Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 23 (5.6.1914)
- Article
- Die wirtschaftliche Lage des Kasa Safed unter besonderer Berücksichtigung der jüdischen Kolonien
- Date
- 1914-06-05
- Page
- 554 (sequence 2)
- Language
- German
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554 Nr. 23 DIBBELT würde sich wesentlich heben, wenn die Eingeborenen sowie die neben ihnen wohnenden jüdischen Kolonisten sich bemühen würden, die Ertragfähigkeit des Landes mit modernen Mitteln voll auszunützen. Bei Safed befindet sich nämlich die jüdische Kolonie Rosch Pinnah und fünf andere jüdische Ackerbaukolonien. Rosch Pinnah ist eine der ältesten jüdischen Ansiedlungen. Sie wurde im Jahre 1882 von Baron Edmund Rothschild gegründet und bildet eines der drei Kolonisationszentren der Jewish Colonization Association (J. C. A.) in Palästina (die beiden anderen sind Sichron Jakob bei Haifa und Rischon le-Zion bei Jaffa). Ihre zum Teil schmucken Häuser, Gärten, breiten Straßen und gepflegten Felder heben sich günstig von ihrer arabischen Umgebung ab. Die Lage der jüdischen Kolonisten hat sich besonders in den letzten 7 Jahren gebessert, seitdem sie sich mehr dem Obstbau, vor allem der Orangen— Oliven- und Mandelkultur gewidmet haben. Gemüsebau und Viehzucht kommen neuerdings auch mehr auf. Die jüdische Kolonisation in Palästina bildet bereits einen beachtenswerten Faktor im dortigen Wirtschaftsleben. Sie wird immer mehr dazu beitragen, die Landwirtschaft und auch den Handel zu heben und zu fördern. In Palästina bestehen bereits 40 jüdische landwirtschaftliche Ansiedlungen mit einem Gesamtbesitze von etwa 40000 ha. Hiervon liegen 6 bei Safed (Obergaliläa), 8 beim Tiberiassee (Untergaliläa), 5 in der Jesreelebene (Untergaliläa), y zwischen Haifa und Jaffa (Saronaebene), 12 südlich von Jaffa (Judäa). WELTCHRONIK Oesterreich Dr. Josef Porzer (Von unserem Berichterstatter.) a.— Wiens erster Bürgermeisterstellvertreter und einer der hervorragendsten antisemitischen Parteiführer, Dt. Josef Porzer, ist gestorben und auch in diesen Blättern muß von ihn; gesprochen werden. Dieser Hort der Wiener Christlichsozialen, von dem die „Reichspost“ schreibt, daß er „die Fortsetzung der Luegertradition übernommen hat“, daß er es war „der die alte Fahne entrollte, als Stunden kamen, welche die alte Luegeridee zu verdunkeln schienen“, dieser harte und unerbittliche Hasser der Juden war jüdischen Blutes. Der Mann, welcher die zweithöchste Würde der Haupt- und Residenzstadt bekleidete, war nach dem „Waidhofener Prinzip“, in welchem sein präsumtiver Nachfolger Dr. M a 1 a j a auf ge wachsen ist, ein Ehrloser. Die ihn zur Welt gebracht hat, kam nämlich aus gut jüdischer Familie und hieß N eust ein, und sein Oheim, der Dichter Ludwig August Frankl, war Sekretär der Wiener israelitischen Kultusgemeinde . . . „Trauere, christliches Wien, du hast deinen Josef Porzer verloren!