Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 26 (26.6.1914)
- Article
- Judendebatten im Wiener Gemeinderate
- Date
- 1914-06-26
- Page
- 629 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 26 629 DIE^ELT „Gegen eines muß ich mich noch verwahren, daß heute überhaupt noch von jüdischem Großkapital gesprochen wird. Das ist doch heute schon eine Mythe. Von der .Teinfaltstraße bis zur Hohenstauffengasse, rechterHand.linkerHand, alles getauft. Sie können doch nur mehr von getauften Banken sprechen. Es sollte eine eigene Glaubenswechselstube errichtet werden. Revidieren Sie also Ihre Schlagworte, Sie würden sonst der jüdischen Kultusgemeinde das Recht geben, gegen die Bezeichnung „die jüdische Bank“ zu demonstrieren. Man wird bald in die Lage kommen, nicht von jüdischen, sondern von christlichsozialen Banken zu sprechen; daß das gewesene jüdische Banken sind, wird nicht ge- Damit hat Dr. Mittler einen der widerlichsten Auswüchse aufgedeckt: Die Liebedienerei einiger verflossener Großjuden vom Schlage Dr. Sieghardts den Wiener Antisemiten gegenüber und die Skrupellosigkeit, mit der die Christlichsozialen den jüdischen Kleinbürger bekämpfen, den reichen jüdischen Renegaten aber brüderlich unter den Arm fassen. Ungarn Die Autonomiebestrebungen der ungarischen Juden (Von unserem Berichterstatter.) LI. — Die Bestrebungen zur Erlangung einer Autonomie für die ungarischen Juden führten in den letzten Tagen zu einigen interessanten Momenten. Der Initiator der Bewegung, Dr. Adolf Klein, Gemeindepräsident in Szohadka, kündigt für den Herbst mehrere jüdische Volksversammlungen an und betritt damit einen Weg, der uns nur sympathisch sein kann. Der Vorstand der Rester Israelitischen Gemeinde wurde sich nach langem Zögern seiner Pflicht bewußt und beschloß in der Sitzung vom 18. d. M., sämtliche Gemeinden des ^Landes zu einer Landeskonferenz zusammen zu berufen, in welcher über Maßnahmen behufs Sicherung der staatsrechtlichen Verhältnisse der ungarischen Juden Beratungen abgehalten. werden Das zur Vorbereitung der jüdischen Autonomie eingesetzte engere Komitee überreichte am 19. d. M. dem Minister für Kultus und Unterricht, Dr. Bela v. Jankovich, ein Memorandum, in welchem ausgeführt wird, daß die kompetenten staatlichen Faktoren einer entschiedenen Stellungnahme stets mit dem Hinweis aus dem Weg gegangen seien, daß die ^einzelnen Fraktionen der Konfession untereinander nicht einig sind. Diese Auffassung deckt sich aber mit der Sachlage nicht, da die konfessionelle Gliederung bloß äußerlich ist. Ihre historische Einheit ist unberührt und der überwiegende Teil der ungarischen Judenschaft steht jedenfalls auf der Grundlage der historischen Einheit. Die Einheit muß also nicht erst geschaffen werden, sondern sie ist bloß zu schützen und aufrecht zu erhalten da. Das Mittel hierzu ist die Autonomie. Das Memorandum setzt sich des weiteren mit dem Argument auseinander, daß die Gewissensfreiheit ein Hindernis der Autonomie sei, und führt aus, daß die Anhänglichkeit an die traditionellen Formen des religiösen Lebens gewahrt und keinerlei Neuerungen gefordert werden sollen. Das Memorandum bittet nach alledem den Minister, einen Gesetzentwurf zu unterbreiten, der die Regierung anweist, die israelitische Konfession zur Abhaltung eines gemeinsamen Kongresses innerhalb einer bestimmten Frist aufzufordern, mit der Bedingung, daß das von diesem Kongresse geschaffene Normativ der Regierung respektive der Legislative zur Genehmigung unterbreitet werden soll. Minister Dr. v. jankovich erklärte der Deputation folgendes : „Meine Herren! Die endgültige Lösung dieser Frage läge auch im Interesse der Regierung. Es bestehen aber große Schwierigkeiten. Ich glaube nicht, daß sich das Judentum, das, wie die Entwicklung zeigt, sich durch soviele Tausende von Jahren einheitlich erhalten hat, jetzt spalten wird. , Ich weiß wohl, daß es Schwierigkeiten gibt, die die konfessionelle Frage berühren und die endgültig zu entscheiden ich mich als Organ der .Regierung nicht berufen fühle. Es handelt sich um eine sehr heikle Sache. Es ist das Grundprinzip des Liberallsmus, in solchen Fällen nicht mit einem Zwang zu beginnen. Insoferne aber diesbezüglich eine Einigung zustande käme, gäbe es in der Sache selbst keine Schwierig- Icelten.