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Die Welt · 1914-05-29 · 22 (29.5.1914) · p. 537

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
22 (29.5.1914)
Article
Der Kongress der jüdischen Gemeinden Italiens in Rom
Date
1914-05-29
Page
537 (sequence 1)
Language
German
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Nr. 22 537 DIEXXELT Gesinnungsgenossen! Bestellt rechtzeitig die Herzl - Gedenknummer der „Welt*4 Italien Der Kongreß der jüdischen Gemeinden Italiens in Rom (Von unserem Berichterstatter.) 1.— Nach langen Verschiebungen tagte am 11. Mai 1914 endlich der lang ersehnte öffentliche Kongreß der jüdischen Gemeinden Italiens. Fast alle jüdischen Gemeinden Italiens — mit Ausnahme einiger kleinerer unbedeutender — hatten eigene Delegierte entsandt. Das Präsidium besteht aus Comm. adv. Angelo Sereni, Präses der römischen Gemeinde und Vorsitzender des „Zentralkomitees der jüdischen Gemeinden Italiens", Cav. Anselmo Colombo, Schriftführer des Komitees und dem Rabbiner von Rom. Comm. Angelo Sereni (Rom) eröffnet die Tagung mit einer warmen Begrüßungsansprache. Er erinnert an den vor einigen Monaten hier abgehaltenen Jugendkongreß. Indem er mit Freude die Versuche zur Erneuerung des italienischen Judentums begrüßt, das jetzt nach einer langen Zeit vollständiger Gleichgültigkeit neuen Willen zu jüdischem Leben zeigt, erinnert er kurz an die Vorgeschichte dieser Tagung, die die geplante Vereinigung aller jüdischer Gemeinden bringen müsse. Dr. Sacerdoti begrüßt den Kongreß als Rabbiner von Rom. Als Unterlage der Beratungen liegen den Delegierten zwei Drucksachen vor: Der Tätigkeitsbericht des Komitees während der letzten drei Jahre und ein eingehender Vorschlag mit Statutenentwurf zur Bildung des „Konsortiums", der offiziellen Vertretung der italienischen Gemeinden. Es wird zuerst über das Statut der zu bildenden Vertretung diskutiert. Adv. Vitale (Alexandrien), der Berichterstatter des Projekts, erklärt ausführlich die .Motive, die zur Bildung einer Gesamtorganisation der italienischen Gemeinden geführt haben. Er gibt einige interessante Daten über die Geschichte dieser Bewegung. Früher wollte man nur die Wohltätigkeitsinstitute zusammenschließen. Man gewann aber die Ueberzeugung, daß dies allein nicht genüge, da besonders durch die allgemeine Abwanderung der Juden von den kleinen in die großen Städte das Vermögen der kleineren Gemeinden gänzlich zersplittert werde. So kam man auf die Idee der Schaffung einer Organisation der Gemeinden. Es wurde dann vorerst ein „Komitee der Gemeinden" eingesetzt, das alle nötigen Vorarbeiten auszuführen hätte. Er glaube, daß nun der Zeitpunkt gekommen sei, die feste Gemeindeorganisation zu schaffen und er hoffe, der Kongreß werde Mittel und Wege finden zur Verwirklichung dieser Ziele. Nach ausführlicher Diskussion wird der erste Teil des Statuts in folgender Fassung genehmigt: „Art. 1. Es wird ein Konsortium (Bund) der jüdischen Gemeinden Italiens konstituiert. Dem Bunde können alle Gemeinden und andere Vereinigungen oder Gruppen von Juden beitreten, die für den Kultus und für die jüdische Erziehung innerhalb Italiens und seiner Grenzen sorgen. Art. 2. Sitz des Gemeindebundes ist Rom. Art. 3. Zweck des Gemeindebundes ist: a) zweckentsprechende Maßregeln für jene Gemeinden zu treffen, die nur ein klägliches Leben fristen oder langsam untergehen; b) die Bildung neuer Gemeinden zu erleichtern, wo das Bedürfnis dafür vorhanden ist; c) alles zu fördern, was für alle Gemeinden von gemeinsamem Interesse ist, besonders die hebräische Kultur und die Erhaltung der religiösen, geschichtlichen