Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 24 (12.6.1914)
- Article
- Ein Brief Theodor Herzls an Dr. H. Hildesheimer, Berlin
- Date
- 1914-06-12
- Page
- 587 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 24 587 D!E3^ELT dem Belieben vereinzelter Personen — wie gutwillig diese auch seien — entrückt sein. Es muß ein Forum entstehen, vor dem jeder für das, was er in der Judenfrage thut und läßt, zur Rechenschaft gezogen werden kann. Dem wird sich kein redlicher Mann widersetzen.“ Ich bitte, mich nicht mißzuverstehen. Ich citire das nicht in tückischer Absicht für die Bedürfnisse meiner heutigen Polemik, sondern um darzulegen, wie geringfügig unsere Differenz war, wie ich annehmen durfte, daß Sie mit solchen Selbstverständlichkeiten, die eigentlich nur für die Fassungskraft einfacher Leute gedacht und gesagt waren, einverstanden wären. Zu dem konnte ich mindestens bis zu der von Ihrer Seite vorgeschlagenen Zusammenkunft in Prag annehmen, daß wir d’accord seien. Wenn ich seither und bis zur Veröffentlichung Ihrer Absage vielleicht einem halben Dutzend Personen, denen ich zufällig schrieb, die gedruckte Voranzeige mitschickte, so kann glaube ich von einer „trotzdem“, also mala fide geschehenen Versendung der Vorankündigung, worunter man eine massenhafte Expedition verstehen könnte, nicht gut die Rede sein. In einzelnen dieser Briefe habe ich geradezu auf die aufgetauchte geringfügige Differenz hingewiesen. Ich fasse den ganzen Zwischenfall. so auf, daß Sie Rücksichten zu nehmen haben, die für mich nicht existieren. Ich bin der Erste, der Ihre Entschlüsse respectiert, als die eines Mannes von bekannter Selbstlosigkeit und bewährtem Eifer für die Judensache. Wir wollen einander ja nicht heruntermachen, auch wenn wir im Einzelnen verschiedener Ansicht sind. (Bis hier diktiert. Nun eigene Schrift.) Der Congreß findet statt. Das ist jetzt die Hauptsache und dabei bleibt es. Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ganz ergebener Dr. Theoder Herzl. Die Ausgrabungen in Palästina Von Dr. Rudolf Leszynsky (Schluß.) Die hellenistische Zeit. Bald nach der Rückkehr der Juden aus dem babylonischen Exil beginnt die Zeit, da das Griechentum anfängt mehr und mehr seinen Einfluß in Palästina geltend zu machen, bis zuletzt, mit Alexander dem Großen, das Land auch politisch in die Hände der Griechen fällt und die große Mischkultur aufkommt, die wir den Hellenismus nennen. Von dieser Zeit sind uns in Palästina eine Fülle von großen, und wichtigen Denkmälern erhalten und zum großen Teit durch die Ausgrabungen ans Licht gezogen worden. Für die Palästina- Archäologie ist es die große Zeit, in der sie aus dem Vollen schöpfen kann, und es ist kaum möglich, im Rahmen einer kurzen Besprechung eine Anschauung von dem reichen Tatsachenmaterial zu geben, das wir in der neueren Zeit gewonnen haben. Der Hellenismus bringt einen Umschwung der ganzen Verhältnisse mit sich. An die Stelle der alten Ansiedlungen mit ihren Hütten und engen gekrümmten Straßen, wie wir sie beschrieben haben, setzt er moderne griechische Städte, mit breiten geraden Straßen, mit prächtigen Gebäuden und Säulenhallen. Aus der Zeit des Herodes sind uns eine ganze Reihe von hervorragenden Denkmälern erhalten: Tempel und Theater. Was von dem alten Tempel zu Jerusalem noch vorhanden ist, stammt aus dieser Zeit, und der Palästina- Reisende sieht heute noch mit stummer Ehrfurcht, die eine Säule, die für den Tempel bestimmt, vorzeitig geborsten, unvollendet liegen geblieben ist und sich nun in russischem Besitze befindet. Wie