Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 25 (19.6.1914)
- Article
- Die V. Jugendkonferenz der Poale-Zion
- Date
- 1914-06-19
- Page
- 612 (sequence 2)
- Language
- German
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612 Nr. 25 DIE3§gELT Die agitatorische Tätigkeit war eine sehr rege. Neben einer ganzen Reihe von einzelnen Versammlungen mit Referenten des Zentralkomitees wurden im Mai 1913 in 16 Städten Versammlungen und Demonstrationen für die Gevverbeschulreform, im Dezember 1913 eine große Agitationswoche in fast allen Städten durchgeführt, zu welcher ein spezielles Flugblatt in 5000 Exemplaren herausgegeben wurde. Außerdem wurde eine überaus große Zahl von lokalen Versammlungen, Fach- und Maiversammlungen abgehalten. Die Bildungsarbeit wird durch die folgenden Ziffern illustriert: In allen 13 Organisationen, die den Fragebogen des Landeskomitees beantwortet haben, bestanden Kurse für Jüdisch mit 915 Teilnehmern, 10 Kurse für 'Polnisch mit 188 Teilnehmern, 7 Kurse für Deutsch mit 97 Teilnehmern, 8 Kurse für Rechnen mit 194 Teilnehmern, 7 Kurse für Naturwissenschaft, 6 Kurse für Spezialökonomie, 5 Kurse für jüdische Geschichte, je 1 Kursus für Geschichte und jüdische Literatur. In den 13 Städten wurden im Laufe der Berichtsperiode (2 Jahre) 458 Vorträge, 429 Vorlesungen, 376 Diskussionen, 191 literarische und Unterhaltungsabende (in 11 Städten) abgehalten. In denselben Orten bestanden 10 eigene Bibliotheken mit 3346 Büchern, eine Bibliothek gemeinsam mit den Poale Zion mit 950 Büchern. Die „Jüdische Arbeiterjugend“ konnte mangels eines entsprechenden Redakteurs längere Zeit nicht erscheinen. Seit einigen Monaten erscheint das Blatt wieder regelmäßig. Physische Erziehung: In 8 Städten bestanden Fußballmannschaften mit 188 Mitgliedern, in drei Städten Turngruppen mit 101 Mitgliedern, 2 Skaulgruppen mit 35 Mitgliedern. Im Laufe der Berichtsperiode sind 354 Ausflüge unternommen worden. In den erwähnten 13 Städten gehörten 166 Mitglieder gleichzeitig der poale-zionistischen Partei an, 53 Mitglieder sind dem jüdischen Handelsangestellten- und Privatbeamtenverband, 35 den Wiener Zentralverbänden beigetreten. Nach einer längeren lebhaften Debatte wurde dem abtretenden Zentralkomitee das Absolutorium erteilt. Nachmittags referierte Locker über die Kultur- und Bildungsarbeit. Nach längerer Debatte wurde eine Resolution angenommen, in welcher der von der IV. Konferenz beschlossene Arbeitsplan bestätigt und die Einsetzung eines Zentralbildungsausschusses beschlossen wurde, der die Aufgabe hat, die gesamte Bildungsarbeit zu leiten, die Redaktion der „Jüdischen Arbeiterjugend“ zu überwachen, Dispositionen für Vorträge und Vortragszyklen und Programme für Arbeiterfeste herzustellen,. Broschüren und Hilfsbücher für die Kultur- und Bildunorsarbeit herauszugeben, mit Buchhandlungen, Verlagen und Bildungsinstitutionen in Verbindung zu treten, eine Wanderbibliothek zu schaffen, eine Schriftenabteilung mit Bücherkarte zu gründen, für die Heranbildung von geschulten Kursleitem zu sorgen. Ohne die sonstigen Gebiete der Erziehungsarbeit zu vernachlässigen, haben die Organisationen den Kampf gegen den Alkoholismus intensiver zu führen und zwischen den erwachseneren Mitgliedern auf gewerkschaftliche Erziehung und sexuelle Aufklärung besonderes Gewicht zu legen. Abends fand ein gelungener Kommers statt. Am 31. Mai, vormittags, referierte Honig (Tarnowitz) über Agitation. Es wurde die Gründung von lokalen und Kreisagitationskomitees und die Schaffung eines Agitationsfonds beschlossen. Ueber die physische Hebung der jüdischen Arbeiterjugend referierte Kenner. Es wurde beschlossen, die Sport- und Tumbew'egung auszubauen und zu diesem Zwecke ein spezielles Ressort im Zentralkomitee ins Leben zu rufen. Das Zentralkomitee wurde beauftragt, mit dem jüdischen Turnverbande Galiziens zwecks Erreichung günstiger Bedingungen für den Eintritt in die Vereine derselben, insbesondere Berücksichtigung der jüdischen Sprache, in Verhandlungen einzutreten. Hierauf referierte Laub über Presse, Tunis über Organisation. Von den zu diesen Punkten angenommenen Beschlüssen seien erwähnt: Die