“ hieß es im Nachrufe des christlichsozialen Hauptorganes. Mit großem Pomp wurde der Judensohn zu Grabe getragen, dreifach eingesegnet, Prinz Lichtenstein und Bürgermeister Dr. Weißkirchner priesen seine Verdienste und Herr Bielohlawek wünschte, daß es gelingen möge, „für alle von Porzer innegehabten Stellen Nachfolger von gleicher Charakterstärke, Konsequenz und Rechtlichkeit zu Was doch die „verderbliche asiatische Rasse“ für edle, großherzige und selbstlose — Judenfeinde hervorbringt! Sieghart, der Sohn eines Rabbiners, hat — wie einmal Weißkirchner lobend hervorhob — die Luegerpartei finanziert, und Porzer hat sie über Wasser gehalten, als Gefahr im Verzüge war. Freilich: Bürgermeister durfte der „berufene. Fortsetzer der Luegertradition“ nicht werden — von wegen der Familie. Aber darin liegt eben seine hochgepriesene Selbstlosigkeit und Treue, daß er genügend Verständnis für den „Rassenstandpunkt“ an den Tag legte und mit tiefer Verneigung Herrn Dr. Weißkirchner Platz machte. Hebräische Schulen in der Bukowina (Von unserem Berichterstatter.) g.— Das Interesse für das lebende Hebräisch dringt in immer weitere Kreise. Dank der Aufklärungsarbeit des zionistischen Landeskomitees in den letzten Jahren und besonders unter dem Eindruck der Berichte über die Blüte der hebräischen Sprache in Palästina haben sich auch die extrem orthodoxen Kreise, die gewohnt waren, in der hebräischen Sprache nur die heilige Sprache zu sehen, die man im alltäglichen Verkehr nicht gebrauchen dürfe, entschlossen, ihre Kinder in die modernen hebräischen Schulen zu schicken, wo man hebräisch spricht, singt, mitunter auch streitet und zankt. Blühende hebräische Schulen werden in der Bukowina unterhalten in Waschkoutz, Wiznitz, Sadagora, Kimpolung, Czernowitz und in allen größeren Städten; die jüngste in Nowosielitza, wo sie alle Juden unterstützen und von ihren Kindern besuchen lassen. Ungarn Die Konstituierung der „Ungarischen Ito“ (Von unserem Berichterstatter.) —1.1. Am 25. Mai d. Js. fand in Budapest die konstituierende Sitzung der „Ungarischen Ito“ statt, an deren Spitze bekanntlich die hiesigen führenden Assimilanten stehen. Zur Zeit der Gründung der allgemeinen Ito-Organisation wurde diese von denselben ungarischen Assimilanten ebenso heftig angegriffen wie der Zionismus. Nach den siebenjährigen Mißerfolgen der Ito wurde sie aber für gut genug befunden, um als „Gegengift“ gegen den verhaßten Zionismus propagiert zu werden. Da die Konstituierung mehrere für uns sehr interessante Momente aufwies, wollen wir darüber kurz berichten. Die Versammlung war alles eher als „zahlreich besucht“. Eine sorgfältige Zählung der Anwesenden ergab 70 Teilnehmer, darunter mehrere Zionisten, die aus Neugierde gekommen waren. Trotz der Potemkiniaden und des Bluffs, womit die Mitglieder angeworben worden waren (so z. B. wurde seinerzeit den ahnungslosen Provinzjuden erklärt, die Ito hätte Angola bereits erworben und in Texas Tausende und Zehntausende von Juden kolonisiert!) konnte also kein größeres Interesse erweckt werden. Der Generalreferent kam auf das Angola-Projekt zu sprechen und fand es seltsam, daß die Itoisten in England das Projekt befürworteten, die „Ungarische Ito“ jedoch nicht. „Von den praktischen Söhnen des kühlen Englands befürworten viele dies nebelhafte Projekt. Wir Magyaren (!), die wir unserer Rasse nach eine üppige orientalische Phantasie haben sollten, sind eher Anhänger der praktischen Arbeit.“ In der Tat, höchst seltsam ... Er meinte schließlich, daß „die reale Fortsetzung und, Ausgestaltung der Kolonisation (!) in Amerika“ als der wichtigste Punkt im Itoprogramme zu betrachten sei, worauf ein biederer Provinzjude aufstand und erklärte, die ungarischen Itoisten seien über die Probleme der Ito nicht genügend informiert und könnten nichts 3219990064^61583665459443931 49061110^90543