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Die Welt · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. 658

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Article
Judenstaat und Zionismus
Date
1914-07-03
Page
658 (sequence 2)
Language
German
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658 DIEXfcELT Nr. 27 zug aller Juden aus den Ländern des Galuth, in soldatisch geordneten Scharen, womöglich mit fliegenden Fahnen und mit Musik, eine kurzfristige Abwicklung aller jüdischen wirtschaftlichen Existenzen, eine bankmäßige Uebertragung aller Vermögen in die neue Heimat unter Mitwirkung der Regierungen und Völker, von denen wir uns brüderlich und gerührt verabschieden; mit schwärmendem Blick sieht er uns in Schiffe steigen, an deren Masten die Flagge des Judentums im Winde flattert, und nach einer epischen Meerfahrt an einem fernen Gestade, auf einer nicht genannten, geographisch nicht lokalisierten Insel, auf einem überseeischen Kontinent, in einem Traumland „Irgendwo" landen, an der Küste mit blumenumwundenen Triumphbogen, mit jauchzenden Hymnen, mit weihevollen Feiern empfangen. Schließen wir die Augen und schwelgen wir in diesen Prophetengesichten. Sie wollen keine Wirklichkeit sein und sind es nicht. Im „Judenstaat" war Herzl nur Dichter. Er blieb in der hohen Sphäre außerhalb des Realen, wo die Phantasie die Schwingen frei ausbreiten kann, ohne zu fürchten, daß sie irgendwo anstößt. „Leicht beieinander wohnen die Gedanken, Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.' An dieses Schillerwort hat man zu denken, wenn man den „Judenstaat" kritisch beurteilen will. In diesem Buch „wohnen die Gedanken leicht beieinander". Aber damit begnügte Herzl sich nicht. Er wollte sich seine Aufgabe nicht bequem, nicht leicht machen. Als er sein Lied der, Sehnsucht ausgesungen hatte, senkte er sich aus dem Aether auf die Erde herab, in den Raum, wo „die Sachen sich hart stoßen". Nachdem er trunken an der von ihm selbst heraufbeschworenen zauberschönen Fata Morgana gehangen hatte, richtete er den Blick auf das Gelände, das sich vor ihm ausbreitete, und suchte es als geduldiger, geschickter, energischer Straßen- und Brückenbauer wegsam zu machen. Aus der Fabelinsel, dem Traumkontinent „Irgendwo" wurde Zion, die genau begrenzte ottömanische Provinz Palästina, und aus dem mythischen Auszug der Judenkolonnen die langsame Vorbereitung der Besiedlung von Erez Israel mit Hilfe der zionistischen Weltorganisation, ihrer Finanz- und ihrer Kulturinstitute. Judenstaat und Zionismus sind also nicht identisch und dürfen nicht miteinander verwechselt werden. Ist aber ein derartiges Mißverständnis, vor dem gewarnt sei, vermieden, dann erlangt und behält „der Judenstaat" seinen vollen Wert. Hier findet sich Herzls Grundgedanke, ungehemmt durch praktische Rücksichten, vo'.I ausgedrückt. Dieser Grundgedanke ist: Erlösung des Judenvolkes, seine Verjüngung, seine Erhöhung; kurz: die „Geulah“. An die Verwirklichung des Gedankens hat er später gedacht. Das war die eigentlich zionistische* Phase seiner Entwicklung. Aber diese Phase wird erst durch die frühere, rein ideale, ganz verständlich. Um den eigentlichen Willen Herzls zu erfassen, muß man den „Judenstaat“ kennen. Dieses Märchen durchleuchtet den Zionismus. Es klärt auf, was in diesem dunkel scheinen könnte. „Der Judenstaat" ist der Schlüssel der zionistischen Organisation, der Kongresse, der Kolonialbank, des Nationalfonds, der Palästinaarbeit. Er verhält sich zum Zionismus, wie die platonischen „Ideen" zu ihren Verkörperungen in der Welt des Stoffes. Man kann aus ihm keine Richtlinien für die praktische Tätigkeit im Zionismus gewinnen, wohl aber die Gesinnung, die aus gleichgültigen, zukunftlosen, dem Abfall zutreibenden Juden hoffnungsfreudige, selbstvertrauende Zionisten macht. Dr. Max Nordau Im Cafe Louvre zu Wien, im Februar US97 (Beratung über die Gründung der „Welt“)

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