Legalisierung der Organisation als „Verband der jüdischen jugendlichen Arbeiter Oesterreichs“, die Ueberwachung und Erleichterung des Eintritts der Mitglieder in die Gewerkschaften, Schaffung spezieller Preßkommissionen, Herausgabe spezieller Agitationsnummem. Nach Schlußreden von Kenner, Buxbaum und Locker wurde die arbeitsreiche Konferenz unter Absingung von Liedern und Hochrufen geschlossen. Abends fand dann noch im herrlichen Saale des „Teatr maly“ ein gelungener Festabend statt. Ueber „10 Jahre Jugendbewegung“ sprach Locker, Prof. Ehrlich trug unter Begleitung des Herrn Tennenbaum einige seiner schönen Kompositionen vor, der Schauspieler Herr Glimmer las Arbeiterlieder. Den Glanz- und Schlußpunkt des Abends bildeten die turnerischen Vorführungen der Lemberger Jugendtumgruppe. Frankreich Pariser Gemeindeleben (Von unserem Pariser Berichterstatter.) b. .— Am 24. Mai fand die Generalversammlung der Kultusgenossenschaft statt. Etwas über 100 Mitglieder wohnten der Versammlung bei, der Baron E. von Rothschild präsidierte. Der Rechenschaftsbericht erwähnte, daß nach langen Verhandlungen die russische Regierung versprochen hat, ihren ausländischen Vertretern Kronrabbiner beizuordnen, welche bei den ausgewanderten Juden die standesamtlichen Funktionen wahrnehmen sollen; hiermit wäre endlich einem unhaltbaren Zustande ein Ende gemacht. Die Einnahmen im Berichtsjahre beliefen sich auf 898 764 Francs, denen an Ausgaben 847 913 Frcs. gegenüberstehen, so daß ein Ueberschuß von 51 000 Frcs. verbleibt. Wenn demnach die finanzielle Situation auch günstig erscheint, so war die Warnung des Schatzmeisters vor übertriebenem Optimismus durchaus am Platze; er wies auf die nicht nur vom finanziellen Standpunkte ernste Erscheinung hin, daß die Zahl der Mitglieder wie die Höhe der Beiträge seit einigen Jahren langsam abnehme; die regelmäßigen Beiträge beliefen sich nur auf ca. 350 000 Frcs. Es versteht sich unter diesen Umständen von selbst, daß trotz der außerordentlichen Subventionen der Familie Rothschild das Gleichgewicht des Budgets nur dadurch erzielt werden konnte, daß sich die Gemeinde allen Aufgaben, die eine jüdische Großgemeinde neben den eigentlichen Kultusangelegenheiten auf sich nehmen sollte, auf strengste verschließt. Bezeichnend ist, daß das „Office Central de Philanthropie israelite“, eine Gründung des Konsistoriums, auf der Generalversammlung mit keinem einzigen Wort erwähnt Nach einer kurzen Ansprache Baron Rothschilds wurde die Sitzung geschlossen. Eine Diskussion fand nicht statt. Wozu auch? Die Generalversammlung ist ja nicht dazu da, die ernsten Probleme einer 120 000 Seelen zählenden jüdischen Bevölkerung zu erörtern . . . In derselben Woche wurde das neue Rothschild- Hospital in feierlicher Weise eingeweiht. Es besteht hier seit Jahrzehnten bereits ein jüdisches Krankenhaus, das seine Existenz der Freigebigkeit des Barons James von Rothschild verdankt. Infolge der ständigen Zunahme der jüdischen Bevölkerung, namentlich der mittellosen Schicht, ist dasselbe seit langem unzulänglich. Obwohl die Betten in einem mit guten hygienischen Prinzipien kaum zu vereinbarendem Maße zusammengerückt wurden, mußten fortwährend Kranke abgewiesen werden. Baron Rothschild hat sich daher entschlossen, ein neues größeres Hospital zu errichten. Der Bau, nach den Plänen des Architekten Bechmann errichtet, umfaßt 13 getrennte Pavillons. Er übertrifft, was die hygienischen Anforderungen anbelangt, alle Krankenhäuser in Paris, auch die allerneuesten, sowie die meisten Anstalten in der Provinz. Der Einweihungsfeier, die man mit liturgischen Formen umgab, wohnten u. a. der Minister der öffentlichen Arbeiten sowie der Präsident des Seine-Departements bei. Mit dieser neuen Schöpfung hat Baron Rothschild der langen Kette seiner Wohltäter. ein kostbares Glied zugefügt. Türke! Judenfeindliche Kundgebung in Yemen Der Großrabbiner von Konstantinopel hat Berichte erhalten, daß die Araber in Sana, das in einer jemenitischen Provinz Arabiens liegt, Angriffe auf die friedliche jüdische Bevölkerung unternehmen. Die Juden wurden auf die Straße getrieben, ihre Häuser geplündert, und mehrere Synagogen zerstört.