zwei Vorposten griechischer Kultur ragen im Norden und Süden Palästinas die Tempel von Baalbek und Petra, Wunderwerke spätgriechischer Kunst, sicherlich einmal dazu bestimmt, einen Strom von Fremden anzulocken. Auch Palästina selbst bietet dergleichen Denkmäler, wie den Artemistempel von Gerasa und die Säulen von Samarien. Auch echtjüdisches hat sich erhalten: die Sy - nagoge in Galiläa, die man in das zweite bis sechste nachchristliche Jahrhundert setzt, mit ihrem reichen Skulpturschmuck, der nicht einmal vor bildlichen Darstellungen zurückgeschreckt, die reichverzierten Gräber, die sich besonders bei Jerusalem finden. Die Wasseranlagen dieser Zeit, z. B. die sogenannten salomonischen Te iche mit ihren Kanälen, die nach Jerusalem führten, Wasserleitungen in der Jordanebene, von denen noch Teile der Aquädukte erhalten sind, die Römerstraßen, von den Legionen gebaut, deren Züge wir noch heute verfolgen können, erzählen uns von dem, was eine hochstehende Kultur aus Palästina machen konnte. Eine Fülle von wichtigen Inschriften erweitert unsere Kennntnis von der jüdischen Geschichte und beleuchtet die ganze Zeit. Da ist zunächst „der Mesastein“ der hellenistischen Zeit, die Inschrift aus dem Tempel in Jerusalem, die in griechischer Sprache den Fremdling verwarnt, näher heranzukommen, da ihn sonst der Tod ereilen könne» Eine ganze Reihe von Inschriften erzählt uns von der Familie des Herodes. Die Grabinschriften bieten eine Fülle des interessantesten Materials. Zunächst nur Sätze allgemeinen Inhalts: „Das ist das ewige Haus“, „Niemand ist unsterblich“, geben sie nachher auch die Namen der Verstorbenen. Die bespräche wird mehr und mehr zurückgedrängt. Neben Grabmälem, die den Namen des Verstorbenen in griechischer und hebräischer Schrift geben, finden sich solche, in denen nur das hebräisch geschriebene Schalom oder jüdische Symbole wie Palmzweige den Gräbern einen jüdischen Charakter geben. Die Gräber einer ganzen Kolonie ägyptischer Juden finden wir in Jaffa, sie gehören anscheinend den ersten nachchristlichen Jahrhunderten an und weisen darauf hin, daß es schon damals religiöse Sitte war, sich im Lande der Väter begraben zu lassen. Aus weit älterer Zeit stammt das Grabmal der „Königin Sadda“, in der man die bekannte zum Judentum übergetretene Helenavon Adiabene wiederzufinden glaubt. Auch die nicht jüdischen Gräber und Funde bieten viel interessantes,, beleuchten sie doch das Milieu, in dem sich die Juden bewegten. Berühmt sind die Gräber von Marissa wegen des bunten Tierfrieses, mit dem die Wände bemalt sind. Die dortigen Inschriften zeigen, wie der Volksstamm der Idumäer mehr und mehr von der hellenischen Kulturm umgarnt wird und die heimische Sprache und die Namen der Väter ablegt, um sie mit der griechischen zu vertauschen. Eine entsprechende, nur noch merkwürdigere Mischung der Kulturen zeigt uns ein Votivaltar aus Geser. Ueber der Reliefdarstellung eines Kultpfeilers lesen wir die Inschrift, die den Altar dem Herakles weiht. Auf der anderen Seite widmet aber derselbe Mann denselben Altar dem Jao — ein Zeichen dafür, daß der Glaube an den jüdischen Gott damals Fortschritte machte. Ueber den Aberglauben der hellenischen Bevölkerung unterrichten uns die Zauberinschriften von Teil Sandahanna. Philonides und Xenodikos haben dem Pankleas Kopfschmerzen und andere Leiden angezaubert und der Unglückliche will sich nun revanchieren und. legt neben seine Inschrift, in der er dU Gegner verflucht, kleine gefesselte Bleifiguren, um den Zauber wirksam zu machen. Religion und Aberglaube,