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Die Welt · 1914-06-19 · 25 (19.6.1914) · p. 611

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
25 (19.6.1914)
Article
Die Gerichtsverhandlungen gegen die "Waidhofener" und ihre Wirkungen
Date
1914-06-19
Page
611 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 25 DltMELT 611 lIIIIIIIIII»IIIIlIIIIIl»»IIMIIIlIII»»«IIlI»»IlII»IUIIIIIIIII»IIIIII„„IIII,II!lIII»»IIIIII„IIIMIIIUI„ WELTCHRONIK iiiimiminiiiiimmmmmiinmmmimii! Oesterreich Die Gerichtsverhandlungen gegen die „Waidbofener“ und ihre Wirkungen (Von unserem Berichterstatter.) a. i— Unter diesem Titel behandelten wir in der „Welt“ vom 17. April er. die Stellungnahme der antisemitischen Oeffentliehkeit gegenüber den zahlreichen Fällen der Verurteilung jener Ehrabschneider, welche mit Berufung auf das „Waidhof ener Prinzip“ die Juden als von Geburt aus ehrlos erklären und ihnen Genugtuung für angetane Beleidigung verweigern. Wir verwiesen auf judenfeindliche Stimmen, welche von „mangelnder richterlicher Objektivität“, von „juristischen Ungereimtheiten“ zu sprechen begannen und damit drohten, die deutscharische Bevölkerung werde über eine Bevorzugung der Juden Beschwerde führen. Unsere Hasser werden nunmehr mit den Gerichten zufrieden sein. Der Wiener Bezirksrichter Dr. Ritter v. Hellmer ging gegen einen „wohlhonorigen“ akademischen Bürger, der einen Juden gröblich beleidigt hatte, und, als ihn dieser zur Rechenschaft ziehen wollte, sich auf das „Waidhofener Prinzip“ berief, mit dem Freispruche von der „hierdurch angeblich zugefügten Beleidigung“ vor — trotzdem der Angeklagte 1 ausdrücklich erklärte: „Ich habe ja schon beim militärischen Ehrenrat zur Rechtfertigung meines Vorgehens auf den Waidhofener Beschlußhinge w i e s e n. Ich stehe auf dem Standpunkte, von einem Juden weder Genugtuung zu verlangen, noch einem Juden Genugtuung zu geben!“ Das ist die neueste Wirkung der Prozesse gegen die „Waidhofener“: Der Beleidiger beruft sich dem Richter gegenüber frech auf jenen Beschluß, der jedem Menschen die Ehre abspricht, welchen eine jüdische Mutter geboren hat — und verläßt triumphierend als Freigesprochener den Gerichtssaal. Der Jude erfährt aber vom Richter, daß „der inkriminierte, von den Angeklagten auch zugegebene Sachverhalt nach Ansicht des Gerichts überhaupt nicht den Gegenstand einer Ehrenbeleidigung beinhalt e“. Die Berufung auf das Prinzip, daß jeder Jude „der Ehre bar“ ist — keine Ehrenbeleidigung! Eine derartige Judikatur sollte einmal gegen einen Tschechen, Ruthenen oder Südslawen verbrochen werden und man würde sehen, welche ungeheuren, innerpolitischen Folgen dieses Anerkenntnis der schmählichen Verunglimpfung eines ganzen Staatsvolkes nach sich ziehen würde. Aber im jüdischen Volke bleibt es still . . . Die „Wiener Sonn- und Montagszeitung“ bemerkt zu diesem. Rechtsspruche: „Dieses im höchsten Grade angreifbare richterliche Urteil ist doppelt gefährlich, erstens weil es den Beleidigten dazu zwingt, sich selbst Gerechtigkeit und Sühne zu verschaffen, und dann, weil es diesem widerlichsten Auswurf deutschen Studententums für seine gemeine und feige Hinterhältigkeit auch noch Straflosigkeit zubilligt. Gewiß darf man diese Bürschchen nicht ernst nehmen, aber irgendwie müssen auch wutverdächtige Hunde unschädlich gemacht werden; entweder mit dem staatlichen Maulkorb oder mit der privaten Peitsche.