Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Article
- Zu Herzls zehntem Todestag
- Date
- 1914-07-03
- Page
- 648 (sequence 1)
- Language
- German
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648 DIE3§BELT Nr. 27 ZU HERZLS ZEHNTEM TODESTAG Der zehnte Todestag Herzls reisst die Wunden, die Herzls nur zu frühes Ableben dem jüdischen Volke geschlagen, von neuem wieder auf. Was heute unsere Herzen bewegt, soll nicht Anlass sein zum Streit unter den Parteien, es soll versöhnend und läuternd wirken. Herzl war nicht der Führer einer einzelnen Gruppe. Fein Volksführer darf dies sein, ohne sein Volk auf das Schwerste zu schädigen. Der Führer einer Nation soll alle Parteien mit gleichem CDass messen und allen Gruppen gerecht werden. Dur die Verblendung kann behaupten, dass es Parteien im Zionismus gibt, die Herzl als Parteimann für sich in Anspruch nehmen dürfen. Er war nicht nur ein grosser Sohn seines Volkes; er war auch ein Find der neuen Zeit, er wusste, dass die idealen Faktoren im Volksleben mehr sind als Schaum, dass die nationale Wiedergeburt eines Volkes von diesen idealen Faktoren abhangt Das Vertrauen zu der Fraft des Guten, die grossherzige Gesinnung, die eigentümlich weiche Empfindungsweise und seine bewunderungswürdige Selbstlosigkeit bewirkten mit Unwiderstehlichkeit dass diesen edlen und mächtigen Volksführer jeder, der ihn kennen lernte, lieb gewinnen musste. Fein grosser Jude darf sich rühmen heisser geliebt worden zu sein als Herzl. Und nicht bloss seine Gesinnungsgenossen verehrten ihn, nein, alle für Gutes, Edles und Schönes begeisterten Menschen bewunderten seine Tatkraft, seinen Opfermut, seine Weisheit und versanken in Wehmut, als er uns entrissen wurde. Feines modernen Volksführers Bild steht lichter vor den Augen des jüdischen Volkes als das des ersten Zionistenführers Herzl. Der milde Strahl seines Auges und Geistes senkte sich tief in jedes jüdische Herz, vor allem aber in die Herzen der Jugend, die ihre Helden nicht nur mit kalter Bewunderung anschaut, 'sondern mit dem Herzen umfasst und nur denen ihre unbegrenzte Liebe reicht, deren Herzschlag sie vernimmt Die Jugend gibt ihren Idealen die Heldengestalt, die Riesenkraft und das kindlich weiche Gemüt durwahr, ein Held mit dem Herzen eines Findes war Herzl, und darum ruht es auf seinem Bilde noch wie frühlingsduft und Lenzessonne. So lange in der jüdischen Jugend die Lichtgestalten edlen Heldentums angebetet werden, wird Herzls Harne in ihrem Munde nicht verklingen. Aber nicht nur ein Jugendheld war Herzl. Er war für uns alle eine heroische Zeiterscheinung von Ewigkeitswert ln ihm hat unsere Zeit mit sich selbst gekämpft, in dieser grossen Persönlichkeit haben sich ihre ins Grosse gehenden Triebe eine grandiose Schlacht geliefert. Er erscheint als Gewissen der Zeit und als ein wahrhaft tragischer Held. Er steht da als ein antikisch grosser Jude, dessen Geist die Mehrheit unseres Volkes noch nicht gewachsen war, dem sie sich aber immer mehr nähert. Er war ein Unbedingter unter Bedingten. Er war eine Natur von immenser Extensität und Intensität Er hatte einen unhemmbaren Willen zur Wirkung, einen Instinkt für die Begeisterung der Massen und eine Erfindungskraft von unerschöpflicher Fruchtbarkeit für die Anknüpfung von Beziehungen und Zusammenhängen. Er strebte wie mit wilder-Wut — es war das Feuer der Begeisterung, das ihn verzehrte — die jüdische Diaspora zu verändern, sie - umzuformen, sie emporzureissen und einem höheren Leben entgegenzutreiben. Es war ein faustisches Ringen. Herzl verkörperte die Zeit und zugleich etwas über die Zeit Hinausstrebendes. Er lebt fort in den Herzen seines Volkes. Das ist nicht allein so zu verstehen, dass die dankbare Erinnerung an ihn niemals erlöschen wird, sondern so, dass alles, was er Gutes und Grosses gedacht, in den Gedanken anderer wieder aufersteht, dass alles, was er Edles gewollt hat, in den Herzen anderer fortlebt und sie anregt, das zu vollenden, was er begonnen hat Der Wille einer mächtigen Persönlichkeit vermag vieles in der Welt, aber stärker als der Wille des Mächtigsten sind von jeher die Nachwirkungen gewesen, die von Toten ausgingen, die während ihres Lebens sich strebend bemüht haben und nicht allein durch ihre Taten, sondern auch durch ihre Leiden bekräftigen durften, wie tief sie von der Richtigkeit dessen, um das sie sich bemühten, durchdrungen waren. , Dahum Sokolow