganz verstimmt. Mein Plan kam mir wieder verrückt vor. Aber in der defaillance sagte ich mir: Angefangen hab’ ich's jetzt führ ich’s weiter. 12. 9. VI. Wenn wir drüben sind, werden sich die Tänzer ums goldene Kalb empören, daß ich sie nicht zur Börse lasse. „assistance par travail1; hatte zwei Jahre vorher grossen Eindruck auf ihn gemacht. Die Einrichtung wurde von ihm in der Neuen Freien Presse besprochen, und Anspielungen darauf kehren in seinen Briefen öfter wieder. 2> Emil Schiff, der nachmalige Korrespondent der Neuen Freien Presse in Berlin, war mit Her?I innig befreundet.

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