“ Bosnisches Judentum a. t— Die 12000 Juden in den Annexionslandem Bosnien- Herzegowina bewähren sich als ein volkstreues nationaljüdisches Element. Das haben sie schon im Jahre 1009 bewiesen, als es ihnen gelungen ist, die jüdische Kurie durchzusetzen. Sie haben im bosnischen Landtage ihre eigenen nationalen Vertreter. Anläßlich der jüngsten Inspektionsreise des bosnischen Landeschefs wurde er im Tempel der Stadt Banjaluka von Herrn Rabbiner Dr. Keller mit einer bemerkenswerten von nationalem Geiste getragenen Rede begrüßt. Herr Dr. Keller sagte unter anderem: „Wenn jemand in diesen Ländern etwas leisten will, wenn er sonst dazu die persönliche Eigenschaft besitzt, muß er nicht zuerst eines gewaltigen Treubruches sich schuldig machen, muß er nicht zuerst sein Volk verlassen, den Glauben seiner Väter verleugnen.“ Der Landeschef, Exzellenz Potierek, erwiderte: „Seien Sie versichert, Herr Rabbiner, daß es ganz so ist, wie Sie gesagt haben und gebe Gott, es soll in der Zukunft immer so bleiben.“ Man sieht, die politische und nationale Selbständigkeit der bosnischen Juden hat ihrem Ansehen nur genützt, ihr Verhältnis zu den anderen Nationen des Landes geklärt, die Gesamtentwicklung in dieser jüngsten Provinz des Reiches gefördert. Galizien Die V. Jugendkonferenz der Poale-Zion (Von unserem Berichterstatter.) b. 1. — Im schön dekorierten „Sitsch“-$aale in Lemberg fand am 30. und 31. Mai und 1. Juni die fünfte Konferenz der jüdischen jugendlichen Arbeiterorganisation „Jugend“ statt. Es waren 51 Delegierte aus 20 Organisationen, 6 Mitglieder des Zentralkomitees und 5 Vertreter von Bruderorganisationen er- schienen. Am 30. Mai vormittags fand anläßlich des zehnjährigen Jubiläums der Jugendbewegung eine feierliche Festsitzung statt, in der der Obmann des Zentralkomitees Tunis über die Geschichte und Erfolge der Bewegung sprach. Außerdem wurden einige Begrüßungsreden gehalten. Die Kon-; ferenz selber wurde um 5 Uhr nachmittags durch Tunis eröffnet, der die Aufgaben der Konferenz besprach und die Vertreter der Bruderorganisationen herzlich begrüßte. Für das Verbandsbureau des allweltlichen jüdischen soz. Arbeiterverbandes „Poale Zion“ und für die Exekutive der österreichischen Partei begrüßte die Konferenz Herr Rosenfeld, für die Redaktion des „Jüdischen Arbeiters“ Herr Locker, für den Handelsangestellten- und Privatbeamtenverband Herr Kandel, für den Verband poale-zionistischer Akademiker Herr Dr. Sternberg, für das Zentralkomitee der jüd. soz. stud. Jugend „Poale Zion“ Herr Wahl, für die Lemberger Organisation Herr Freund. Ins Präsidium wurden gewählt: Kenner, Tunis, Freund (Lemberg). Mayer (Wien), Honig (Tamow), Silberstein Am 31. Mai vormittags ergänzte Laub den schriftlichen Bericht des Zentralkomitees. Wir entnehmen diesem Berichte folgende interessante Einzelheiten. Krise, Kriegsgefahr und Auswanderung blieben nicht ohne Wirkung auf die Jugendbewegung. Dazu mußten einige Mitglieder des Zentralkomitees, darunter der Redakteur des Organs, Lemberg für längere Zeit verlassen, so daß es im Zentralkomitee an Kräften mangelte. Doch hat die Bewegung nur wenig Schaden gelitten und gerade in dieser, schweren Zeit ihre Lebensfähigkeit glänzend bewiesen. Die Organisation besteht gegenwärtig aus 23 Vereinen, darunter 2 in Wien, 10 in Westgalizien, 9 in Ostgalizien und 2 Vereinen jugendlicher Arbeiterinnen. Außerdem bestehen kleine Gruppen in mehreren Orten Galiziens und der Bukowina. Die Zahl der Mitglieder beträgt etwa 1500. Von 737 Mitgliedern, die ihr Fach angegeben hatten, waren 363 Handelspraktikanten, 8 Schneider, 36 Metallarbeiter, 31 Bureaupraktikanten, 29 Schuhoberteiler, 20 Kürschner, der Rest verteilte sich auf Kappenmacher, Bäcker, Maler, Kellner, Weber, Schuster, Buchbinder usw. Von 918 Mitgliedern, die ihr Alter angegeben hatten, waren 405 zwischen 14 und 16 Jahren, 513 über 16 Jahren. 020002010102000023020123230002010202000023

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