“ Die neue Wahlkreiseinteilung und die Juden 1.1.— Budapest: Unser Bericht über die neue Wahlkreiseinteilung in der „Welt“ vom 1. Mai d. J. verursachte hier in gewissen nichtzionistischen und zionistischen Kreisen eine Erregung, die uns zwingt, auf diese Angelegenheit zurückzukommen. Wir bewiesen an der Hand konkreter Beispiele, daß die Absicht, die Bildung jüdischer Majoritäten unmöglich zu machen, mit solcher Deutlichkeit zutage trete, daß sie unmöglich wegdisputiert werden kann. Das Fazit ist, daß die Möglichkeit der Interessenvertretung unserer Judenschaft von 200 000 Seelen im Keime erstickt wird. Die Indolenz der Judenschaft brandmarkten wir mit dem scharfen Worte: „politisch unreif“. Wir unterzogen unseren Bericht nochmals Wort für Wort einer strengen Untersuchung und fanden, daß von alldem, was wir dort sagten, mit gutem Gewissen keine einzige Silbe zurückgenommen werden kann. Im Gegenteil! Wir müssen Unseren Bericht in gewisser Hinsicht noch ergänzen. Die öffentliche Meinung fängt jetzt an, sich mit der neuen Wahlkreiseinteilung in der Provinz zu beschäftigen und es wird nun offenkundig daß die Regierung — welche die neue Wahlkreiseinteiulng im Verordmmgswege ins Leben treten ließ. — die Judenfrage dabei durchaus nicht außer acht ließ. Auch in den Provinzstädten wurden unförmige Wahlkreise geschaffen, die einzelnen Stadtteile zwischen den Wahlbezirken etwa so verteilt, wie die weißen und schwarzen Felder auf dem Schachbrett, merkwürdigerweise, — bemerkt ganz zutreffend das Organ der ungarischen soziologischen Gesellschaft „Huszadik Szazad“ — wurden die Stadtteile, in denen eine kompakte orthodoxe Judenschaft wohnt, den Bezirken zugeteilt, wo die Regierungsmajorität als gefährdet erschien . . . Die Wahlgeometrie war also auch in den Provinzstädten auf die Juden bedacht und sorgte dafür, daß die biederen Provinzorthodoxen auch weiterhin — „Stimmvieh“ bleiben. Die Absicht ist dabei ebenso klar und deutlich, wie die Absicht, in Budapest jüdische Wahlmajoritäten zu vereiteln. Unser Bericht brachte nun die assimilatorischen Pressehäuptlinge in helle Wut. Ohne auch nur mit einem einzigen Worte auf das Meritum der Sache einzugehen, wurde das sattsam bekannte Gefasel von der „Rückkehr zum Ghetto“ in unzähligen Variationen neu aufgetischt. Weit mehr Beachtung müssen wir leider der Ängstlichkeit und der Erregung schenken, die sich in gewissen zionistischen Kreisen bemerkbar machte. Als ein Symptom mag dafür ein Artikel gelten, den ein einstiger Zionistenführer, der sich später von der Bewegung loslöste, dann sich wieder dem „Misrachi“ anschloß, und jetzt Misrachiführer ist, vom Stapel ließ. Er wirft uns Uninformiertheit vor — ein Vorwurf, über den sich Ihr Berichterstatter ohne Selbstüberhebung dennoch erhaben fühlt — ferner eine tendenziöse Darstellung. Man mochte glauben, daß nun eine sachliche, akten- und datenmäßige Entkräftigung folgt. Nein! Wir bekommen als Antwort folgende Gedankengänge: „Die ungarische Regierung . . . war gar nicht berechtigt, die Bezirke so zu teilen, daß in der einen oder anderen Hälfte die Juden oder Nichtjuden die Majorität haben sollen. Hätte sie das getan, dann hätte man behaupten könen, sie habe damit beabsichtigt, den Einfluß der Juden aus einzelnen Bezirken zu eliminieren. Gerade durch die vorgenommene Ein-