Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 26 (26.6.1914)
- Article
- Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums
- Date
- 1914-06-26
- Page
- 628 (sequence 1)
- Language
- German
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628 DIE2§KELT Nr 26 WELTCHRONIK ß Deutschland Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums Am 3. und 4. Juni fand in Frankfurt und,Worms die Tagung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums! statt. Vor der eigentlichen Tagung trat der Ausschuß der Gesellschaft zu einer Sitzung zusammen, über die wir folgenden Bericht erhalten: Die Beratungen des Ausschusses galten hauptsächlich den wissenschaftlichen .Unternehmungen der Gesellschaft; Herr Dr. Brann, Breslau, legte die ersten Aushängebogen des ersten Bandes der Germania Judaica vor, Herr Professor D r. P o r ge s, Leipzig, die Biographie und die Bibliographie des verstorbenen Meir Friedmann, Wien, welche dem von ihm selbst noch gedruckten Teile seines Sifrakommentars vorangegeben werden. Es wurde außerdem berichtet, daß der zweite Band des Maimonides-Werkes, desgleichen der zweite Band der Wirtschaftsgeschichte von Georg Caro sowie das letzte Werk des heimgegangenen Wilhelm Bacher, Tradition und Tradenten, binnen kurzem herausgegeben werden würden. Der Ausschuß bewilligte sodann, wie in früheren Sitzungen, eine Reihe von Subventionen für wissenschaftliche Werke. Deutsche Schiffahrtsgesellschaften und jüdische Auswanderer In Hamburg fand eine Zusammenkunft einiger Vertreter russisch-jüdischer Auswanderungsgesellschaften und der deutschen Schiffahrtsgesellschaften statt. Nach längeren Verhandlungen versprachen die Vertreter der Schiffahrtsgesellschaften unter anderm, auf den Kontrollstationen für Auswanderer Synagogen zu errichten und dort Avise über den augenblicklichen, Wert russischen Geldes und die Preise der Fahrkarten in russischer und jiddischer Sprache anzubringen. Außerdem sollen die Vertreter der Auswanderunggesellschaften jederzeit freien Zutritt zu den Kontrollstationen haben, die Auswanderer, die alle Formalitäten erfüllt haben, sollen die Erlaubnis bekommen, von den Kontrollstationen fernzubleiben, und die Regierung soll ersucht werden, den Auswanderern statt der Wagen vierter Klasse solche dritter Klasse zur Verfügung zu stellen. Oesterreich Die dementierte Aufhebung des Waidhofener Beschlusses (Von unserem Berichterstatter.) a.- Die Nachricht, daß die deutsche Studentenschaft aufhören will, einem ganzen Volke die Ehre abzuschneiden, bewahrheitet sich nicht, und die Behauptung der Wiener Blätter, die österreichischen Burschenschafter hätten zu Pfingsten in Marburg beschlossen, künftighin nicht mehr jedermann für „der Ehre bar" zu erklären, den eine jüdische Mutter geboren hat, wird energisch dementiert. Es ist lediglich den führenden Helden der „Deutsch-arischen akademischen Bürger .Schaft" in Marburg nicht gelungen, eine Verschärfung des Waidhofener Standpunktes durchzusetzen und alle deutschnationalen Studenten zur Anerkennung des säubern Prinzips bedingungslos zu verpflichten. Indem wir dies mitteilen, beeilen wir uns, festzustellen, daß es sich uns nie und nimmer darum gehandelt vhat, die bierehrlichen Pauschalverleumder etwa umstimmen zu wollen. Der jüdische Mann hat für dieses Gelichter nichts übrig als Verachtung und die Hundepeitsche. Der Kampf gegen das Waidhofener Prinzip wird nicht geführt, um seine Bekenner eines besseren zu belehren. Es ist ein Kampf gegen die Senate der Universitäten, die diese niederträchtige Verunglimpfung der ihnen anvertrauten Söhne des jüdischen Volkes dulden und durch ihr Verhalten fördern, es ist ein Kampf gegen die Gerichts-Behörden, welche meistens in dieser Beschimpfung eines ganzen Staatsvolkes keine persönliche Beleidigung erkennen. Dieser Kampf, den die jüdische Studentenschaft, gestützt auf die bewußte jüdische Oeffentlichkeit, führt, wird mit aller Tatkraft fortgeführt werden, bis sich die Behörden an die ihnen durch die Staatsgrundgesetze auferlegten Pflichten erinnern und d'» Herren „Waidhofener" in die Schranken weisen. Anläßlich der falschen Meldung von der Aufhebung des Waidhofener Prinzips hat wieder die von Juden geschriebene Wiener „A rbeiterzeitu ng" gezeigt, daß sie bezüglich der Judenfrage das reaktionärste und verlogenste Blatt Oesterreichs ist. Selbst dieser Anlaß war den roten Assimilanten nicht zu schlecht, um ihr Mütchen an den verhaßten Zionisten zu kühlen, die ihnen das Leben in der,national-deutschen Sozialdemokratie sauer machen. Ehe freche Behauptung, daß erst auf Grund des Waidhofener Prinzips „ein jüdischer Nationalismus entdeckt wurde", und der charakterlose Zynismus, mit welchem die Ehrloserklärung eines Volkes vom Standpunkt des „harmlos-blutigen Gesichterzerkritzelns" beurteilt wird, stehen mit der Gesinnung der Waidhofener auf der gleichen Stufe. Judendebatten im Wiener Gemeinderate a.- Anläßlich der Budgetberatung im Gemeinderate muß die Judenfrage berührt werden, weil doch der Stadtrat laut christlich-sozialen (Beschlusses „judenrein“ bleiben muß, den jüdischen Steuerträgern die Erwerbung des Bürgerrechtes und Heimatsrechtes furchtbar erschwert wird und die schikanöse Verwaltungspraxis gegenüber den Juden jährlich roher wird. Die jüdischen Gemeinderäte waren, wie immer, recht kleinlaut in ihrem Proteste. Der jüngste jüdische Stadtvater, Herr Dr. Löwenstein, beispielsweise, wagt das Wort Jude nicht in den Mund zu nehmen und säuselt immer von („einer gewissen KIasse von Aerzten", die man von den Spitälern ausschließt. Damit ihm aber sein jämmerlicher Protest nicht verübelt wird, verband er ihn mit einem Kniefall vor (dem Antisemiten Bielohlawek, und Herr Dr. Schwarz- Hill e r entschuldigte sich förmlich, daß er jedes Jahr die gleiche Beschwerde über die Behandlung jüdischer Bewerber ums Heimatrecht führe. Einen Lichtpunkt bildete die Rede des jüdischen deutschliberalen Gemeinderates, Dr. Mittler, der offenherzig denjenigen jüdischen Gemeinderäten die Leviten las, welche mit denselben antisemitischen Gemeinderäten bei Banketten zusammensitzen, die ihre Ebenbürtigkeit bestreiten und sie nicht in den Stadtrat hineinlassen. Zum ersten Male ist auch ein assimilatorischer Gemeinderat derart offen gegen die Täuflinge aufgetreten. Mit seinem Humor riet er dem Bürgermeister, in Wien eine „Glaubenswechselstube" zu etablieren, und zerstörte das Schlagwort von dem „jüdischen Großkapital“: > 9999999999999999999991