und Kunstdenkmäler." In der Nachmittagssitzung werden die anderen Artikel des Statuts beraten und nach eingehender Debatte angenommen. In der dritten Sitzung wurde der Rechenschaftsbericht über die Tätigkeit des Komitees während der letzten drei Jahre erörtert. (Siehe unseren Bericht in der „Welt" Nr. 20.) — Der Vorsitzende verliest einen Brief des zweiten Delegierten von Florenz, Adv. Quinto S i n i g a g 1 i a , der den Tätigkeitsbericht scharf kritisiert. Mehrere Herren sprechen über die kleinen Gemeinden, die unter schweren Mißständen leiden. Prof. Colombo hebt die Schwierigkeiten hervor, mit denen das Komitee zu kämpfen hat, um diese kleinen Gemeinden zu reorganisieren und sie den größeren anzugliedem. Das Komitee habe bis jetzt nur Opposition von seiten dieser Gemeinden gehabt. Man müsse aber trotzdem die begonnene Arbeit unentwegt fortsetzen. ln der vierten Sitzung spricht unser bekannter Gesinnungsgenosse, Adv. Angelo S u 11 a m (Venedig), über die Tripolitanische Judenfrage. Er weist auf die große Zahl unserer Glaubensgenossen in Tripolis hin, von denen ein guter Prozentsatz Ackerbauer seien. Das Komitee müßte sich besonders dafür interessieren, daß diese ihre Existenz als Erdarbeiter weiterführen können und sogar einen weiteren Kreis der dortigen Juden zur Erdarbeit anleiten. Zu dieser Aufgabe könnte sich das Komitee mit der „Alliance" in Verbindung setzen, die Ackerbauschulen hat, oder mit den Zionisten, die die jüdischen Kolonien zu einer wunderbaren Entwicklung gebracht hätten. Sullam sprach noch über die Falaschas und über Gemeindefragen. Nach einer sehr bewegten Diskussion wird folgende von Herrn Ravä eingebrachte Resolution mit großer Mehrheit angenommen: „Der Kongreß spricht seine Genugtuung über die vom Komitee geleitete Arbeit sowohl bezüglich der Aufstellung des vom Kongreß genehmigten Statuts als auch bezüglich des Eintretens für die Juden anderer Staaten. Er wünscht, daß das neue Komitee die Arbeit nach denselben Grundsätzen weiterführe.“ Mit der Neuwahl des Zentralkomitees endete der Kongreß. Türkei Die innerpolitische Lage der Türkei Mit dem üblichen Zeremoniell, doch ohne sonderliche Prachtentfaltung und bei verhältnismäßig geringer Anteilnahme des Publikums ist die neue türkische Kammer — die erste seit dem Balkankrieg — zusammengetreten. Die innerpolitische Lage, die in den Debatten des Parlaments ihr Spiegelbild finden wird, ist diesmal mit ziemlicher Leichtigkeit zu skizzieren. Die Oppositionspartei der „Entente Liberale“ ist völlig verschwunden. Einige Reste sind wohl noch vorhanden, aber sie wagen sich nicht hervor und treten nicht einmal durch die Presse in Erscheinung. Noch immer herrscht hier der Belagerungszustand und die Militärgerichte unterdrücken rücksichtslos jede oppositionelle Anwandlung. Die Komiteepartei regiert. Sie regiert ohne parlamentarisches Gegengewicht und sie mag dies als eine Verstärkung ihres Einflusses im Lande empfinden. Andererseits ist die Bedeutung der offiziellen Regierung, des Ministerkabinetts, gegenüber der früheren geheimen Komiteeherrschaft gewachsen. Im Laufe der Zeit haben sich nämlich aus dem Komitee selbst einige Persönlichkeiten hervorgehoben, die sich nach innen und außen so viel Ansehen zu verschaffen wußten, daß man sie heute, da sie Minister geworden sind, nicht mehr als Beauftragte des Komitees Einheit und Fortschritt, sondern als selbständig denkende und handelnde Politiker betrachten muß. Es sind dies Talaat Bev, der Minister des Innern, Djemal Pascha, der Marineminister, und Enver

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