Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1914-06-26 · 26 (26.6.1914) · p. 630

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
26 (26.6.1914)
Article
Die neue Wahlkreiseinteilung und die Juden
Date
1914-06-26
Page
630 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3315709-3316625-3316651-3355232--61410-3355319
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

630 Nr. 26 t>IE3§£ELT teilung behalten die Juden ihren Einfluß in dem ihrer Zahl entsprechenden Maße.“ . . . Eine andere Probe: „Der Bericht behauptet, „daß die von Juden bewohnten Bezirke gerade in der Mitte durch eine Scheidelinie getrennt worden sind“. Ja, sollte die Scheidelinie etwa im Zickzack geführt werden, sozusagen um jedes jüdische Haus herum?“ „Wenn der Berichterstatter von den „zumeist aus Galizien und Rußland stammenden Juden“ des (offenbar) VII. Bezirks spricht, so scheint er nicht zu wissen, daß der größte Teil dieser Juden noch keine ungarischen Staatsbürger sind und demnach kein Wahlrecht besitzen; die es aber besitzen, sind bereits assimiliert und zweifellos gar nicht bereit, die Politik des Berichterstatters: „jüdische Majoritäten zu bilden“, mitzumachen.“ Der Ton des Artikels beweist, daß auch der Artikelschreiber dies für ganz sonderbar halten würde. Die Beobachtung unserer ausländischen Gäste, daß sich die meisten hiesigen „Zionisten“ nur ganz unwesentlich von den Assimilanten unterscheiden, erweist sich demnach wieder als richtig. Es herrscht hier leider eine solch’ oberflächlich-seichte Auffassung des Zionismus, und das Verständnis für die Probleme des Zionismus ist noch immer so gering, daß es allzuoft vorkommt’ daß auch „Zionisten“ in vielen Fragen von eminenter Wichtigkeit die assimilatorische Auffassung als für sich maßgebend erachten. Ein zionistischer Gedankengang flößt ihnen — wie wir dies auch bei .dieser Gelegenheit feststellen konnten — Schrecken ein, ganz wie dem waschechten Assimilanten. Das ist der Grund, weshalb es mit dem Zionismus in Ungarn so schlecht bestellt ist. England Der Kampf um die national-jüdische Erziehung (Von unserem Londoner Korrespondenten.) xyz — Seit einigen Jahren wird in London ein heftiger Kampf um die national-jüdische Erziehung geführt, der jetzt merkwürdige Formen angenommen hat. Zunächst gilt es für beide Parteien, das Rabbiner-Seminar, Jews College genannt, zu erobern. Dieses Institut wird seit acht Jahren von dem bekannten jüdischen Gelehrten Professor Dr. Adolph Büchler geleitet. Seine Mitarbeiter sind bedeutende Gelehrte und ausgesprochene Nationaljuden, wie Dr. Daiches und Dr. Marmorstein, die natürlich bestrebt sind, ihren Zöglingen das hebräischnationale Judentum beizubringen. Das Rabbiner-Seminar war eine lange Zeit sehr verwahrlost, da es unter der Aera Adler nur „Ministers“, d. h. Vorbeter und Krankenpfleger, hervorbringen sollte. Der neue Rektor hat das große „Verbrechen“ begangen, neue Methoden und ein neues Programm einzuführen, das den geldgewaltigen und geistesarmen Assimilanten gar nicht paßt. Sie wollen jüdische Geistliche, die sich in nichts von den Dienern der englischen Hochkirche unterscheiden. Sie wissen wohl, daß ein neues, im jüdisch-nationalen Sinne erzogenes Rabbinergeschlecht, wie es die gegenwärtigen Leiter der Anstalt im Auge haben, den Prozeß der „Verengländerung“ aufhalten wird, denn in keinem andern Lande der Welt hat der Geistliche einen solchen großen Einfluß auf seine Gemeinde, wie in England. Um der Gefahr einer vollständigen Judaisierung des Jews College vorzubeugen, wird seit Jahren eine nichts würdige Agitation gegen seinen Leiter und seine Dozenten geführt. Doch Herr Dr. Büchler, ein prinzipienfester Mann, geht weiter seine Wege und setzt es fort, die ihm anvertrauten Zöglinge in seinem Geiste zu erziehen. Da esden Assimilanten unmöglich ist, Dr. Büchler zu einem „Einlenken“ zu veranlassen, wollen sie das Jews College unschädlich machen, indem sie für seine Ueberführung nach Cambridge, dem Zentrum des englischen Klerikalismus und des Sports, agitieren. Dort, so glauben sie, wird Dr. Büchler gezwungen sein, mit dem Strom zu schwimmen, und wenn er hartnäckig bleiben sollte, würde schon die christlich-englische Atmosphäre für eine Verchristlichung und Anglisier u n g der Anstalt sorgen. Glücklicherweise sind die Anhänger der Ueberführung,der Anstalt nach Cambridge in der Minderheit. Die Gegner der Ueberführung, lauter jüdisch-national gesinnte Männer, machen mit Recht geltend, daß London mindestens so viel akademische Bildungsmöglichkeit hat, wie Cambridge, und daß London mit seinen großen jüdischen Massen und großen jüdischen Institutionen den angehenden Rabbinern die Möglichkeit gibt, das Judentum auch von der praktischen Seite kennen zu lernen. Zudem wachsen die Schüler des Jews College in London in einer jüdischen Atmosphäre auf, während dies in Cambridge nicht der Fall sein wird. “Die Assimilanten und Reformer wollen sich aber mit dem status quo nicht aussöhnen, und da es ihnen vor der Hand nicht möglich ist, die Anstalt nach Cambridge zu überführen, wollen sie mindestens in London „den Cambridger Geist“ einführen. Zu diesem Zwecke soll der gegenwärtige Dozent für Homiletik, Dr. Daiches, der sich als Zionist bei den Assimilanten „anrüchig“ gemacht hat, und von dem man glaubt, daß er fanatische Nationaljuden erzieht, ausgeschaltet werden und der Lehrauftrag für Homiletik soll einem wissenschaftlich unbedeutenden, allen assimilatorischen Bestrebungen zugänglichen Manne übertragen werden. Für die assimilatorische Gruppe handelt es ^ich um nichts weniger als um die langsame Umwandlung des College in ein Priesterseminar nach englisch-christlichem Vorbild.. Damit man aber nicht annehme, daß dies lediglich eine Vermutung oder gar eine Verdächtigung ist, genügt es, daran zu erinnern, daß die gleichen Herren mit dem Vorschlag hervorgetreten sind, das Neue Testament als ordentlichen Lehrgegenstand in das Programm der Anstalt aufzunehmen. Die Zukunft des englischen Judentums ist mit der Zukunft des Rabbiner-Seminars verbunden. Jeder Geistliche in England drückt seiner Gemeinde das Siegel seiner eigenen Persönlichkeit auf, und wenn das Jews College statt Rabbiner angechristelte Geistliche hervorbringen wird, geht das englische Judentum einer zweifelhaften Zukunft entgegen. Der Kampf um das Rabbiner-Seminar ist daher ein vornehmlich politischer Kampf, ein Kampf für oder gegen das konservativ-nationale Judentum. Es ist zu hoffen, daß alle national gesinnten Juden in England, die noch glücklicherweise das Gros der englischen Judenheit darstellen, alles aufbieten werden, um das Rabbiner-Seminar, von dem so viel abhängt, in seiner jetzigen Form zu erhalten. Daß der Kampf um das Jews College der schärfste Ausdruck des Kampfes um die national-jüdische Erziehung in England ist, kann man auch aus der Stellung der „Westender“ zu den großen hebräischen Institutionen in Whitechapel ersehen. In diesem Stadtteil von London existieren acht große hebräische Schulen, die viertausend jüdische Kinder beiderlei Geschlechts erziehen. Drei dieser Anstalten sind exklusiv hebräisch, das heißt, die Unterrichtssprache ist Hebräisch. In den andern Anstalten wird entweder eine jiddische oder eine englische Uebersetzungsmethode angewendet, aber dem Geiste nach sind auch sie gute jüdisch-nationale Schulen. Die reichen Westend-Juden führen gegen die hebräischen Erziehungsanstalten einen stillen, aber zähen Kampf. Sie verweigern ihnen jede Unterstützung, obgleich die 100 000 Juden in Whitechapel nur von der offiziellen Schechita ihr Fleisch beziehen und so eine beträchtliche Gemeindesteuer entrichten. Alle Bemühungen der Londoner Hebraisten, eine Aktion zugunsten dieser um ihre Existenz schwer ringenden Talmud-Thoras zu veranlassen, sind resultatlos geblieben. Sowohl die offizielle israelitische Geistlichkeit, wie die reichen Westend-Juden, die für alle englisch christlichem Zwecke stets eine offene Hand haben, halten den Boykott gegen diese Schulen aufrecht. Andererseits geben sie jährlich 100 000 Mark für die „Jewish religion classes“ aus, wo Tausende jüdischer Kinder für die Assimilation und für die Taufe vorbereitet werden. In diesen „Religion classes“

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.